Ein warmer Wind weht an diesem Sommerabend über den Marienplatz. Menschen gehen spazieren, und durch die Luft schwingt Musik. Neben dem Eingang zum S-Bahnhof sitzt ein Mann. Die Lichter der Stadt sind so hell, dass sein Gesicht kaum zu erkennen ist. Manche Fußgänger verlangsamen ihren Schritt, wenn sie an ihm vorbekommen, andere bleiben in der Nähe stehen. Der Mann in den hellgrünen Shorts und dem karierten Kurzarmhemd spielt Schifferklavier. Seine Finger bewegen sich schnell, der linke Fuß hebt und senkt sich im Takt. Es kommt einem vor, als ob die Luft hier vibriert.

Mit dem Akkordeon um die Welt

Der Musiker stellt sich als Wladimir vor. Seine Karriere als Straßenmusiker begann nach dem zweiten Studienjahr an einem Konservatorium in der ukrainischen Stadt Donezk. „Ich wollte ein gutes Instrument haben, aber meine Eltern konnten mir kein Geld dafür geben.“ Nach einem Jahr auf der Straße kaufte sich Wladimir in Kiew ein Akkordeon der bekannten deutschen Firma „Weltmeister“, und fing an durch Europa zu reisen.

Münchner Straßenmusiker
Mit dem Akkordeon um die Welt: Wladimir aus der Ukraine | Foto: Autorin

Das erste Land, in das er kam, war die Schweiz, wo er sechs Jahre lang arbeitete, meistens im Sommer. „Im Winter sind die Finger steifer“, sagt Wladimir. Wie eine Erinnerung an diese Zeit stehen vor dem Musiker ein kleiner schwarzer Notenständer und zwei Stapel mit CDs, die 15 oder 20 Euro pro Stück kosten. Es sind seine eigene Kompositionen, der hier verkauft, entstanden während seiner Reise durch die Schweiz. In 30 bis 40 europäischen Städten hat der heute 38-Jährige schon gespielt, seit 2011 musiziert er in Deutschland.

Zu seinem Repertoire gehört vor allem Barockmusik: Vivaldi, Bach, Corelli und Mozart. Neben dem Akkordeon kann Wladimir auch Klavier, Gitarre und Schlagzeug spielen. Mit 9 Jahren begann er seine Ausbildung in einer Musikschule, danach folgte die Lehre an der Musikberufsschule in Mykolajiw und die Ausbildung am Konservatorium. Während seines Studiums war Wladimir im Nationalorchester als Akkordeonspieler tätig. Auf die Frage, warum er jetzt im Ausland auf der Straße spielt, antwortet er: „Das Leben ist einfach so. Beim ersten Mal, als ich auf der Straße spielte, füllten sich meine Augen mit Tränen. Ich schämte mich.“ Wladimir zieht an einer Zigarette. „Hier kann man fast genug für ein durchschnittliches Leben verdienen. Meine Tätigkeit ist wie Lotto: Ich weiß nie genau, wie viel Geld ich heute oder morgen verdienen werde, und welche Zukunft auf mich wartet. Aber ich weiß genau, dass ein erfolgreicher Straßenmusiker nicht nur musikalisches Talent, sondern auch Geduld und Humor braucht. Die Motivation ist stets da, weil man schließlich immer etwas zu essen braucht.

Seit sechs Jahren spielt Wladimir zusammen mit fünf weiteren Musikern in der Straßenband „Konnexion Balkon“. Sie spielen Klavier, Geige, Violoncello, Bass, Balalayka-Kontrabass und Schifferklavier „Wir machen gemeinsam eine Show, an der die Zuschauer immer ein großes Interesse haben“, sagt er. „Wir spielen gern ein Potpourri aus Klassik, Jazz und Pop. Unser Publikum besteht meistens aus älteren Europäern.“

Transsilvanische Volksmusik auf dem Marienplatz

Um die Ecke von Wladimirs Platz können die Fußgänger einem weiteren Musiker zuhören. Neben einer beleuchtenden Glasvitrine mit bunten Regenschirmen und bunten Badesachen spielt der Geiger Barna Preda. Seine dünne Figur sieht besonders ungewöhnlich im Licht aus. Er spielt transsilvanische Volksmusik. Einige Menschen bleiben stehen und hören ihm begeistert zu. „Ich spiele seit elf Jahren Geige. Unterricht gab mir ein Mann aus meinem Dorf “, erzählt der 27-Jährige, der eigentlich aus Rumänien kommt.

Münchner Straßenmusiker
Spielt seit 11 Jahren Geige: Barna Preda. | Foto: Autorin

Barna ist besonders stolz drauf, dass er schon vier Mal vor Prinz Charles, dem Sohn der britischen Königin Elisabeth II., spielen durfte. „Zuletzt im Jahr 2017. Prinz Charles hat auch die Veröffentlichung meines Buches über Transsilvanien finanziert“, erzählt er. Stolz zeigt er das Buch mit der Krone und überreicht seine Visitenkarte. Mit seinem Wirtschafsstudium ist der junge Mann schon lange fertig. Nun studiert er im Master Ethnographie. Wegen des niedrigen Lohns in diesem Bereich bevorzugt er es allerdings als Straßenmusiker tätig zu sein: „Die Genehmigung für einen halben Tag kostete zehn Euro. Ich arbeite zwei bis drei Stunden. In dieser Zeit kann ich etwa 50 Euro verdienen. In vergangenen zwei Wochen habe ich mehr als 750 Euro verdient. Vor allem Araber geben mir immer viel Geld, zwischen fünf und 20 Euro. In Rumänien habe ich als Ökonom 300 Euro pro Monat bekommen und dafür täglich acht Stunden gearbeitet.“

Um eine Genehmigung zu erhalten, ohne die man auf dem Marienplatz nicht spielen darf, geht Barna jeden Tag meistens bis 07.30 Uhr zur zuständigen Behörde. Dann gibt es noch keine langen Schlangen. Kommt er jedoch später, kann das bedeuten, dass er den ganzen Tag lang nicht spielen darf, da Genehmigungen für Straßenmusiker klar begrenzt sind. An diesem Abend ist er einer von fünf, die diese Genehmigung erhalten haben.

Abends träumt Barna meistens vom Urlaub. Er plant, auf die griechische Insel Korfu zu fahren. Nächstes Jahr würde er gern eine Reise nach Sibirien, Kasachstan und in andere asiatische Länder unternehmen. „Aber dafür muss ich noch mehr auf der Straße musizieren“, sagt er und fängt an zu spielen. Zwei junge Frauen hören ihm schon zu.

Dem Cimbalom lauschen

Nicht weit entfernt vom Marienplatz befindet sich der allseits bekannte Viktualienmarkt. Dort arbeitet an jedem Ende ein Musiker. Einer von ihnen kommt wie Barna auch aus Rumänien. Der 52-jährige Ionel Zidaru ist seit einer Woche in Deutschland. Hier verbringt er seinen Urlaub und arbeitet manchmal als Straßenmusiker. Sein Instrument zieht die Blicke der Fußgänger an. Der Musiker nennt es Cimbalom oder Cymbaly. Fast niemand aus dem Publikum kennt es. Kein Wunder: Es ist eine Art Zither, die vor allem in Rumänien, Ungarn, der Slowakei und Südmähren verbreitet ist, und wie ein mittelgroßes Trapez mit Saiten aussieht. Es ist aus rotem und schwarzem Holz geschnitzt und steht auf vier Beinen.

80 Kilo wiegt Ionel Zidarus Instrument: das Cimbalom. | Foto: Autorin

„Ich kann nur wenig Deutsch“, sagt Ionel, und beginnt zu spielen: Die zwei etwa 30 Zentimeter langen roten Stäbchen mit weißen Stofftüllen in seinen Händen berühren die Cimbalomsaiten kaum. Es verbreitet sich eine sanfte Melodie. „Sie ist unglaublich schön“, sagt eine Frau. Stephanie Krebs, 52, lauscht der Musik begeistert. Sie reist mit ihrem Mann fast alle fünf Jahre von Dortmund nach München. „Ich mag hier besonders, dass die Musiker auf den Straßen spielen. In meiner Stadt gibt es keine solche Tradition. Vielleicht fühle ich mich deswegen hier als Prinzessin. Ich würde gern ein schönes langes Kleid tragen, um mich im Kreis zu drehen“, sagt sie und legt ein paar Euro in die Schachtel. Sie lächelt, der Musiker auch.

Es ist schon später Abend. Ionel hat das Geld aus den Schachteln in seine Tasche gekippt und wartet auf einen Bekannten, der ihm hilft, das 80-Kilogramm-Instrument ins Auto zu legen. Die Menschen gehen eilig nach Hause, die Straßen sind dunkel und fast leer. Die Musik ist verstummt. Aber die Ruhe der Nacht dauert nicht lange. Am nächsten Morgen werden wieder Menschen da sein. Die Musiker spielen weiter ihre Melodien. Oder spielt die Musik die Menschen?

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