Das Vermächtnis des Falls Lisa

Der Fall Lisa warf 2016 die Frage nach der Politisierung der Russlanddeutschen auf. Eine Analyse zu (Spät-)Aussiedlern in deutschen Medien.
Der Fall Lisa warf 2016 die Frage nach der Politisierung der Russlanddeutschen auf. Eine Analyse zu (Spät-)Aussiedlern in deutschen Medien. | Bild: DW.de

Russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler in den Massenmedien und als Faktor im Bundestagswahlkampf 2017. Im November 2017 lud mich die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. als Referentin zur Multiplikatorenschulung in Fulda ein. Zu Beginn meines Vortrags über die mediale Integration unserer Volksgruppe verlas ich den Titel meiner Masterarbeit (siehe oben) – beim Stichwort „Fall Lisa“ stöhnte der Saal auf. Könne man dieses marginale Vorkommnis nicht endlich auf sich beruhen lassen?

Noch nicht. Denn die Vergewaltigungslüge der russlanddeutschen Schülerin Lisa F. aus Berlin-Marzahn hatte weite Kreise gezogen und ein diplomatisches Gewitter zwischen den damaligen deutschen und russischen Außenministern Frank-Walter Steinmeier und Sergej Lawrow ausgelöst. Auch wurde ein türkeistämmiger Mann (23) wegen schweren sexuellen Missbrauchs der Minderjährigen Lisa (Straftat im Herbst 2015) verurteilt. Der strafrechtliche Aspekt des Falls Lisa ist abgeschlossen, doch sein eigentliches Vermächtnis besteht seither im öffentlichkeitswirksamen Umgang mit einer ganzen Bevölkerungsgruppe, den Deutschen aus Russland.

Fremddarstellungen der Deutschen aus Russland

Zwischen Januar 2016 und Juni 2017 erschienen in den führenden überregionalen TV– und Online-Nachrichtenmedien Deutschlands und Russlands jeweils knapp 300 Beiträge zum Fall Lisa. Darin ging es wiederholt um die bundesweit rund 15.000 „russlanddeutschen“ Demonstranten „ge­gen sexuelle Gewalt von Migranten und Flüchtlingen gegen Frauen und Kinder“ im Januar 2016.

Die Bezeichnung „Russlanddeutsche“ (russ. Российские немцы) meint jedoch anstatt der Deutschen aus Russland – den Deutschstämmigen, die im Zuge des (Spät-)Aussiedleraufnahmeverfahrens in ihre „historische Heimat“ Deutschland repatriiert wurden – die heterogene Gruppe aller post-sowjetischen Migranten in Deutschland.

Die synonymisch verwendete Bezeichnung als „russischsprachige Diaspora“ ist in Russlands Massenmedien insofern positiv besetzt, als dass man damit Empathie und Solidarität gegenüber den ehemaligen Landsleuten ausdrückt. Der eigentlichen russlanddeutschen Personengruppe widmete sich ein Prozent aller russländischen Medienbeiträge, während es in bundesdeutschen Medien zehn Prozent aller untersuchten Beiträge waren.

Deutschlands Medien wiederholten oft einen Satz, der pietätlos mit der Selbstwahrnehmung russlanddeutscher (Spät-)Aussiedler als genuine Deutsche umgeht und zugleich das eklatante Unwissen über die Deportations– und Diskriminierungsgeschichte von Deutschen in der germanophoben UdSSR offenlegt: „Russlanddeutsche demonstrieren gegen ‚Ausländergewalt‘.“

Die Anführungszeichen in diesem Aussagesatz lenken die Aufmerksamkeit vom Kompositum „Ausländer-Gewalt“ zurück auf das erste Kompositum „Russland-Deutsche“ und suggerieren so die rhetorische Frage, ob Deutsche aus Russland nicht ebenfalls Ausländer seien. Da an den Protestaktionen auch PEGIDA-Anhänger teilnahmen, unterstellt man den vermeintlich russlandloyalen Russlanddeutschen seither paradoxerweise die Nähe zum nationalistischen Milieu und eine parteipolitische Präferenz für die AfD.

Die wertkonservative Personengruppe habe aus Dankbarkeit gegenüber der Repatriierungspolitik von Altkanzler Helmut Kohl seit den 1990ern traditionell die CDU/CSU gewählt, doch die Modernisierung bzw. Liberalisierung der Unionsparteien und deren Politik im Ukrainekrieg und der Flüchtlingskrise habe eine Wählerwanderung verursacht, so das mediale Narrativ vom enttäuschten und abtrünnigen Heimkehrer.

Die untersuchten bundesdeutschen Nachrichtenberichterstatter meinen, die Russlanddeutschen hätten sich vom russischsprachigen Fernsehen manipulieren lassen und seien zum Spielball im russländischen Cyberkrieg geworden. In diesem neuartigen Informationskrieg sei der Fall Lisa ein vom Kreml inszenierter Probelauf zur Manipulation der öffentlichen Meinung im Bundestagswahlkampf 2017 gewesen.

Die Russlanddeutschen werden medial segregiert, denn man zeigt sie kollektiv als Bewohner einer vermeintlichen Parallelwelt und als „Putins fünfte Kolonne“. Dieser Illoyalitäts-Vorwurf ist eine Farce der Geschichte, nachdem die eigentliche Tragödie sich infolge der kollektiven Denunziation als faschistische Kollaborateure ab 1941 in der UdSSR abspielte.

Selbstdarstellungen der Deutschen aus Russland

Auf die beschriebenen massenmedialen Fremddarstellungen, Russlands Solidarisierung und Deutschlands Distanzierung, reagierten zwei russlanddeutsche Organisationen mit ihren Selbstdarstellungen. Dabei konstruieren sie für ihre Volksgruppe jeweils einen politischen Mythos, also ein identitätsstiftendes Sinn– und Ordnungsnarrativ mit dem Anspruch auf Konsensfähigkeit für eine Personengruppe.

Der selbst erklärte ideologische Nachfolger der sowjetdeutschen Autonomiebewegung „Wiedergeburt“ und Organisator der Demonstrationen im Januar 2016, der Internationale Konvent der Russland-Deutschen e. V. (IKRD, Vorsitzender Heinrich Groth), inszeniert die integrationswilligen Russlanddeutschen als Opfer der bundesdeutschen Gesetzgebung, sozial degradiert zu „Deutschen zweiter Klasse“.

Schlimmer als das gruppenspezifische Leiden sei aber die drohende Islamisierung der gesamten BRD durch den massenhaften Flüchtlingszuzug. Die einzige Rettung bestünde im Bundestagswahlsieg 2017 in der nationalkonservativen AfD. Zur Dekonstruktion des Opfer-Narrativs des IKRD habe ich im Juli 2017 auf einer Konferenz an der Universität Hamburg referiert.

Tatjana Schmalz
Tatjana Schmalz | Bild: privat

Ein für die Mehrheit der Russlanddeutschen weitaus ansprechenderes Narrativ entwirft die älteste, größte und einzige politisch anerkannte Interessenvertretung der Volksgruppe, die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. Demzufolge bestünde das Problem in der ausbleibenden öffentlichen Anerkennung für deren Integrations– (bzw. Assimilations-)Erfolge.

Dieser Erkenntnis folgt ein Mobilisierungsaufruf: Angehörige der Volksgruppe sollten die gesellschaftspolitischen Partizipationsangebote wie Ehrenamt und Wahlbeteiligung sowohl individuell als auch kollektiv stärker nutzen. Die öffentliche Präsenz würde im positiven Sinne gesteigert und böte ein bedeutsames Gegengewicht zu ihrer auf Aktivitäten marginaler Splittergruppen wie dem IKRD basierenden medialen Verzerrung als Problemgruppe.

Meine Studie sollte aufzeigen, dass die russlanddeutschen Selbstdarstellungen sich vollständig von ihren Fremddarstellungen abgrenzen und eine intermediäre, hybride Identität der Volksgruppe konstruieren. Der IKRD zeigt durch seine Nähe zur nationalkonservativen AfD eine Überidentifikation mit einem imaginierten „Deutschtum“. Die LmDR dagegen stärkt das Selbstbewusstsein der Deutschen aus Russland als heterogene Volksgruppe, die mit zahlreichen Leistungsträgern einen integrativen Teil der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft bilde.

Tatjana Schmalz

Tatjana Schmalz (geb. 1994, Irkutsk) kam mit ihrer Familie 1996 nach Deutschland. Sie wuchs in Herford (NRW) auf, machte dort ihr Abi­t­ur im Sommer 2012 und zog zum Studium nach Berlin. An der Humboldt-Universität zu Berlin absolvierte sie im Herbst 2015 den Bachelor of Arts in Russisch mit einer Forschungsarbeit zur slawischen Folklore in zeitgenössischen Trickfilmmärchen. Im Dezember 2017 absolvierte sie den Master of Arts in Slawistik mit einer Arbeit zur medialen Integration der Russlanddeutschen nach dem Fall Lisa im Jahr 2016. Ab Februar 2018 ist sie sechs Monate lang Stipendiatin der Humboldt-Universität zu Berlin und forscht für ihr Promotionsprojekt. Darin geht es um die hypothetische Neukonzeption der bundesdeutschen Erinnerungspraxis mithilfe des Neo-Eurasismus nach Aleksandr Dugin am Beispiel der Volksgruppe der Deutschen aus Russland.

Erschienen in Volk auf dem Weg 1/2018.