Grenzenlose Steppen, erhabene Berggipfel und zerklüftete Canyons. Nein, die Reise führt nicht in die USA, sondern nach Kasachstan. Ökotouristen, die sich nicht von strengen Visa- und Registrierungsregeln abschrecken lassen, sondern das Land der 39 Tulpenarten einmal selbst besuchen möchten, sind bei Raschida Schaikenowa herzlich willkommen. Die Chefin der kasachischen Tourismusassoziation berät den Staat beim Aufbau einer konkurrenzfähigen Infrastruktur für Touristen und ist überzeugt: „Gastfreundschaft muss man unseren Landsleuten nicht beibringen, aber die Regeln dafür schon“.

/Bild: Dagmar Schreiber. ‚Kein Ziel für Massentourismus: Die Tourismusbranche ist ein noch junger Wirtschaftszweig in Kasachstan.’/

Raschida Schaikenowa

Frau Schaikenowa, der Deutsche fährt gerne mit dem Finger über die Landkarte, aber er bleibt doch sehr selten bei Kasachstan hängen. Mit welchen Argumenten überzeugen Sie ihn, eine Reise in ihr Heimatland zu buchen?

Wir sind gastfreundlich, lieben die Touristen und zeigen ihnen gerne unsere einzigartige Natur- und Pflanzenwelt. Ob beim Wildwasser-Rafting, einer Jeep-Safari oder bei einer Reittour. Wer es lieber stiller mag, dem empfehle ich die Wälder Ostkasachstans, wo es auch alle Angebote für Wintersport gibt. Wir sind nicht nur die Heimat der Apfelsorte Aport, sondern auch die Heimat der Tulpen. In Kasachstan wachsen 39 Tulpenarten.

Das hört sich spannend an. Nur, wie kann der deutsche Tourist die ganzen Naturschönheiten Kasachstans ohne Russischkenntnisse finden?

Das ist kein Problem. In unserem Informationszentrum halten wir Broschüren und Reiseführer in seiner Muttersprache bereit. Auch kann er mit einem deutschsprachigen Reiseführer durchs Land reisen oder sich an unsere Mitarbeiterin aus Deutschland, Dagmar Schreiber, wenden, die ihn gerne berät.

Wenn die Sprachbarriere die westlichen Touristen nicht daran hindert, die Naturschönheiten Kasachstans zu besuchen, was hält sie dann auf? Die hohen Preise touristischer Serviceleistungen?

Die hohen Preise hängen natürlich mit den Kosten zusammen: für Grundstücke, Infrastruktur, kommunale Abgaben, Personal etc. Das ist bei uns nicht billig. Außerdem zeichnen sich unsere Unternehmer durch ihr Bestreben aus, möglichst schnell viel Geld zu machen. Vor der Finanzkrise rentierte sich ein Hotel nach fünf bis sieben Jahren, heute muss man schon zehn bis 15 Jahre Geduld mitbringen. Höhere Preise versprechen höhere und schnellere Gewinne.

Aber gerade diese hohen Preise wie 200 Dollar für eine Nacht im Hotel, sind viele Touristen gar nicht bereit zu zahlen. Die Konzentration auf zahlungskräftige Luxustouristen verlangsamt doch die Entwicklung des Inlandstourismus insgesamt.

Da haben Sie recht. Aber Kasachstan ist kein Ziel für Massentourismus wie zum Beispiel die Türkei oder Ägypten. Wenn mir dort ein Hotel zu teuer ist, buche ich einfach ein anderes. Die Konkurrenz auf dem Markt reguliert den Preis. Dieser Mechanismus funktioniert bei uns nicht. Welche Auswahl an Hotels gibt es beispielsweise rund um Almaty? Die Tourismusbranche in Kasachstan besteht im Wesentlichen aus klein- und mittelständischen Unternehmen. Die können sich ohne staatliche Unterstützung nicht weiterentwickeln. Vergünstigungen, Steuererleichterungen, Kredite zu günstigen Konditionen und ähnliche Maßnahmen könnten zu mehr Investitionen führen.

Wie versuchen sie als Interessensverband, die Konkurrenzfähigkeit der einheimischen Tourismusindustrie zu stärken?

Im besten Sinne des Wortes betreiben wir Lobbyarbeit, indem wir die Interessen von Tourismusunternehmen, Flug- und Transportunternehmen, Hotels, Versicherungen und Bildungseinrichtungen, die Tourismusexperten ausbilden, bei der Regierung vertreten. Außerdem informieren wir unsere Mitglieder über Gesetzesänderungen und Trends. Als Plattform vermitteln wir auch Gespräche mit Behörden und Konsulaten. Mittlerweile zählen zu unserer Assoziation auch Tourismusunternehmen aus Russland, Ungarn und Usbekistan, die sich für den kasachischen Markt interessieren.

Bereits zehn Jahre besteht die Tourismusassoziation. Wo liegen erste Erfolge Ihrer Arbeit?

Die Tourismusbranche ist ein noch junger Wirtschaftszweig in Kasachstan. Früher, in der Sowjetunion, gab es gar keine privaten Tourismusunternehmen. Alle Urlaubreisen liefen zentral über Moskau und die beiden Organisationen „Sputnik“ und „Intourist“. Mitarbeiter dieser Organisationen gründeten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die ersten privaten Tourismusunternehmen in Kasachstan. Sie betraten völliges Neuland, es gab keine Tourismusgesetze oder staatlichen Maßnahmen. Der Regulierungsprozess ist bis heute nicht abgeschlossen. Wir arbeiten immer noch an Verbesserungen.

Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Sie in diesem Zusammenhang?

Ein aktuelles Problem für Touristen besteht darin, ein Visum für Kasachstan zu erhalten. Unsere Botschaften und Konsulate sind nicht in allen Ländern vertreten. Für ein Visum muss ein Tourist persönlich vorsprechen. Das bedeutet für einen Australier beispielsweise nach London zu fliegen. Auch die Registrierung im Land bleibt schwierig. Im Jahre 2002 haben wir mit der Einwanderungsbehörde vereinbart, dass sich Touristen in Almatyner Hotels registrieren können. Das versuchen wir auch in Astana einzuführen, aber bislang ohne Erfolg. Diese administrativen Barrieren verlangsamen die Entwicklungen im einheimischen Tourismussektor. 84 Prozent der kasachischen Reiseunternehmen haben sich deshalb auf Reisen ins Ausland spezialisiert.

Die kasachische Tourismusbranche.

Auf der Internationalen Tourismusmesse belegte der Stand Kasachstans das zweite Jahr hintereinander den ersten Platz unter den Ländern Asiens, Ozeaniens und Australiens. Wie sieht die Zukunft der kasachischen Tourismusindustrie aus?

Kasachstan ist ein großes Land, und ohne die Anstrengungen der regionalen Behörden ist es unmöglich, den Inlandstourismus weiterzuentwickeln. Deswegen arbeiten wir eng mit den Gebietsverwaltungen zusammen. Außerdem widmen wir viel Zeit der Ausbildung von Tourismusexperten. Als vielversprechender Trend erweist sich der Ökotourismus in Kasachstan.

Können Sie diese Richtung ein bisschen näher erläutern?

Ökotourismus ist ein besonderes touristisches Angebot, das zu neuen Arbeitsplätzen in den Regionen führen kann und die Menschen lehrt, verantwortungsvoll mit der Natur umzugehen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war die Eröffnung von 80
Gästehäusern. Wir helfen bei der Ausstattung dieser Gästezimmer. Gastfreundschaft muss man unseren Landsleuten nicht beibringen, aber die Regeln dafür schon.

Wo ist es für Sie persönlich in Kasachstan am schönsten?

Das deutsche Consultingunternehmen IBK hat fünf bevorzugte Regionen für Tourismus in Kasachstan identifiziert. Dazu zählen das Gebiet Almaty, die Mangistau-Region, Südkasachstan, das Akmolinsker Gebiet und der Osten Kasachstans. Ich persönlich reise beruflich so viel, dass ich meine Freizeit am liebsten mit meinem Enkel zu Hause verbringe (lacht).

Interview: Christine Karmann

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Raschida Schaikenowa. Die studierte Philologin arbeitete lange im kirgisischen Bildungssektor. Zusammen mit ihrem Mann, dem ehemaligen kirgisischen Generalkonsul, kehrte sie nach der Unabhängigkeit Kasachstans in ihr Heimatland zurück. Da sie als ausländische Staatsangehörige nicht an kasachischen Schulen unterrichten konnte, begann sie zu schreiben. Den Mitarbeitern der Tourismusassoziation sollte sie zunächst nur das Briefeschreiben an Regierungsorganisationen beibringen, übernahm jedoch mit der Zeit immer weitere Aufgaben.

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Die kasachische Tourismusbranche. Nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde existieren 1.325 Tourismusunternehmen in Kasachstan. Im letzten Jahr besuchten knapp 30.000 ausländische Touristen das Land. Vor allem Reisende aus Frankreich, USA, Spanien, Italien und China gaben ihr Geld in der kasachischen Tourismusbranche aus. Insgesamt betrug der Gewinn der Tourismusbranche 2010 etwa 370 Millionen Euro. Dies stellt eine Steigerung um rund 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr dar.

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