Sezim Arynova (Bischkek), Nurtilek Taalaibekov (Osch)

In Bischkek sieht man viele Frauen in Hidschab oder Nikab und Männer in Kandura (langes Kleid für die Männer). Man kann den Asan, den Gebetsruf, hören. Es gibt viele Moscheen voller Menschen. In den Straßen Almatys sieht man hingegen nur wenige Frauen mit Kopftuch oder Männer mit Bart, obwohl sich viele Menschen zum Islam bekennen. Doch in Almaty gibt es mehr Moscheen als man denkt. Der Kartendienst 2GIS verzeichnet 78. Viele sind erst in den vergangenen Jahren gebaut worden. 2011 waren es nur 33. Das größte Gotteshaus ist die Zentralmoschee, in die 7000 Menschen passen. Es ist ein großes weißes Gebäude, fertiggestellt 1999, mit einer vergoldeten Kuppel, auf das die Bewohner stolz sind. Außerdem gibt es viele Medressen und eine Islamische Universität.

Wir wollten genauer wissen, wie sich die islamische Gemeinschaft in Almaty entwickelt. Doch das Thema scheint kein einfaches zu sein. In der Zentralmoschee lehnte man es ab, uns ein Interview zu geben, auch in zwei anderen Moscheen wollte niemand mit uns sprechen. Der Imam der Fatima-Moschee war der einzige, der mit uns sprach. Die Moschee wurde nach dem Vorbild einer tatarischen Moschee erbaut, die im 19. Jahrhundert schon einmal an dieser Stelle gestanden hatte.

„Schon unsere Urgroßeltern waren Muslime. Doch in der Sowjetunion wurde die Religion vom Staat unterdrückt und unsere Aalymdar (gelehrte Muslime) wurden eingesperrt und umgebracht. Aber die Religion starb nicht, sie lebte in den Herzen der Menschen fort. Viele Leute beteten heimlich zu Hause“, erzählt der Imam.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es zu einer Renaissance aller Religionen. Den Menschen stand es auf einmal frei, ihren Glauben zu wählen. Seitdem ist die Zahl religiöser Zentren gewachsen. „Dank unserem Präsidenten“, betont der Imam mehrmals.

In den 1990er Jahren wurden in dem noch jungen Staat Kasachstan einige Moscheen mit Unterstützung aus anderen Ländern, meist arabischen, gebaut, erzählt er noch. Beim Bau der Zentralmoschee hätten Türken und Araber geholfen. Doch sei damals auch Geld von der kasachischen Regierung geflossen. Heute gebe es viele private Unternehmer, die den Bau neuer Moscheen vorantreiben und finanzieren.

Mehr über die Rolle des Islams in Kasachstan nach 1991 zu erfahren, ist schwieriger als gedacht. Als wir uns auf den Straßen Almatys umhören, reagieren die Menschen verschieden. Manche sagen, dass die islamische Religion in Almaty stärker geworden sei. Einige, wie der 53-jährige Almas, freuen sich darüber, dass viele Moscheen entstanden sind und man in dieser Stadt mehr und mehr Frauen mit Hidschabs sehen kann. Für ihn sei das ein Zeichen spiritueller Entwicklung, die Almaty brauche. Almas hat einen Bart und trägt eine Takke auf dem Kopf. Obwohl er schon immer ein Moslem war, fand er erst vor zwei Jahren zur Religion. Früher nie betend, gehört es heute zu seinem Alltag, erzählt er. Almas meint, ein Mann müsse in die Moschee gehen und Frauen sollten ein Kopftuch tragen. Weil es so im Koran stehe.

Andere Menschen, mit denen wir reden, finden die Religionsfreiheit wichtig und wollen sie erhalten. Sie sehen sich zwar selbst als Muslime, sind aber gegen das Tragen des Hidschabs und denken, es gebe jetzt genug Moscheen. Die 14-jährige Moeldir, die Leggins und Lederjacke trägt, muss erst ihre Kopfhörer mit Musik abnehmen, als wir sie ansprechen. Ja, sie glaube an Gott und bekenne sich zum Islam, sagt sie. Doch in Almaty gebe es verschiedene religiöse Sekten, die die Wahrheit des Islams verfälschen würden. Das beunruhige sie sehr.

Ein weiterer Mann meint, dass ein Hidschab nicht schön sei für Frauen, Nikab sei noch schlimmer. Kopftuch und Bart seien kein Ausdruck für islamischen Glauben, sondern für eine salafistische Richtung. Er wolle das Gesicht von Menschen sehen. „Das Gesicht zu verbergen passt nicht zu unserer Kultur.“

Der Text entstand während der XII. Zentralasiatischen Medienwerkstatt 2018.

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