„Wenn du eine Reise tust, dann kannst du was erleben“ – so sagte meine Großmutter. Das stimmt. Und so einfach war das damals tatsächlich auch.

Denn zu Großmutters Zeiten reiste man wenig, aber wenn, dann kam man in dem fremden Land an, sah sich um, verhielt sich wie sonst auch, wunderte sich und fuhr wieder nach Hause, um dort von den Abenteuern, den Schönheiten und Absonderlichkeiten zu berichten. Ein paar Fotos als Erinnerung und damit ging das Leben weiter wie zuvor.
Heute geht das nicht mehr. Das Leben ist vielfältiger, differenzierter und damit auch schwieriger geworden. Die Globalisierung lässt uns problemlos über Grenzen hinweg reisen, aber lässt uns nicht mehr einfach so über Probleme hinweg sehen. Denn heute sind wir interkulturell kompetent. Da reist man nicht mehr einfach nur so, um sich zu erholen. Nach einer Reise soll das Leben nicht weitergehen wie zuvor, die neuen Erkenntnisse sollen unser Denken und Handeln daheim bewusster machen.
Heute wollen wir die Welt entdecken, verstehen, begreifen. Wir wollen die Völkerverständigung unterstützen; da gilt es, selbstkritisch zu bleiben und Klischees abzubauen. Als aufgeklärte Reisende bereiten wir uns selbstredend gut vor. Die Geschichte, Architektur, Natur und das politische System unseres Reiselandes ergründen wir per Literatur vorneweg. Wie sich jedoch der Einheimische fühlt und verhält, lässt sich nur vor Ort feststellen. Um aber diesen Einheimischen nicht zu verschrecken und als vertrauensvollen Gesprächspartner zu gewinnen, ist die Beachtung der kulturellen Besonderheiten wichtig. Dabei ist weniger entscheidend, was man tut, sondern, was man lässt.
Entsprechend würde ich den Spruch meiner Großmutter dem Zeitgeist anpassen: „Wenn du eine Reise tust, dann musst du vieles lassen.“ In Russ-land sollte man nicht ins Taschentuch schnäuzen und darf in Wohnungen nicht die Straßenschuhe anbehalten. In China darf man in der Wohnung keinen Regenschirm aufspannen und Geschenke dürfen nicht mit nur einer Hand überreicht werden. Jedes Land hat viele, viele Tabus. Beachtet man sie nicht, kann man tief ins Fettnäpfchen treten. Ein paar dieser Tabus sind bekannt und finden sich in jedem Reiseführer. Aber nicht alle Unterlassensregeln kann man genau erfassen. Das liegt in der Natur der Sache. Denn über Dinge, die man nicht tut, redet man oft auch nicht gern. Und wie kann man über Dinge reden, über die man nicht spricht?
Von den Erfahrungen anderer lernen. Aber das ist auch nur bedingt aufschlussreich, da nicht immer ersichtlich ist, worin genau der Fauxpas liegt. Was man wann besser tut oder lässt, unterscheidet sich auch nach Region, Uhrzeit, Religionszugehörigkeit der Menschen, auf die man trifft. Manche sind abergläubisch, andere nicht. Bewegt man sich in einem offiziellen Rahmen oder geht es freundschaftlich-informell zu? Besser noch sind die Auskünfte von eigenkulturkritischen Vertretern. Aber auch die sind subjektiv, wie die Menschen in einem Land eben unterschiedlich aufgeschlossen, tolerant oder konservativ sind. Also: Im Vorfeld möglichst viele Informationen sammeln und durch aufmerksame Beobachtung und Reflexion immer wieder überprüfen. Das klingt nun allerdings gar nicht nach Erholungsreise oder mutigem Entdeckertum. Eine eher vorsichtige und schüchterne Gestalt, der aufgeklärte Urlauber von heute. Spaß macht das ganz sicher nicht, aber das ist unser Erbe. Denn so mutig und unbekümmert unsere Großeltern damals gereist sind, so mutig und unbekümmert haben sie auch Behauptungen über andere Länder und Sitten ausgesprochen – und damit Klischees geprägt, die wir nun wieder aufweichen müssen. Wer sich erholen will, bleibt besser daheim!

13/04/07

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