„Alexandersdorf – ein schwäbisches Dorf im Kaukasus“

Rita Laubhan präsentierte ihr Buch bei der Feier zum 200-jährigen Auswanderungsjubiläum von Deutschen nach Kaukasien. | Bild: VadW

Über zehn Jahre hat sich die passionierte Familienforscherin Rita Laubhan (geb. Hensinger), im Hauptberuf Fachärztin für Laboratoriumsmedizin in Ludwigsburg, wie eine Archäologin mitten in einem Ausgrabungsort gefühlt – es war alles andere als leicht, die Geschichte eines nicht mehr existierenden Dorfes und ihrer Bewohner zu rekonstruieren. „Es war so, als ob ich aus unzähligen Scherben ein altes Mosaikbild zusammenzufügen hätte, stets auf der Suche nach dem fehlenden Element“, sagt sie über das Entstehen ihres Buches „ALEXANDERSDORF – ein schwäbisches Dorf im Kaukasus. Die ersten 100 Jahre – Familienchronik 1817-1917“.

Alexandersdorf in Georgien (in der Nähe von Tiflis) war die Heimat ihres Vaters Ewald Hensinger. Seine Vorfahren gehörten zu den ersten Siedlern und Gründern von Alexandersdorf. Ihre ursprüngliche Motivation war, ihre eigenen Wurzeln im Südkaukasus zu ergründen. „Man will irgendwann wissen, woher man kommt“, sagt Rita Laubhan und schickt ein Zitat von Federico Fellini hinterher: „Niemand darf seine Wurzeln vergessen. Sie sind Ursprung unseres Lebens.“

Mit den Jahren wurde die Arbeit immer mehr, die Herausforderung wuchs, aber auch der Ehrgeiz, die Geschichte der Schwabenkolonie Alexandersdorf und ihrer Bewohner von den Anfängen an möglichst lückenlos zu erforschen und in einem Buch festzuhalten. Sie nahm sich ihres Vorhabens mit viel Herzblut an und widmete ihm ihre ganze Freizeit. Dabei ging sie unzählige Male auf die Reise quer durch Deutschland auf der Suche nach noch lebenden Zeitzeugen, die authentisch erzählen konnten und Fotos aus der Vergangenheit in ihren Familienarchiven hatten.

Zur Forschung gehörte in dieser langen Zeit auch eine ungeheure Menge von Telefonaten und brieflichen Kontakten mit ehemaligen Alexandersdorfern und ihren Nachkommen. Sie stöberte zahlreiche Bücher zum Thema „Deutsche im Südkaukasus“ sowie unzählige weitere Schriftstücke (Zeitungen und andere Dokumente) in Archiven durch.

So ist ein Schatz aus fundierten historischen Informationen, Familiengeschichten und einem einmaligen Fotoarchiv zusammengekommen. Das Buch handelt von 100 Jahren Deutschtum im Südkaukasus; exemplarisch und in vielschichtiger Darstellung stehen die schwäbische Kolonie Alexandersdorf und ihre Bewohner im Mittelpunkt. Eine Übersicht über die Mutter– und Tochterkolonien im Südkaukasus 1817-1941 mit Angaben zum Gründungsjahr und den Gründern ergänzt das Bild der schwäbischen Ansiedlung in Georgien und Aserbaidschan.

Dabei umfassen die Inhalte alle Entwicklungen, die in dieser Zeitspanne stattgefunden haben. Behandelt werden die Auswanderung aus Württemberg 1817, die Ansiedlung und das Jahrhundert danach. Kirche, Schule und Sprache werden dabei ebenso behandelt wie Selbstverwaltung und demographische Entwicklung, Wirtschaft und Handwerk sowie Presse, wobei ausgiebig aus der deutschsprachigen „Kaukasischen Post“ zitiert wird. Die Deportation aus Alexandersdorf nach Kasachstan fällt zwar aus dem zeitlichen Rahmen der Publikation, markiert aber den Zeitpunkt der gewaltsamen Auflösung des Deutschtums im Südkaukasus.

Die Familienchroniken sind die tragende Säule des sorgfältig recherchierten Werkes. Die zum ersten Mal in dieser Form und diesem Umfang zusammengetragenen Daten zu 45 Familien in Alexandersdorf sind eine Fundgrube für Forscher, Genealogen und alle, die sich für ihre Familiengeschichte interessieren. Und sie sind vor allem eine Hilfestellung für die eigenen Landsleute, die ihre Wurzeln suchen.

Einem leichteren Zurechtfinden im Labyrinth der zurückliegenden Generationen dient eine übersichtliche Gestaltung der Familienchroniken – eine Art Navigation, die den Suchenden unkompliziert zum Auswanderungsort des jeweiligen Vorfahren führt.

Die einzelnen Familienchroniken sind ausgiebig versehen mit historischen Erläuterungen zu Herkunft, Familienstand und Auswanderungsmotiven der Namensträger, mit generationengebundenen Stammbäumen, Zitaten aus Archivdokumenten, der Kirchenchronik oder der „Kaukasischen Post“, historischen Dokumenten aus Familienarchiven (Tauf-, Konfirmations– und Trauscheine, Einträge in die Familienbibel etc.) oder Staatsarchiven (Stuttgart, Ludwigsburg, Georgien) sowie zahlreichen Familienfotos aus unterschiedlichen Jahrgängen. In ihrer Gesamtheit bilden sie ein einzigartiges, vielschichtiges und in jeder Hinsicht ausgesprochen aufschlussreiches Panoramabild des Lebens der Schwaben im Südkaukasus.

Rita Laubhan, „ALEXANDERSDORF – ein schwäbisches Dorf im Kaukasus. Die ersten 100 Jahre – Familienchronik 1817-1917“. ISBN: 978-3-86424-373-8. Cardamina Verlag Susanne Breuel www.cardamina.de.

Der Artikel erschien zuerst in der Verbandszeitschrift der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. „Volk auf dem Weg“, Ausgabe 10/2017.