Die Bayreuther Festspiele sind eine Erfindung des Komponisten Richard Wagner. Mit dem Abgang seines Enkels Wolfgang endet nun die längste Dienstzeit eines künstlerischen Leiters des seit 1876 stattfindenden Konzertereignisses. Die Nachfolge tritt eine weibliche Doppelspitze an, die verschiedene Qualitäten vereinen soll.

/Foto: g1946 / pixelio.de/

Am 12. Mai 1871 kündigte Richard Wagner das Projekt „Bayreuther Festspiele“ an, und sechs Tage später folgte seine Aufforderung zum Erwerb von insgesamt 1.000 Patronatsscheinen zu je 300 Talern. Mit den Einnahmen sollten der Bau des Festspielhauses und der „Ring des Nibelungen“ finanziert werden. Auslöser war der Wunsch des Meisters, sich jenseits der etablierten Häuser und ungetrübt von den Zwängen des Repertoirebetriebes der Aufführung seiner Werke hingeben zu können.

Der Bayreuther Musikalienhändler Emil Heckel bewegte Richard Wagner zur Gründung von Wagner-Vereinen, die auch einfachen Bürgern ermöglichen sollten, Patronatsscheine zu erwerben. Am 20. Dezember wurde – flankiert von einem durch Wagner dirigierten Konzert – in Mannheim der erste Wagner-Verein gegründet. Andere deutsche und einige Städte im Ausland folgten mit weiteren Gründungen.

Die Einnahmen aus diesen Unternehmungen, die letztlich auch an der Teilnahmslosigkeit der deutschen Öffentlichkeit krankten, waren gering, und die Bayreuther Festspiele wären ohne einen helfenden Kredit Ludwigs II. von Bayern nicht zu finanzieren gewesen, nichtsdestotrotz waren sie Ausgangspunkt der heute weltweit bekannten Bayreuther Festspiele, die am 13. August 1876 mit der Aufführung des „Ring des Nibelungen“ erstmalig stattfanden. Von 1973 an ist die Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth Träger der Festspiele.

Seit Wagner am 13. Februar 1883 an einem Herzkrampf starb, lässt das Familienunternehmen Wagner – mit finanziell oder politisch motivierten Unterbrechungen – im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in jährlicher Folge die sieben großen Werke Richards, Ausschnitte daraus oder gelegentlich Beethovens Neunte aufführen.

Am 31. August 2008 kündigte Wolfgang Wagner, seit 1951 mit seinem Bruder Wieland und ab 1967 allein Künstlerischer Leiter, seinen Abgang zugunsten der Töchter Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier an. Wolfgang Wagner, der sich unter anderen um die Erneuerung der durch die Hitlernähe von Winifred Wagner in Misskredit geratenen Festspiele verdient gemacht hatte, war durch überzogenes Festhalten am Amt und Diskussionen um seine Nachfolge seit den 1990er Jahren immer wieder Medienthema.

Die neue Doppelspitze soll Moderne und Tradition zugleich verkörpern: Katharina mag als 30-Jährige für ein modernes Wagner-Bild stehen und das doch so nötige jüngere Publikum gewinnen helfen. Die 63-jährige Eva wird – so der Wunsch des Stiftungsbeirates – für musikalische Qualitäts- und Planungssicherung und einen verantwortlichen Umgang mit den finanziellen Ressourcen sorgen. Als vormalige Festivalleiterin in Aix-en-Provence könnte ihr auch eine bessere Integration Bayreuths in die internationale Szene gelingen.

Verpflichtungen auf Lebenszeit sind offenbar passé in Bayreuth: Evas und Katharinas voraussichtlich befristete Verträge werden derzeit im Stiftungsrat verhandelt und 2009 vorliegen.

Unterdessen berichtet die „Jüdische Allgemeine“ in ihrer letzten Ausgabe mit der zitierenden Überschrift „Wir wollen die Kellertüren öffnen“ von der Absicht Katharina Wagners, die Verflechtungen der Festspiele mit dem NS-Regime aufarbeiten zu wollen: Zwischen 1940 und 1944 wurden auf Hitlers Anweisung jährlich „Kriegsfestspiele“ auf dem Grünen Hügel veranstaltet. Vor diesem Hintergrund bleibt es nicht nur künstlerisch spannend in Bayreuth, und man mag sich Katharina Wagner anschließen und sagen: „Historiker der Welt, kommt nach Bayreuth!”

Von Steffen Eck

12/09/08

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