Mein Freund sucht nach einem Land, in dem die Spießigkeit nicht daheim ist. Ich bin skeptisch, da das Spießertum meiner Meinung nach überall herrscht, in den verschiedenen Kulturen aber ein anderes Aussehen hat.

In Russland sind die Wohnungen zwar unaufgeräumt, dafür darf man aber nicht mit ungeputzten Schuhen und ungekämmten Haaren vor die Tür. In Schweden sei alles so sozialliberal, aber im lila Hemd sollte man sich besser nicht im Büro sehen lassen. Mein Freund verbindet mit dem Süden, Italien und Frankreich, ein freies Leben und Sein. Das gilt allerdings nur, wenn man nicht homosexuell ist oder sonst wie auffällt. Der ausgeprägte Nationalstolz dieser Länder ist meiner Meinung nach der Inbegriff von Spießigkeit. Aber nun gut, ich lasse mich gern überraschen und notfalls auch überzeugen. Wir versuchen es zunächst mit Belgien. Es ist nah, es gibt dort schöne Landschaften, und es ist unaufgeräumt und morbide, wie mein Freund sagt. Und er war schon einige Male dort. „Mein Belgien“ nennt er es. Und ich kann nur erahnen, was er alles mit „seinem Belgien“ verbindet, und hoffen, dass es noch annähernd so ist wie damals. Denn mein Freund ist schon ein wenig älter, und seine Erinnerungen liegen einige Jahre zurück, wie ich immer wieder bemerke. Er erinnert mich vor der Abfahrt an meinen Ausweis, den ich ja an der Grenze brauche. Und als wir in Belgien auf einem öffentlichen Parkplatz mit Parkscheinpflicht parken wollen, merkt er an, dass wir ja nur Euro haben. Ich frage ihn nicht, ob er die Grenzenlosigkeit der EU verpasst hat, denn Nostalgie ist ja was Schönes. Und es scheint ihm wichtig zu sein, deutlich merkbar eine Grenze ins Ausland zu überschreiten. Die Abfahrt war etwas hektisch, mein Freund wollte eiligst raus hier und rein in die Unaufgeräumtheit. So musste ich auch meinen morgendlichen Kaffee auf Belgien verschieben, weil man ja in Belgien überall gut Kaffee trinken könne. Ich lasse ihm den Glauben. Nach wenigen Stunden Fahrt seufzt mein Freund auf: „Schön!“, was mir zeigt, dass wir in Belgien sein müssen. Ich sehe mich um und finde es noch nicht wirklich schön. Entweder wir definieren schön unterschiedlich, oder wir sehen in unterschiedliche Richtungen, oder er sieht etwas in seiner Erinnerung, oder es liegt daran, dass er seine Sonnenbrille trägt. Ich sehe mich während der Fahrt aufmerksam um und suche nach der Unaufgeräumtheit, die er beschwört und allmählich tut sie sich auch mir auf – in Form kleiner und hutzeliger Orte, auf die der Begriff passt. Doch dazwischen liegen immer wieder Orte, die von vorn bis hinten Spießigkeit ausstrahlen. Und auch in den hutzeligen Steinhäuschen der unaufgeräumten Orte sind immer wieder spießige Spitzengardinen zu sehen, hinter denen spießige Bürger hervorlugen und die uns spießig vom Grundstück verweisen, als wir uns die hutzeligen und unaufgeräumten Innenhöfe anschauen wollen. Mein Freund merkt enttäuscht an, das sei nicht „sein Belgien“. Aber alles in allem finden wir doch manches von „seinem Belgien“, so ist er es zufrieden, und ich bin es auch. Und die Moral von der Geschicht lautet – dass das Spießertum überall daheim ist. Aber im Ausland fühlt man sich eben freier und bewegt sich unkonventioneller als daheim. Drum bleibt einem nur, ab und zu mal rauszufahren aus der eigenen heimischen Spießigkeit. Und sowieso ist das Ausland spannender, auch wenn es nur das europäische Nachbarland ist. Auf nach Belgien!

Julia Siebert

04/05/07

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