Danke, dass Du Deine alte Heimat nicht vergessen hast

Im November 2016 brachte die DAZ ein Interview mit der jungen deutschen Regisseurin Marina Anselm. Marina hat einen Film über die Kleinstadt Karatau im Gebiet Schambyl gedreht: „Wind in meinem Haar – Ferne Heimat Karatau“ Nach der Präsentation des Films in Deutschland, kam Marina im Juni zurück nach Karatau, um ihn den BewohnerInnen zu zeigen.

Marina, Du warst im Juni in Karatau und hast dort den Film „Wind in meinem Haar“ gezeigt, den Du dort auch gedreht hast. Wie kam es dazu?

Als wir damals in Karatau die Reiterspiele filmten, kam ein alter Kasache zu mir, nahm meine Hand und sagte: „Danke, dass Du Deine alte Heimat nicht vergessen hast. Danke, dass Du zurückgekommen bist!“ Das hat mich sehr berührt. Überhaupt waren mein Team und ich überwältigt von der Gastfreundlichkeit, der Offenheit und der Unterstützung, die uns die Menschen in Karatau entgegengebracht haben. Viele fragten, wann sie den fertigen Film denn sehen könnten und ich versprach: Ich komme zurück und zeige ihn Euch!

Zurück in Deutschland hatten mich der Alltag, die Arbeit und die Familie schnell wieder eingenommen und als der Film fertig war, war lange Zeit überhaupt nicht an eine Reise nach Kasachstan zu denken. Andere Dinge standen im Vordergrund. Doch mein Versprechen hat mich nicht losgelassen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte das Projekt innerlich erst abschließen, wenn ich es eingelöst habe. Als dann eine für den Juni geplante Recherchereise abgesagt werden musste, beschloss ich, stattdessen nach Karatau zu fliegen und den Menschen dort den Film zu zeigen, an dem sie so viel Anteil hatten.

Wo hast Du den Film gezeigt, wie viele Menschen haben ihn gesehen?

Ich wollte ihn so vielen Menschen wie möglich zeigen – obwohl ich wusste, dass es wahrscheinlich ein schwieriges Publikum sein würde: Wer selbst in Karatau lebt, hat schließlich eine eigene Beziehung zu der Stadt und individuelle Erwartungen, wie sie im Film dargestellt sein sollte. Aber ich habe es als meine Aufgabe gesehen, mich diesem Publikum zu stellen. Ich mache Filme, damit sie gesehen werden!

Wir fragten im Kulturhaus der Stadt an, ein großes Gebäude an einem präsenten Platz mit einem frisch renovierten Vorführungssaal und einer riesigen Leinwand. Man war offen für mein Angebot, wir einigten uns auf einen Termin und die Vorbereitungen begannen. Das Interesse an dem Film war groß, innerhalb von zwei Tagen verkauften wir mehr als 200 Tickets. Am Tag vor der Vorstellung kam dann der Super-Gau: Wir testeten den Film im Saal, der stellvertretende Bürgermeister der Stadt setzte sich auch hinein und nach fünf Minuten ging er hinaus und entschied: Dieser Film wird hier nicht gezeigt! Wir waren natürlich schockiert, versuchten mit ihm zu reden, doch es war nichts zu machen. Die Vorführung wurde abgesagt, die Tickets zurückgerufen.

Aber warum? Was hat ihm denn nicht gefallen?

Der Film beginnt mit der Ankunft der Protagonistin in Karatau – das erste Mal nach 25 Jahren fährt sie durch die Straßen. Sie schaut sich um, sie erinnert sich an das Karatau, das sie 1990 verlassen hat. Archivfotos werden gezeigt. Die Erzählerin des Films – also ich – fragt sich, wie die Menschen hier heute leben, was die Stadt heute ausmacht. Vielleicht waren es diese Fragen, die ihm nicht gefallen haben. Oder die Erinnerung an eine Vergangenheit, als Karatau noch einen ganz anderen Status hatte. Vielleicht waren es die ungeschönten Darstellungen der Straßen, die Aufnahmen der verlassenen Häuser, die er nicht sehen wollte. Ich kann nur mutmaßen, aber es ist klar, dass es Korruption leider auch in Karatau gibt und dass der Wiederaufbau der Stadt eigentlich viel weiter fortgeschritten sein müsste.

Regisseurin und Produzentin Marina Anselm (3.v.l.) mit ihrem Team bei den Dreharbeiten in Karatau 2014. Von links: Boris Maximov (Ton), Pius Neumaier (Kamera) und Asis Sharipov (Producer). Damals hatte Marina Anselm versprochen: Es wird eine Vorführung des Films in Karatau geben!
Regisseurin und Produzentin Marina Anselm (3.v.l.) mit ihrem Team bei den Dreharbeiten in Karatau 2014. Von links: Boris Maximov (Ton), Pius Neumaier (Kamera) und Asis Sharipov (Producer). Damals hatte Marina Anselm versprochen: Es wird eine Vorführung des Films in Karatau geben! | Bild: privat

Was ist dann passiert?

Gemeinsam mit ein paar Freunden haben wir eine Art Underground-Screening organisiert. Wir telefonierten die Leute zusammen und es wurde dennoch ein sehr schöner und bewegender Abend.

Wie war die Reaktion der Zuschauer?

Interessanterweise waren die Reaktionen ähnlich wie beim Publikum in Deutschland: Es wurde an den gleichen Stellen gelacht und geweint, die Menschen waren ebenso berührt und nachdenklich. Das hat mich wirklich überrascht und natürlich habe ich mich gefreut, dass der Film gut angenommen wurde.

Wo wird der Film in Deutschland gezeigt?

Er lief auf zwei Festivals, in einigen Programmkinos und in vielen Kulturhäusern in ganz Deutschland. Er war nominiert für den Starter-Filmpreis der Stadt München, das ist ein Preis für Nachwuchsregisseure. Diesen Sommer und Herbst wird er noch auf einzelnen Veranstaltungen gezeigt werden. Im August wird er erstmals im Fernsehen ausgestrahlt: am Mittwoch, den 23. August um 22 Uhr im Bayerischen Rundfunk.

Gibt es viele Filme in Deutschland, die sich mit dem Thema Russlanddeutsche beschäftigen?

Tatsächlich gibt es fast keine Filme, die sich damit beschäftigen. Das ist insofern verwunderlich, als dass wir neben den Türken die größte Minderheitengruppe in Deutschland sind. Auch deswegen war es so wichtig, den Film zu machen. In „Wind in meinem Haar“ erzähle ich von der Geschichte meiner Familie – und die steht exemplarisch für viele andere aus der ehemaligen Sowjetunion.

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Zum Schluss noch eine Frage: Wie war es für Dich, noch einmal nach Karatau zu kommen?

Es war wunderschön, den Geruch von warmem Sand und herben Steppengräsern wieder in der Nase zu haben! Ich habe die Steppe und die Gemeinschaft mit meinen Freunden wirklich genossen. Dass die Vorführung des Films so kurzfristig und willkürlich abgesagt wurde, hat mich erschüttert und wütend gemacht. Es ist traurig und ich habe ein wenig mehr verstanden, was es bedeutet, in Kasachstan zu leben und vor allem zu arbeiten. Ich ziehe den Hut vor allen Filmemachern, Journalisten und Künstlern, die in Ländern leben, in denen sie Willkür, Zensur und Korruption ausgesetzt sind und die trotz allem nicht aufgeben, sondern weitermachen. Ich habe nun eine Ahnung davon, wie viel Energie es kostet, sich damit auseinanderzusetzen, zu arrangieren und drum herum zu agieren. Ihnen allen möchte ich sagen: Ich habe großen Respekt vor Euch und ich wünsche Euch viel Kraft, Mut und Glück für Eure Arbeit – wir wollen sie sehen!

Das Interview führte Aljona Alexandrowa-Jüdina.