Katharina Jendny

Freitagabend, ein kleines Restaurant in Almaty: Romantisch fällt der schwache Schimmer der Lichterketten auf die Tische. Es ist einer dieser schönen Orte, die bei einem Glas Wein und gutem Essen zum Verweilen einladen.

Die Frage nach einer englischen Speisekarte wird verneint, aber der Restaurantbesitzer hilft gern bei der Bestellung. Deutsch habe er in der Schule gelernt, sagt er. „Ich war ein guter Schüler“, und fängt an, von seiner Laufbahn als Koch zu erzählen. Gastronomie und Service hat er in London und auf den Malediven gelernt. „Heute habe ich zum ersten Mal seit der Eröffnung deutsche Gäste bewirtet, und jetzt gleich zum zweiten Mal.“ Gäste aus Deutschland und anderen europäischen Ländern sind in Kasachstan eine Seltenheit. „Der Tourismus fehlt“, meint der Gastronom. Die Zahl der Touristen, die aus dem Ausland nach Kasachstan kommen, ist im ersten Quartal 2019 um 8,2 Prozent auf 1,6 Millionen gesunken. Für Gastronomen ist es schwer, langfristig zu bestehen, da sich Einheimische einen Restaurantbesuch oft nicht leisten können.

Die Qualität lässt zu wünschen übrig

Der Tourismus fehlt: Tagsüber bleiben viele Cafés und Restaurants leer.

Ein weiteres Problem für Restaurants hierzulande ist das Personal. „Vor allem die jungen Menschen kommen einfach nicht mehr, sobald ich den Service kritisiere“, sagt der Gastronom. Grund ist vielleicht auch die Bezahlung. Gastronomie gehört in Kasachstan und Deutschland zum Niedriglohnsektor. Die höchsten Löhne sind 2018 in Kasachstan in der Öl- und Gasförderung sowie im Finanz-, Banken- und Versicherungswesen ausgezahlt worden. In Deutschland führen die Energieversorgung, das Informations- und Kommunikationswesen sowie ebenfalls der Finanz- und Versicherungsdienstleistungssektor. Der durchschnittliche Bruttomonatslohn betrug in Kasachstan im vergangenen Jahr 162.267 Tenge (374,48 Euro). In Deutschland lag er bei 3880 Euro.

In den öffentlichen Parks und Straßen wimmelt es an Reinigungskräften. Menschen kehren neben den Gehwegen auch die Bundesstraße oder die Wiese. Ein umfangreiches Infrastrukturprogramm und eine gezielte Aufstockung des Personals im öffentlichen Sektor haben dafür gesorgt, dass die Arbeitslosenquote Kasachstans im März 2019 den niedrigsten Wert seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erreicht hat (4,8 Prozent). Unberücksichtigt bleiben bei der Berechnung 195.000 Personen, die offiziell nicht als erwerbslos gelten, umgekehrt aber keiner geregelten Tätigkeit nachgehen. In Deutschland lag die Arbeitslosenquote im März bei 5,1 Prozent. Im Mai ist sie auf 4,9 Prozent gesunken. Unberücksichtigt bleiben Personen, die Kurse und Trainings absolvieren, sowie Personen die zeitweise arbeitsunfähig erkrankt sind.

Neue Aufgaben

Die unterschiedliche Arbeitseinstellung beider Länder fällt auch in den Geschäften auf. So kommt es vor, dass eine Verkäuferin am Verkaufstresen einschläft und von Kunden aufgeweckt werden muss, um Geld entgegenzunehmen. Anderes Personal versteckt sich hinter Regalen und tippt am Smartphone. Hinzu kommt, dass alles langsamer ist. Ein möglicher Grund der schlechten Dienstleistungsqualität ist der fehlende Praxisbezug in Ausbildungen und Studium. Dies hat auch zur Folge, dass Fachkräfte in technischen Berufen, Informatiker und Vertriebsmitarbeiter fehlen.

In Deutschland passt zwar die Qualität, aber der Nachwuchs fehlt. Gesucht werden besonders Fachkräfte im Gesundheitssektor. Technische und handwerkliche Berufsgruppen suchen ebenfalls händeringend nach Nachwuchskräften. Im Expertenbereich fehlt es an Ärzten, Ingenieuren und Informatikern.

In Hinblick darauf, dass die Bevölkerung Kasachstans bis 2050 um ein Drittel wachsen soll, müssen neue Arbeitsplätze für das Erwerbspersonenpotential geschaffen, der Arbeitsmarkt im ländlichen Raum und Monostädten gefördert, sowie die Ausbildungsqualität verbessert werden. Es bleibt abzuwarten, wie der neue Präsident vorgehen wird.

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