Deportation, Integration, Emigration

Alfred Aisfeld stellt das Buch im Haus der Freundschaft vor. | Foto: Veronika Likhobabina | DAZ

Sie waren einmal rund eine Million, heute sind es nur noch 180.000: Die Deutschen in Kasachstan. Sie kamen nicht immer freiwillig hierher und seit dem Zerfall der Sowjetunion haben viele die Gelegenheit genutzt, nach Deutschland zurückzukehren. Ein neues Buch arbeitet die Geschichte und Kultur der Deutschen in Kasachstan auf.

Die Geschichte der Deutschen in Kasachstan lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Manche siedelten sich freiwillig an, die meisten Europäer wurden zu dieser Zeit jedoch zwangsweise als Teil der russischen Kolonisierungspolitik nach Kasachstan gebracht. Konflikte mit der kasachischen Bevölkerung blieben dabei nicht aus. Über die Jahrhunderte hinweg haben die Deutschen jedoch ihre Spuren in Kasachstan hinterlassen.

Die „Geschichte und Kultur der Deutschen in Kasachstan“ ist nun in Buchform erschienen. Vergangene Woche wurde das Buch an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) in Almaty präsentiert. Es ist wohl eines der umfassendsten Werke zu diesem Thema und zudem zweisprachig: Deutsch und Russisch. „Das Buch ist wichtig, da auch in Deutschland gerade viele Diskussionen über die Integration von Migranten und Spätaussiedlern geführt werden“, sagte Markus Kaiser, Präsident der DKU, zu Beginn der Veranstaltung.

Immer weniger sprechen Deutsch

Generalkonsul Jörn Rosenberg mit Dr. Alfred Aisfeld. | Foto: Veronika Likhobabina | DAZ

Insgesamt haben sechs Autoren unter der Federführung von Alfred Eisfeld an dem Buch mitgearbeitet. Der Historiker für die Länder Ost- und Südosteuropas ist selbst Russlanddeutscher und Leiter des Instituts für Deutschland und Osteuropaforschung des Göttinger Arbeitskreises. Er hielt einen kurzen Abriss der Geschichte der Deutschen in Kasachstan und ging dabei vor allem auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ein.
Nach dem Ersten Weltkrieg seien Kriegsgefangene aus Deutschland, aber auch aus Österreich-Ungarn, nach Kasachstan gebracht worden.

Anfang der 1930er Jahre begannen die Repressionen durch Stalin. Deutsche in Russland, insbesondere in der Wolgaregion, wurden enteignet und nach Kasachstan und Sibirien gebracht. Ab 1936 folgte die Deportation der Deutschen, aber auch von Polen und anderen Europäern, die an den Grenzen zur Sowjetunion gesiedelt hatten, bevor 1941 der endgültige Aussiedlungsbefehl erfolgte.

Später sei es darum gegangen, die Deutschen dort sesshaft zu machen, wohin sie deportiert worden waren, so Eisfeld. „Heute ist die Erhaltung der deutschen Sprache eine entscheidende Aufgabe.“ Laut des Zensus 2009 geben nur noch 17 Prozent der deutschen Minderheit an, Deutsch als Muttersprache zu haben. 83 Prozent sehen hingegen Russisch als ihre Muttersprache an.

Neues Forschungszentrum an der DKU?

Ebenfalls Autor ist Alexander Dederer. Er war von 1996 bis 2017 Vorsitzender der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiederge-
burt“. Er beschrieb, wie Kasachstan zur Zeit der Perestroika ein Land geworden war, in dem Deutsche sich gegen die Staatsmacht zu Wort melden konnten. Vor allem mit der Einführung eines deutschsprachigen Radioprogramms in den 70er Jahren haben die deutschen Gemeinschaften begonnen, miteinander zu reden.

Tamara Wolkowa, Professorin an der DKU und Mitautorin an dem Buch, äußerte die Hoffnung, dass an der DKU bald ein Forschungszentrum zur Erforschung der Deutschen in Kasachstan eröffnet werde. Während der Veranstaltung wurde immer wieder betont, dass das Buch eine wichtige Grundlage für weitere Forschung bilde. Außerdem seien bereits weitere Projekte in Arbeit. Eines soll die Geschichte der Deutschen während der ersten Kolonisation beleuchten. In einem anderen soll es um die Dokumentation der Biografien von Deutschen in Kasachstan gehen. Weitere Autoren, die allerdings nicht bei der Präsentation anwesend waren, sind Ljudmila Burgart, Viktor Kriger und Konstantin Ehrlich.

Hartmut Koschyk, Minderheitenbeauftragter der Bundesregierung, betont im Vorwort des Buches: „In beiden Ländern herrscht leider noch immer ein großes Wissensdefizit, was die Eigenart, Geschichte und Entwicklung der Kasachstandeutschen angeht. Auch hier kann das vorliegende Werk einen wesentlichen Beitrag zur weiteren Aufklärung, Akzentplatz und Integration leisten“.

Das Buch „Geschichte und Kultur der Deutschen in Kasachstan“ ist 2017 in russischer und deutscher Sprache beim Göttingen Arbeitskreis mit 524 Seiten erschienen.