Nach dem Einmarsch deutscher Truppen im Juni 1941 wurden alle Russlanddeutschen hinter den Ural verbannt. In ihrem neusten Roman „Irina – eine wolgadeutsche Tragödie“ erzählt die Berliner Autorin Marianne Blasinski die Geschichte der Wolgadeutschen Irina Meier, für die das Leben wie „ein Schienenstrang ohne Weichen“ ist. Sie hat wenig Möglichkeiten, ihr Leben zu verändern und kämpft sich von ihrer entbehrungsreichen Kindheit in Kasachstan, über ihr Martyrium an der Seite eines Alkoholikers bis nach Deutschland in ein Leben, das ihr Glück und Geborgenheit schenkt.

/Bild: privat/

Frau Blasinski, auf dem Cover Ihres neusten Romans „Irina – eine wolgadeutsche Tragödie“ ist das Passfoto einer jungen Frau abgebildet, und im Klappentext heißt es, dass der Roman nach wahren Begebenheiten entstand. Können Sie dazu etwas genauere Angaben machen?

Auf die Idee, die Geschichte der Russlanddeutschen in den letzten 70 Jahren mit allen ihren menschlichen Hoffnungen und Tragödien in einem Roman zu verarbeiten, bin ich durch Irina Maier gekommen. Ich selbst lernte Frau Maier anlässlich einer Lesung kennen, die ich vor einer Gruppe Russlanddeutscher in Berlin hielt. Ich fragte sie nach ihrem Schicksal, das mich dann sehr berührte. Das Bild auf dem Buch ist Irina in jungen Jahren.

Wie lange haben Sie an dem Roman gearbeitet?

Nun, ich denke mindestens zwei Jahre, nachdem das erste, weniger literarische Manuskript, das wir über eine Agentur größeren Verlagen anboten, keine Abnahme gefunden hatte. Ich habe es dann zu einem Roman umgeschrieben. Der relativ kleine OEZ-Verlag – Osteuropäisches Zentrum – griff dann zu.

Welche Reaktionen, vor allem von russlanddeutschen Lesern, haben Sie bekommen?

Die Reaktion der Russlanddeutschen auf meinen Roman kann ich nicht einschätzen. Ich selber habe nur deutsches Lesepublikum. Die Menschen hier sind über das Schicksal der Russlanddeutschen ahnungslos, beziehungsweise haben falsche Vorstellungen, da die Aussiedler auch oft Sprachschwierigkeiten haben. Gelingt es mir durch eine Lesung oder durch das Verschenken meines Buches die Leute mit den russlanddeutschen Schicksalen vertraut zu machen, so ist die Erschütterung groß.

Welche Bücher lesen Sie selbst gerne?

Seit geraumer Zeit bekomme ich durch den Freien Deutschen Autorenverband Bücher meiner ostdeutschen-ostberliner Kollegen zu lesen und setze mich mit ihnen auseinander. Wir lebten vierzig Jahre in einem Land, einer Stadt, aber in unterschiedlichen Systemen: kommunistisch, auch sozialistisch genannt, und kapitalistisch. Da bedarf es oft ziemlicher Toleranz auf beiden Seiten, um die Mauer in den Köpfen niederzureißen.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Es gab keinen äußeren Anlass. Es war mir mein Leben lang ein Bedürfnis zu schreiben, wobei in meinen Büchern immer Zeitgeschehen mit einfließt, ein Redakteur nannte es einmal „Geschichte von unten“. Anfangs schrieb ich in Schulhefte und übertrug es mit Schreibmaschine. Seit vielen Jahren schreibe ich mit dem PC, was das Handwerkliche enorm erleichtert.

Woran arbeiten Sie gerade?

An einer Anthologie über acht Frauenleben 70 plus. Frauen aus verschiedener Herkunft, mit verschiedenen Berufen oder auch gar keinen, weil man in früheren Jahrzehnten davon ausging, dass Mädchen ja doch heiraten und vom Mann versorgt werden. Für meine Generation hatte das nur den Haken, dass drei Millionen deutscher Männer im Krieg gefallen waren und ergo drei Millionen Frauen ohne Partner ihr Leben gestalten mussten.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit als Schriftstellerin?

Sie bedeutet innere Balance, wenn Sie das nachvollziehen können. Ich suche keine Themen, sondern sie finden mich. Natürlich freue ich mich über Resonanzen von außen. Ich habe inzwischen etwa 200 Lesungen absolviert. Doch die sind nur das Sahnehäubchen.

Was können Sie Nachwuchsschriftstellern raten?

Wenn sie nicht eine germanistische oder journalistische Vorbildung haben, rate ich zu einem (nicht billigen) Fernkurs. Der ist zwar umstritten, vermittelt aber handwerkliches Rüstzeug.
Vor allem aber braucht der Prosaschriftsteller neben einem gewissen Talent Disziplin und Kontinuität. Und er braucht Geduld und einen langen Atem, um einen Verleger zu finden. Zu Lyrik habe ich keinen Zugang.

Interview: Christine Karmann

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Marianne Blasinski wurde 1928 als Tochter eines U-Bahnfahrers in Berlin geboren. Sie absolvierte acht Volksschuljahre und danach eine Lehre als Technische Zeichnerin. Nach Beendigung des Krieges arbeitete sie bis zur Heirat in verschiedenen Jobs, war nach der Scheidung alleinerziehende Mutter eines Sohnes und bis zur Berentung erneut im gelernten Beruf tätig.

Marianne Blasinski begann mit zwanzig Jahren zu schreiben. In den siebziger Jahren wurden erstmals Erzählungen in mehreren Zeitschriften veröffentlicht. In den darauffolgenden dreißig Jahren erschienen in verschiedenen Verlagen vierzehn Bücher – Romane und Biografien. Die Autorin ist Mitglied des Freien Deutschen Autorenverbands (FDA) sowie Ehrenmitglied bei dem Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V.

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