Wie sollen wir mit den großen Verschiedenheiten des Lebens tolerant umgehen, wenn uns schon die kleinen Unterschiede im Alltagsverhalten so schwer fallen? Manch einer kann gar nicht gutheißen, wenn andere gern Zunge essen.

Diejenigen, die am liebsten Wasser ohne Kohlensäure trinken, können sich oft einen Kommentar nicht verkneifen, wenn sie andere Wasser mit Kohlensäure trinken sehen. Wir mokieren uns täglich über die Frisuren und Klamotten der anderen und auch, wenn jemand schon zum Frühstück ein Puddingteilchen isst, was andere erst am Nachmittag zum Kaffee verzehren, ist das eine Randbemerkung wert. Die Kaffeetrinker behakeln sich mit den Teetrinkern, und die Nichtraucher haben so gar kein Verständnis für die Raucher. Wer Alkohol ablehnt, rümpft bei jedem Schluck, den jemand aus seinem Bierglas nimmt, die Nase. Und über den Musikgeschmack lässt sich ja sowieso nicht streiten. Man tut es aber trotzdem. Den einen sind die Gardinen der anderen zu spießig und manchen kann man es sowieso nie recht machen. Fast kann man schon gar keinen Schritt mehr tun, weil er entweder zu groß oder zu klein ist. Wo man sich umhört, stößt Intoleranz auf Intoleranz, weil man ja selbst alles am besten und richtigsten macht, und da kann man ja gar nicht verstehen, wieso die anderen alles anders machen. Ständig vergleichen wir und stellen uns übereinander, bis die Arroganz in den Himmel wächst. Wir suchen nach Gleichgesinnten, um unser Weltbild immer und immer wieder bestätigt zu sehen. Na, also! Hab ich’s doch gewusst! So und nur so ist es richtig. In unserer Egozentrik werden wir eines Tages begraben. Doch bis dahin gehört sie zum menschlichen Dasein und zu jeder Kultur. Aber immer wieder kann man sich darüber nur wundern. Gewundert hat mich zum Beispiel, welche Aufregung in Russland hervorruft, wenn man zu Bier Schokolade isst. Meine Freundin Ira hat mir erzählt, dass andere immer wieder schockiert sind, wenn sie GLEICHZEITIG Bier und Schokolade zu sich nimmt. Ist doch normal, bemerke ich, nehme einen Schluck Bier und beiße gleich darauf herzhaft in einen Schokoriegel. Das tat ich auch einst im Beisein einer Studentin aus Wladiwostok. Und prompt kam: Das macht die Ira auch. Das sei merkwürdig, dass könne sie gar nicht verstehen. Ein Thema, das bewegt. Was ich wiederum merkwürdig finde. Als gäbe es in der Welt nicht genug, worüber man sich den Kopf zerbrechen könnte. Aber bestimmte Dinge tut man eben nicht. „Das tut man nicht!“ Dieser Satz hallt uns noch in den Ohren. Und es ist wohl dieser Nachhall, der uns jedes Mal zusammenzucken lässt, wenn wir etwas sehen, das uns fremd ist. Kurzerhand mathematisch ausgerechnet: So lange wir im Freundeskreis nicht damit klar kommen, dass manche Leute Bier und Schokolade gleichzeitig verzehren, wird es uns nur schwer gelingen, andere Kulturen zu akzeptieren. In einer Welt voller Andersartigkeiten suchen wir verzweifelt nach einer Normalität und weil wir es ja alle immer eilig haben, begnügen wir uns der Einfachheit halber mit dem ersten Wortteil – der Norm. Dabei sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und begreifen nicht, dass die Andersartigkeiten die Norm sind. Und als ob die Erde eine Scheibe wäre, suchen und suchen wir nach einer Ordnung, einer Struktur, einem System des Lebens und Zusammenlebens und lassen dabei nichts aber auch gar nichts aus. Und weil wir dieses System nicht finden, denken wir uns selbst eines aus. Nun ist es aber so, die Welt ist sehr groß und unser Kopf ist sehr klein. Das kann nur schief gehen! Oder haben Sie schon mal versucht, einen Elefanten in Ihre Handtasche zu stopfen? Eben!

Julia Siebert

06/07/07

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