Sibirien, Ende März: Die Tage werden länger und wärmer. Der ewige Schnee scheint endlich zu tauen. Omsk lässt im Sonnenschein sein Architekturmosaik zutage treten: prachtvolle, klassizistische Gebäude aus der Zarenzeit, ein bisschen Jugendstil, rote Backsteinbauten, Chrutschowskas. Dazwischen finden sich immer wieder die für Sibirien typischen kleinen Holzhäuschen mit bunten Fensterläden. Irgendwo soll sich sogar ein Bauhaus-Gebäude befinden – nicht unwichtig im einhundertsten Jubiläumsjahr der deutschen Kunstschule.
Omsk mit seinen knapp 1,2 Millionen Einwohnern ist die achtgrößte Stadt Russlands. Schon ihre Geschichte beginnt mit einem Deutschen. 1716 gründete der Oberstleutnant Johann Buchholz Omsk als Grenzfestung der russischen Armee und Ausgangspunkt für die weitere Erschließung Sibiriens am Ufer des Flusses Irtysch. Die Festung ist heute noch zu sehen. 2010 lebten 102 Ethnien in Omsk. Die größte Minderheit stellen mit 3,4 Prozent die Kasachen. Danach folgen Ukrainer, Tataren und Deutsche.

Historische Ausgabe: Seit 1992 erscheint “ihre Zeitung”.

Die Deutschen und Omsk – da klingelt etwas. Im 19. Jahrhundert siedelten sich die ersten Deutschen im Süden des Omsker Gebiets an. Sie kamen von der Wolga, wo langsam der Platz knapp wurde, nachdem sie einhundert Jahre zuvor von Katharina der Großen eingeladen worden waren, und gründeten nun in Sibirien Ortschaften mit Namen wie Rosental oder Blumenfeld. Auf dem Weg dorthin informiert ein Straßenschild in deutscher Sprache, dass man nun im Deutschen Nationalkreis Asowo ist. Auf dem Weg zurück wünscht dasselbe Schild „Gute Reise“.

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In Asowo trifft man überall deutsche Namen an. Es ist Tag der Kulturarbeiter in Russland. Im Kulturzentrum dankt man mit einer kleinen Showeinlage den Künstlern, Theaterregisseuren und Bibliothekaren. Für Frau Weiss gibt es Blumen, für Herrn Krieger einen Händedruck. Weiter geht es zur Redaktion von „Ihre Zeitung“. Wöchentlich informiert „Wascha Gazeta“ über die aktuellen Ereignisse im Kreis Asowo. „In allen 52 Kulturzentren des Nationalkreises liegen die Ausgaben aus“, erklärt Chefredakteurin Anna Belkina. Die Zeitung erscheint in russischer Sprache, einmal im Monat gibt es eine Seite mit Texten auf Deutsch.

Zu Besuch im Deutsch-Russischen Haus Omsk.

Neben dem Gebäude der Redaktion gibt es einen kleinen Laden, der Produkte des kasachischen Süßwarenherstellers „Rakhat“ verkauft. Der Angestellte ist Tadschike. Als er bemerkt, dass Deutsche im Laden sind, fängt er an, von den arischen Tadschiken zu erzählen und dem „gemeinsamen Blut“, welches durch die Adern der Tadschiken und Deutschen fließen würde. Und übrigens: „Medizin und Arzt sind tadschikische Wörter.“

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Eine halbe Autostunde von Asowo entfernt liegt Alexandrowka. Es ist das älteste der deutschen Dörfer, geründet von lutherischen Kolonisten aus den Gouvernements Saratow und Samara. „Zwei Jahre waren sie unterwegs, bevor sie sich 1893 hier niederließen“, erklärt Tatjana Rene, die aus Alexandrowka stammt und durch das hiesige Heimatmuseum führt. Die Mittsechzigerin besticht durch ihr Wissen über die Geschichte und Traditionen der Russlanddeutschen – und ihr Deutsch. Manchmal schimmern russische Formulierungen durch, wenn sie spricht. Hochdeutsch falle ihr schwer, sagt Rene. Normalerweise spricht sie Platt, aber sie habe Sorge, dass die Besucher aus Deutschland das nicht verstehen würden.

„Meine Großeltern waren zehn Jahre alt, als sie nach Alexandrowka kamen“, erzählt Rene. In der Familie haben sie immer nur Deutsch gesprochen. Russisch habe sie als Fremdsprache gelernt. Sie ist eine der wenigen Russlanddeutschen, die noch hier sind. In den Neunzigern, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, verließen hunderttausende die Region gen Deutschland. In die Häuser der Fortgezogenen kamen Deutsche aus Kasachstan. Sie hofften auf ein besseres Leben im benachbarten Russland – und die Möglichkeit von dort aus weiter in die historische Heimat zu reisen.

Deutsches Leben in Sibirien

Tatjana Rene ist eine waschechte Sibiriendeutschen. Im ehemals deutschen Dorf Alexandrowk führt sie durch das Heimatmuseum. Im Video erzählt sie über ihre Arbeit und das deutsche Leben vor Ort.

Gepostet von Deutsche Allgemeine Zeitung am Dienstag, 2. April 2019

Schätzungen gehen davon aus, dass im Omsker Gebiet 50.000 Russlanddeutsche leben. Etwa 20.000 in der Stadt selbst und 30.000 in der Region. „Für die Jugend ist es schwierig. Es gibt kaum Arbeit für sie.“ Viele gehen deshalb nach Omsk, in andere größere Städte oder eben nach Deutschland. Renes Kinder sind geblieben: Ihre Tochter arbeitet in demselben Kindergarten in dem Rene selbst 21 Jahre lang als Erzieherin tätig war, bevor sie 2003 in dem Museum anfing. Ihr Sohn arbeitet in der Gebietsverwaltung. In Alexandrowka gibt es noch einen deutschen Bauern und eine deutsche Bäckerei. Die Backwaren lassen sich unter anderem im Dorfladen kaufen, in dem sich sogar die Putzfrau als Deutsche herausstellt.

Zwölf Prozent der Menschen in Alexandrowka sprechen noch Deutsch, schätzt Rene. Doch sie werden weniger. Zum Erhalt der deutschen Sprache und Kultur gibt es auch Unterstützung aus Deutschland. So wurde mit bundesdeutschen Mitteln 2016 das „Deutsch-Russische Haus“ in Omsk eröffnet. Neben Sprachkursen für Groß und Klein finden hier regelmäßig Veranstaltungen der deutschen Minderheit statt. „Die meisten Russlanddeutschen haben wir in den Deutschkursen auf A1- und A2-Niveau. Sie lernen soweit Deutsch, bis es reicht, die Ausreise nach Deutschland zu beantragen“, berichtet Swetlana Polujkowa, Leiterin des Sprachlernzentrums „Kontakt“ in Omsk. Das Sprachlernzentrum organisiert regelmäßig Veranstaltungen wie Konversationsclubs oder Filmnachmittage. Da viele Landbewohner nicht genug Geld haben, um für einen Deutschkurs extra nach Omsk zu fahren, schickt das Goethe-Institut einen Sprachassistenten aus Deutschland in die Dörfer.

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Rote Backsteinhäuser in Omsk.

Dass Deutsch in Omsk einen besonderen Stellenwert hat, zeigt auch die Zeitschrift „Vitamin DE“. „Die Zeitschrift wurde 1999 unter dem Namen ‚Zeitung für alle Freunde der deutschen Sprache‘ gegründet“, erinnert sich Chefredakteur Robert Teschner. Er kam um die Jahrtausendwende nach Omsk, hat die Entwicklung begleitet und maßgeblich dazu beigetragen, dass „Vitamin DE“ heute die größte Sprachlernzeitschrift für Deutsch weltweit ist. Vierteljährlich erscheinend, wird sie mittlerweile in mehr als 100 Ländern vertrieben. Die meisten Leser sind in Osteuropa, Russland, den GUS-Ländern und China.

Das deutsche Sibirien lebt. Es sind engagierte Russlanddeutsche wie Rene, die die Traditionen bewahren wollen. Es gibt die Sprachprojekte des Goethe-Instituts und soziale Projekte der evangelischen wie katholischen Kirche, zum Beispiel eine Senioren-WG in Serebropolje. Doch der Nachwuchs sucht Perspektiven. Am letzten Märztag gibt der Winter dann noch einmal alles und lässt Omsk unter einer weißen Schneeschicht verschwinden.

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