1,5 Grad Celsius: Auf so viel Grad soll die Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden. Darauf hatte sich die Weltgemeinschaft 2015 bei der Klimakonferenz  in Paris geeinigt – eigentlich.

Kompromisslösung

Im Dezember 2018 wurde im polnischen Katowice besprochen, wie das Abkommen von Paris umgesetzt werden soll. Zwei Wochen lang stritten Vertreter von 196 Staaten und der Europäischen Union um eine Lösung. Beschlossen wurde unter anderem, dass alle Länder regelmäßig berichten müssen, wie viel Treibhausgase sie ausstoßen und welche Maßnahmen sie dagegen ergreifen. Außerdem wollen die Staaten gemeinsam bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für den Klimaschutz aufbringen. Besonders umstritten war ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Weltklimarats (IPCC), der nachdrücklich Maßnahmen zur Erreichung des 1,5-Grad-Zieles anmahnte. Die USA, Saudi-Arabien, Kuwait und Russland waren dagegen, dass der Gipfel den Report „begrüßt“. Am Ende wurde das in Paris beschlossene 1,5-Grad-Ziel aufgegeben. Zwei Grad müssen vorerst reichen.

„Das Ergebnis von Katowice ist ein Kompromiss. Es ist gut, dass es nun ein Regelwerk gibt, aber einiges geht mir nicht weit genug. Anderes wurde auf die lange Bank geschoben“, fasst Vadim Ni die 24. UN-Klimakonferenz zusammen. Ni ist einer der wenigen Klimaexperten in Kasachstan. Der Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation „Ecoforum“ saß als Teil der kasachischen Delegation in Polen mit am Verhandlungstisch.

„Kasachstan hängt weit hinter den gesteckten Zielen zurück, selbst wenn man die für Entwicklungsländer niedrigeren Standards ansetzt“, so Ni. Das größte Problem sei die mangelnde Finanzierung von Umweltprojekten, wie zum Beispiel das regelmäßige Monitoring der Treibhausgasemissionen. Aber auch der Ausbau der erneuerbaren Energien steckt noch in den Kinderschuhen. Gerade einmal ein gutes Prozent der Energieerzeugung stammt aus regenerativen Quellen. Rund 70 Prozent  des Stroms werden hierzulande aus Kohle gewonnen.

Zahlen lügen nicht

Klimawandel
Die kasachische Delegation in Katowice. Links: Vadim Ni. | Foto: privat

Dabei sieht Kasachstans Bilanz auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus: Um 15 Prozent wollte das zentralasiatische Land seine Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 bis 2030 senken. Stieß das Land 1990 noch 371,8 Millionen Tonnen CO2 aus, waren es 2015 nur 314,9 Millionen Tonnen. Ein Rückgang um 15,3 Prozent. Ziel erreicht also? Ganz so einfach ist es nicht, erklärt Ni: „Die Treibhausgase sind vor allem aufgrund der Wirtschaftskrise in den 1990er Jahre gesunken. Seit dem Jahr 2000 steigen sie langsam, aber stetig an.“

Offiziell unternimmt die Regierung einiges, um das grüne Wachstum zu fördern und sich an den Klimawandel anzupassen. 2016 unterzeichnete und ratifizierte Kasachstan das Pariser Abkommen. Es gibt die Strategie-2050, das Green Economy Concept, den nationalen Plan „100 positive Schritte“. Sie alle bilden den institutionellen Rahmen für Kasachstans Bemühungen im Klimaschutz. Außerdem werden Maßnahmen ergriffen, damit beispielsweise weniger Umwelt- und Klimaschäden durch die Industrie entstehen. Eine geplante Reform des Umweltgesetzes, das auch einen Adaptionsplan beinhaltet, scheiterte jedoch schon zwei Mal im Parlament. Und gemessen an der Bevölkerungszahl gehört das 18,2-Millionen-Einwohner-Land zu den größten CO2-Emittenten der Welt.

Nicht vorbereitet auf das, was kommt

 „Bisher wird in Kasachstan mehr über Mitigation als Adaption gesprochen“, erklärt Barbara Janusz-Pawletta von der Deutsch-Kasachischen Universität. Die Wasserexpertin sieht mit Sorge, dass bisher kaum über die Auswirkungen des Klimawandels in Kasachstan diskutiert wird. „Vor allem der Wassersektor und die Landwirtschaft werden vom Klimawandel betroffen sein“, warnt sie.

Während also  in den Bergen rund um Almaty die Gletscher schmelzen und so Überschwemmungen zunehmen, wird der von Landwirtschaft geprägte Süden des Landes eher unter Dürre leiden. Langfristig wird die gesamte Region von akutem Wassermangel betroffen sein. Was Dürre und Wassermangel bedeuten, konnte man im Sommer 2018 in Deutschland beobachten. Auf Flüssen wie Elbe, Rhein, Oder und Donau musste der Schiffsverkehr wegen Niedrigwasser eingeschränkt werden. Bauern mussten deutliche Ernteeinbußen hinnehmen und riefen nach finanzieller Unterstützung von Seiten des Staats.

„Landwirte müssen über neue Sorten nachdenken und wie sie ihren Wasserverbrauch senken können, zum Beispiel durch neue Bewässerungssysteme“, sagt Janusz-Pawletta. „Die Dürren können neue Krankheiten bei Pflanzen und Tieren hervorrufen. Auch dafür muss eine Lösung gefunden werden.“

Begrenzung statt Senkung

In den größeren Städten Kasachstans, wie zum Beispiel Almaty, werden Umwelt- und Klimaschutz verstärkt diskutiert. Der öffentliche Personennahverkehr wird ausgebaut, neue Busse werden angeschafft. Auch Energieeffizienz wird wichtiger. In Astana sind zu einem großen Teil schon sparsame LED-Leuchten in den Straßenlaternen im Einsatz. Es sind Minischritte. Und im Gegensatz zu Deutschland wächst Kasachstans Bevölkerung. Das heißt, der Energieverbrauch wird in den kommenden Jahren eher zu- als abnehmen.

„Kasachstan begrenzt seinen Treibhausgasausstoß, aber senkt ihn nicht“, meint Ni und fügt hinzu: „Wir brauchen radikalere Lösungen.“ Eine Abkehr von der Kohle, eine Verkehrswende, Ausbau der erneuerbaren Energien, technische Lösungen, ein eigenes Umweltministerium, fordert der Experte. Das alles kostet Geld – keine Frage. Doch gibt es durchaus Fördermöglichkeiten, wie den Global Environment Fund (GEF), den Grünen Klimafonds, bilaterale Kooperationen oder Mittel der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die zunehmend Projekte im Bereich der erneuerbaren Energie fördert.

Nicht einmal eine regelmäßige Teilnahme an den Klimakonferenzen und den Vorbereitungstreffen ist sichergestellt. Dabei seien diese wichtig, um auf dem Laufenden zu bleiben. „Eine Woche habe ich gebraucht, nur um mich auf den neuesten Stand der Verhandlungen zu bringen“, erzählt Ni. Seine Teilnahme in Katowice wurde vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) bezahlt. Die Reise zur COP 23 in Bonn zahlte er aus eigener Tasche.

Fehlende Expertise

In Kasachstan gibt es nur eine Handvoll Menschen, die sich ausgiebig mit dem Klimawandel und seinen Folgen beschäftigen. Nicht alle können Englisch, um an den Verhandlungen teilzunehmen. Die Vertreter des Energieministeriums, welches auch für Umweltpolitik zuständig ist, beherrschen zwar die Sprache, sind aber noch unerfahrene Verhandler. Zudem nimmt Umweltschutz im Energieministerium keine besonders prominente Position ein.

Janusz-Pawletta, die den Studiengang „Integriertes Wassermanagement“ an der DKU leitet, baut daher in Zukunft mehr auf Klimathemen und die erneuerbaren Energien. „Im Bildungsbereich kommt der Klimawandel bisher zu kurz. Dabei brauchen wir dringend mehr Menschen, die sich damit beschäftigen. Es muss Expertise her“, sagt sie.

Kasachstans Problem in der Klimapolitik sind jedoch nicht nur der Mangel an Geld und Personal. Bisher orientierte man sich in den Klimaverhandlungen an Russland – doch das gehört zu den Bremsern beim Klimaschutz. Ebenso wie die USA unter Präsident Trump. China nimmt hingegen seit einiger Zeit eine aktivere Rolle ein. Allerdings fehlt es  Kasachstan insgesamt an einer Gruppe, die Zentralasien bei den UN-Klimaverhandlungen vertritt. Es gibt die EU, die Inselstaaten, die Staaten des Commonwealth, afrikanische sowie lateinamerikanische Ländergruppen. Kasachstan passt nirgendwo dazu, für eine eigene Zentralasiengruppe reicht weder die Kompetenz noch das politische Gewicht der Region aus.

Das Abkommen von Paris tritt 2020 in Kraft. Trotz aller Kompromisse war die Konferenz in Katowice eine wichtige Etappe in den internationalen Klimaverhandlungen. Die nächste UN-Klimakonferenz findet Ende 2019 in Chile statt, die Zwischenverhandlungen in Costa Rica. Ob Kasachstan eine Delegation schicken wird, steht noch nicht fest. Für Ni hängt viel davon ab: „Die Klimaverhandlungen gestalten die Zukunft der Welt, und wir nehmen nicht aktiv daran teil.“

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