Dass die Deutschen schon immer ein reisefreudiges Volk waren, ist kein Geheimnis. Dass die Abenteuerlust Forscher und Entdecker bereits im 18. Jahrhundert nach Kasachstan geführt hat, ist weniger bekannt.

Damit jene Persönlichkeiten, welche die Entwicklung Zentralasiens mitprägten, nicht in Vergessenheit geraten, hat die Vereinigung Russlanddeutscher in Kasachstan („Wiedergeburt“) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Allgemeinen Zeitung eine Essaysammlung herausgegeben. In „Das Kulturerbe der Deutschen in Zentralasien“ berichten Wissenschaftler und Publizisten in acht Aufsätzen über die Pionierarbeit niedergelassener Deutschstämmiger und deutscher Forschungsreisender in Kasachstan.

In der Nacht vor dem Beben

Zum Beispiel war da Eduard Baum. Welchen Einfluss sein Nachname auf seine Berufswahl hatte, ist nicht überliefert. Sicher ist jedoch, dass der Botaniker zeit seines Lebens ein großer Liebhaber des Waldes war. Eine eher kuriose Geschichte sorgte dafür, dass sein Name bis heute in Erinnerung ist. Nach dem großen Erdbeben von 1887 musste Baum als städtischer Forstbeamter schweren Herzens die Rodung der umliegenden Wälder genehmigen, um Baumaterial zum Wiederaufbau der Stadt Werny, dem heutigen Almaty, zur Verfügung zu stellen. Große Flächen des Forstes fielen den Städtern zum Opfer. Denn Häuser aus Stein durften nach dem großen Beben aus Sicherheitsgründen nicht mehr errichtet werden.
Das wollte Baum ändern. 1910 hielt er auf einer Versammlung, zu der nach Überlieferung nahezu die gesamte Stadt erschienen war, ein flammendes Plädoyer für den Verzicht auf die Rodung weiterer Waldgebiete. Er versuchte die Menge davon zu überzeugen, wie unwahrscheinlich ein neuerliches Erdbeben der Stärke von 1897 sei. Die Bürger sollten deswegen keine Angst haben und getrost Steinhäuser bauen. Vermutlich hätte der glänzende Rhetoriker Baum die Menschen mit seiner Rede überzeugt. Wenn, ja wenn nicht in der darauffolgenden Nacht ein Beben, dass selbst jenes von 1897 in den Schatten stellte, Werny komplett zerstört hätte.

Spuren seines Wirkens sind im heutigen Almaty jedoch noch immer zu finden. Es existiert nach wie vor das „Baum-Wäldchen“ („Rostscha Bauma“), das 1892 auf seine Initiative hin gepflanzt wurde. Und sein Holzhaus in der Amangeldy-Straße kann ebenfalls noch bewundert werden.

Odyssee zum Chan-Tengri

Eine andere Geschichte ist die des Geoforschers Gottfried Merzbacher. Der Franke war der Erste, der im Tianschan-Gebirge einen Zugang zum legendären Chan-Tengri-Gipfel gefunden hat. Auf dem Weg dahin stieß er auf eine „weite Senke, ausgefüllt von einem riesigen Eissee, aus dessen tiefblauen Fluten Tausende kleiner mannigfaltig geformter Eisberge und Schollen herausragen“, wie er in einem Bericht schreibt. Was er da fand, galt lange Zeit als geologische Sensation. Denn Forscher konnten erst in unserer Zeit erklären, warum der Wasserspiegel des Sees regelmäßig steigt und fällt. Russische Alpinisten, die den Eissee auf einer Expedition besichtigten, benannten den See Merzbacher zu Ehren nach ihm. Der Münchner Forschungsreisende selbst war alles andere als begeistert, auf den See zu stoßen, versperrte er doch den Weg zum Chan-Tengri und verzögerte seine strapazenreiche Expedition erheblich.

Merzbachers Leistungen sind auch deshalb erstaunlich, weil der gelernte Kürschner und Pelzwarenhändler keine akademische Ausbildung genossen hat. Als Privatgelehrter und Autodidakt nutzte er seine mit dem Verkauf des Pelzwarengeschäfts erworbene wirtschaftliche Unabhängigkeit, um seinen Forschungsreisen nachzugehen.

In Deutschland ist Merzbacher allerdings beinahe in Vergessenheit geraten. Da er Jude war, wurden seine Leistungen während der Zeit des Nationalsozialismus lange Zeit vertuscht. Erst spät kehrte er ins Bewusstsein der Forschungsgemeinschaft zurück. Heute erinnert an Merzbacher außer dem See und einer Forschungsstation noch eine Straße, die in München nach ihm benannt wurde.

Dies sind nur zwei Geschichten aus dem 240 Seiten zählenden Buch. Sechs weitere, wie zum Beispiel die des nach Ust-Kamenogorsk verbannten Geologen Jewgeni Michaelis, der einen derart schillernden Charakter hatte, dass Iwan Turgenjew ihn in seinem Roman „Väter und Söhne“ als Vorbild für den Nihilisten Basarow verwendete, warten außerdem noch darauf, gelesen zu werden.

Der Band, der mit Unterstützung des Bundesministeriums des Inneren entstand, liegt sowohl in gedruckter Form als auch als PDF-download vor. Zu finden ist er auf der DAZ-Homepage (www.deutsche-allgemeine-zeitung.de).

Von Igor Steinle

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