Kaum jemand konnte ahnen, dass ein kleiner kränklicher Kleinstadtjunge, dem seine Mutter ab und zu ein Blättchen Papier und einen Stift in die Hände gab, um ihn zu beschäftigen, einmal ein bekannter Künstler werden würde. Wladimir Karius’ ganzes Leben lief aber genau darauf hinaus, und auch ein schwerer Unfall konnte ihm den Mut nicht nehmen. Ganz im Gegenteil – Kunst rettete ihm damals das Leben.

/Bild: Jekaterina Jansen. ‚Inzwischen ein gefragter Künstler: Wladimir Karius bei der Eröffnung seiner Ausstellung in Barnaul.’/

Wladimir Karius wurde 1958 in Barnaul als Sohn russlanddeutscher Eltern geboren. Nach der Schule entschied er sich für den Beruf des Diamantenschleifers, der allerdings keinesfalls seine Endstation werden sollte. Nachdem er das Technikum für Bauwesen absolviert hatte, studierte er Architektur. Im Anschluss daran arbeitete er 18 Jahre lang als Feuerwehrmann. Danach beschloss er, nach Deutschland, in seine „historische Heimat“ umzusiedeln.

So hätte es weiter gehen können, wenn sich nicht fünf Monate nach seinem Umzug Schreckliches ereignet hätte: Es kam zu einem Autounfall. Ein halbes Jahr lang war er absolut handlungsunfähig, dann folgte ein Jahr, in dem er sich nur mit Hilfe von Krücken bewegen konnte. Die Frage kam auf, ob er irgendwann wieder selbstständig gehen, arbeiten oder überhaupt etwas tun können würde. In dieser Zeit erinnerte er sich an sein Hobby. „Alle meine Besucher, alle Verwandten und Bekannten wussten, dass es besser war, nicht zu mir zu kommen, wenn man kein Stück Holz zum Schnitzen dabei hatte“, denkt Wladimir an jene Zeit zurück, heute wieder mit einem Lächeln.

Kunst hatte ihn sein Leben lang begleitet. Als kleiner Junge hatte er häufig gekränkelt. Das verschaffte ihm viel freie Zeit, die er malend verbrachte. Im Schulfach Kunst bekam er vor allem Fünfen (entspricht der deutschen Schulnote Eins) und half auch seinen Schulkameraden, Fünfen zu bekommen. In der Fachschule, im Technikum und auch später war er dann für die Gestaltung von Ständen und Wandzeitungen zuständig. Als Feuerwehrmann stattete er 2000 einen überregionalen Wettkampf mit Ständen, Postern und Medaillen künstlerisch aus, wofür es eine Auszeichnung aus Moskau gab. „Gleichzeitig schaffte ich es, die alte russisch-orthodoxe Kirche der Stadt zu restaurieren. Und das war mein Ventil.“ Einige Zeit war er auch in der Werbebranche tätig.

Unfall als Wendepunkt

Der schwere Unfall ließ aus dem Hobby Berufung werden. Seither widmet er seine ganze Zeit dem Schaffen. Er malt mit Öl, Aquarell, Tusche, zeichnet, schnitzt und bastelt aus Straußeneiern. „Meine Hauptkritiker sind hundertprozentig meine Kinder“, meint er. Seit 2004 ist er Mitglied der Russisch-Deutschen Künstlergesellschaft Nürnberg.

Als er der Gesellschaft beitrat, zählte sie 26 Mitglieder, heute sind es 40 Künstler. 90 Prozent von ihnen sind Auswanderer aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion, 10 Prozent sind deutsche Künstler. Neuerdings finden auch Künstler aus Holland, der Schweiz, Polen und Tschechien Eingang in die Gesellschaft.

„Da die Mitglieder meist aus Osteuropa stammen, ist hier der Realismus besonders beliebt. In Westeuropa ist man davon schon in den 1980ern abgekommen“, kommentiert Wladimir. „Das bestimmt auch das Publikum der Ausstellungen, organisiert von der Gesellschaft. Es sind vor allem Russlanddeutsche und diejenigen, die aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind, obgleich auch zahlreiche Westeuropäer interessiert sind.“

Die Russisch-Deutsche Künstlergesellschaft Nürnberg wird in großem Maße von der Stadt gefördert: Nürnberg stellt der Gesellschaft Räume für ihre Ausstellungen zur freien Verfügung, am häufigsten finden sie im Rathaus statt. Dafür beteiligen sich die Mitglieder an Wohltätigkeitsprojekten der Stadt, spenden einen Teil ihres Ertrags für die Behandlung Behinderter, arbeiten in Sonntagsschulen und vermitteln Interessenten künstlerische Grundkenntnisse.

Sprache als Verkaufsargument

Wladimir arbeitet auf Hochtouren. Außer in Nürnberg hatte er Ausstellungen in Berlin, Freiburg, Augsburg, Nördlingen und anderen deutschen Städten. Bis zum 30. September lief seine Ausstellung in Reimlingen, wo 70 Objekte unterschiedlicher Stile gezeigt wurden. „Anfangs kaufte niemand in Deutschland meine Werke. Ich konnte es nicht fassen, die Äußerungen der Besucher waren doch meist positiv. Dann begriff ich den Grund. Mein Deutsch war nicht gut genug, um die Aufmerksamkeit potenzieller Käufer beim Kommentieren meiner Werke zu wecken.“ Nach einiger Zeit gründlicher Arbeit an der Sprache und an sich selbst ist er zu einem respektierten Künstler mit gefragten Werken geworden.

Manchmal erinnert er sich an seine erste Ausstellung, die er 2000 in seiner Heimatstadt Barnaul organisiert hatte: „Eine richtige Ausstellung war es ja nicht, ich stellte damals nur zehn Holzfiguren aus. Zusammen mit dem Russisch-Deutschen Haus der Altairegion haben wir sie im Gebäude der Regionsbibliothek durchgeführt.“

Jetzt war Wladimir wieder in Barnaul, und wie vor acht Jahren wurde er vom Russisch-Deutschen Haus der Altairegion unterstützt, das ihm einen Ausstellungsraum zur Verfügung stellte. Am 2. September 2008 fand die feierliche Eröffnung der Ausstellung von Wladimir Karius statt, wo der Künstler seine Grafiken ausstellte. Außerdem präsentierte er seine Werke anderer Stile, die er wegen Beförderungsprobleme aus Deutschland nicht mitbringen konnte. „Seit zwei Jahren arbeiten wir mit dem Künstlerverband Russlands eng zusammen. Ich denke, ich bin nur die erste Schwalbe hier. Im Weiteren haben wir vor, Ausstellungen von anderen Künstlern unserer Gesellschaft in Russland zu organisieren, und natürlich Werke von russischen Künstlern in Deutschland auszustellen.“

10/10/08

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