Dürre Weihnachtsbäume, die der Vater mit Ästen verdichtete, Weihnachtskugeln aus der DDR und selbstgebackener Strudel: Georg Frasch erinnert sich an das Weihnachtsfest seiner Kindheit in Kasachstan. Die deutschen Weihnachtslieder konnte er damals noch nicht mitsingen, erst nach seiner Umsiedlung nach Deutschland hat er mit Hilfe von Witzen Deutsch gelernt.

/Bild: privat. ‚Georg Frasch ‚/

Über meine Biografie ist viel zu erzählen. Und gleichzeitig nicht – wie man’s nimmt. Meine Eltern sind auf der Krim geboren. Sie waren drei Monate verheiratet, als der Vater 1933 verhaftet und zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Nach den zehn Jahren tobte der Krieg, also durfte er bis 1949 im Lager bleiben. Er saß in Usbekistan, die Mutter ist ihm dorthin gefolgt. Im Mai 1947 wurde ich geboren, im September 1949 – mein Bruder. Er war erst fünf Wochen alt, als mein Vater wieder verhaftet wurde – im Zuge einer Nachkriegswelle der Verhaftungen.

Er wurde nach Kasachstan, ins Gebiet Karaganda, deportiert. Die Familie folgte ihm nach Petrowka, Tokarewka und Aktau. In Aktau absolvierte ich 1965 meine elf Klassen, ging nach Alma-Ata und schrieb mich für das Studium der Automatik und Telemechanik an der Fakultät für Automatik und Rechentechnik des Kasachischen Polytechnischen Institutes ein.

Erfolgreiche Studienzeit

Ich finde, dass meine Mitstudenten sehr stark in ganz unterschiedlichen Richtungen waren. Wir hatten sehr gute Schachspieler, Boxer, Fechter, Kämpfer. Besonders berühmt aber wurden unsere Kommilitonen, die die Gruppe DosMuKaSan gründeten. Als wir uns 1990 zu unserem 20-jährigen Jubiläum in Alma-Ata trafen, war D. Suleew Prorektor im Energetischem Institut, Murat Kusainow ein Komponist, unser permanenter Sieger in allen Kampfarten Kanat Asaubajew Dekan unserer Fakultät, Jewgeni Gagarinow – Sportmeister in Fechten – war Stadtrat. Alle aus der Gruppe ATM 65-1! Und auch viele andere Mitstudenten konnten eine erfolgreiche Karriere machen.

Ich bin nach dem Studium nach Karaganda gegangen, wo meine Eltern nicht weit entfernt in Aktau lebten. Bin im Bergbau und nachher im Karagandaer Polytechnischen Institut tätig gewesen. 1976 zog meine Familie nach Kiew um, wo ich an der Akademie der Wissenschaften der Ukraine, im Institut für Geophysik arbeitete. 1983 promovierte ich in der Fachrichtung Bodenmechanik mit der Spezialisierung Sprengarbeiten im Frostboden. Ziemlich weit entfernt von meiner Studienrichtung, nicht wahr? 1989-1992 arbeitete ich am Kiewer Polytechnischen Institut, 1992 siedelte meine Familie nach Deutschland um.

Leben in Deutschland

Jetzt wohne ich in Thüringen und habe mir hier noch einen Beruf zugelegt – Spezialist für Geografische Informationssysteme. Eine sehr interessante Sache. Als Stichworte reichen zum Beispiel GPS oder Navigationssystem. Aber es ist wesentlich mehr.

Über mein Hobby. Um mein Deutsch zu verbessern, habe ich angefangen Witze zu sammeln und sie aus der russischen in die deutsche Sprache zu übersetzen. So ist mein Buch „Das Lachen ist `ne ernste Sache“ entstanden. Habe extra nur kurze Witze ausgewählt, um sie unterwegs lesen zu können.

Nur einmal kam der Weihnachtsmann

Was die Erinnerung an Weihnachten in meiner Kindheit betrifft, da ist nicht viel zu sagen. Ich kann mich nur an einen Fall erinnern, wo es einen Weihnachtsmann gab, der irgendwelche Geschenke brachte. Sonst war es bei uns diesbezüglich ziemlich bescheiden. An die Tannenbäume erinnere ich mich sehr gut. Da sie aus verständlichen Gründen bei uns in Zentralkasachstan ziemlich armselig aussahen, musste mein Vater sie immer verdichten und Äste einbauen. Eigentlich hat man aus zwei Bäumen einen zusammengebastelt.

Den Schmuck hatten wir teilweise selber gemacht; nach und nach hat sich eine beträchtliche Menge von Kugeln und anderen schönen Sachen angesammelt. Viele davon stammten übrigens aus der DDR.

Was in meiner Familie zu der Weihnachtszeit aber sehr groß geschrieben war, das war das Backen. Es wurden allerlei Bretzeln, Kuchen, Strudel und was weiß ich noch was gemacht, die wir noch lange nach dem Fest mit größtem Vergnügen aßen.

Nach 1956 durften die Deutschen sich frei bewegen, und zu uns nach Aktau kamen innerhalb eines Jahres fünf Familien meiner Cousins, die viel älter waren als ich, da mein Vater seit 1933 als Volksfeind 15 Jahren im GULAG verbracht hatte. Da hat man Weihnachten erstmals ausgiebig gefeiert und zwar in allen Familien der Reihe nach. Mein Vater spielte gut Akkordeon und Geige, Mutter hatte eine sehr gute Stimme, die Cousins sangen auch leidenschaftlich gern.

Deutsche Weihnachtslieder

An die Titel der Lieder kann ich mich leider nicht erinnern, da sie ja alle in Deutsch waren, und ich damals dieser Sprache noch nicht mächtig war.

Einige Worte habe ich dennoch im Gedächtnis: „Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.” Vielleicht weil alle meine Verwandten ihre Jugend in den Lagern oder in der Trudarmee verbracht hatten, sangen sie dieses Lied öfter als andere Lieder.

Gut im Gedächtnis ist mir auch noch, dass es während der Weihnachtszeit und danach in den Winterferien bei uns sehr viel Schnee gab. Mitunter geradezu viel zu viel. Es ist kein Vergleich zu Weihnachten in Deutschland. Hier ist das ist ein echtes Volksfest, Weihnachtsmärkte sind schon zum ersten Advent in jeder kleinsten Stadt geöffnet und sie sind sehr hübsch gestaltet.

Leider können das alles meine Eltern nicht erleben, die beiden sind in Karaganda verstorben.
Ich wünsche den Lesern der Deutschen Allgemeinen Zeitung frohe Weihnachten und viel Glück in Ihrem Leben!

Von Georg Frasch

25/12/09

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