Es ist nicht immer leicht, sich zu verstehen, auch wenn es um vermeintlich leichte Fragen geht. Es gibt Themen, in denen fühle ich mich wie ein Analphabet. Zum Beispiel: der menschliche Körper.

Durch meine körperlichen Repressalien habe ich in den letzten sechs Monaten weitaus mehr über den menschlichen Körper im Allgemeinen und meinen eigenen im Besonderen gelernt als in den 30 Jahren zuvor. Doch immer wieder stoße ich auf ungeahnte Körperteile. Wo denn mein Hüftansatz sei, fragte mich heute mein Fahrradhändler, um den Sattel auf die richtige Höhe einzustellen. Klang erst mal einfach, doch als ich die Frage beantworten wollte, gelang es mir nicht. Der Hüftansatz?! Äh… Keine Ahnung! Ich versuchte, mich vorzutasten. Wo die Hüfte so in etwa sitzt, weiß ich. Aber wo sie genau anfängt und endet, war mir plötzlich gar nicht mehr so klar. Wo hört die Hüfte auf, wo fängt der Po an? Oder geht beides ineinander über? Und wo ist die Lende? Ist die da nicht auch irgendwo? Und von wo aus betrachtet sucht man den Ansatz der Hüfte? Von oben oder von unten? Und warum sieht der Fahrradhändler das nicht selbst? Schließlich stecke ich in einer engen Jeans. Oder ist der Hüftansatz nicht bei jedem an derselben Stelle? Jedenfalls konnte ich meinem Fahrradhändler nicht wirklich weiterhelfen. Mit scheuem Blick auf meine Hüfte hat er dann den Sattel eingestellt.

Um über einen Umweg zu prüfen, ob er das richtig gemacht hat, fragte er, ob ich, wenn ich wollte, das Knie durchdrücken könne, wenn die Pedale unten sei, ansonsten aber nicht. Puh, da musste ich erst mal wieder überlegen. Wo mein Knie ist, wusste ich diesmal auf Anhieb. Mehr Schwierigkeiten hat mir die Frage bereitet, ob es durchgedrückt ist, wenn ich will. Fangen wir mal mit den leichteren Satzteilen der Frage an, fand ich: „wenn die Pedale unten ist.“ Ja, ist unten, das konnte ich mit Sicherheit sagen. „Knie durchgedrückt?“ Nein, ein klein wenig geknickt. Ich war auf dem richtigen Wege. Und jetzt wollte ich es durchdrücken … ja, ging! „Ja, geht!“ vermeldete ich froh und stolz, als hätte ich eine schwierige Matheaufgabe richtig gelöst. Hatte ich ja im Prinzip auch. Ganz zu schweigen davon, dass ich schon im Vorfeld jede Menge Fremdwörter über Fahrräder an den Kopf geknallt bekam, bis ich endlich auf meinem Rad sitzen durfte und wir überhaupt dazu kamen, den Sattel einzustellen. Ich tat so, als hörte ich interessiert zu und sei gewillt, alles über Fahrräder und ihre Einzelteile zu erfahren. Es sei verraten, dass ich mein Rad wegen der schönen blauen Farbe wählte. Was es für Teile hat und was diese alles für Funktionen haben – keine Ahnung! Hauptsache, wir funktionieren, mein Fahrrad und ich.

Julia Siebert

29/05/09

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