Entweder man glänzt durch Kompetenz und hievt sich mit Talent, Fleiß und Hartnäckigkeit auf die Bühnen. Oder man muss die richtigen Leute kennen, die einem Schlupflöcher eröffnen, um seine Marken zu setzen.

Ich bin jetzt schon über 40 und muss allmählich entscheiden, wie ich die Welt markiere, bevor ich abtrete. Denn von der Idee zur Umsetzung vergehen auch noch ein paar Jährchen. Schließlich will ich nicht nur das Bundesverdienstkreuz, den Pulitzer– oder Nobelpreis erlangen, sondern ich will etwas in die Welt setzen, das viele Menschen benutzen. So etwas wie eine Stradivari. Oder eine Formel. Gerne auch eine Redewendung. Mein Beruf eignet sich leider nur bedingt, Zeichen zu setzen. Na gut, ich könnte eine besonders schlaue Methode entwickeln, Daten zu erheben, eine fünfdimensionale Matrix kreieren, die man trotzdem noch auf den ersten Blick versteht oder so was, aber irgendwie fehlt da der Pfiff.

Um mich über Beziehungen in Szene zu setzen, fehlt mir der Zugang. Der Klassiker wäre, dass man einen Hollywood-Regisseur kennt oder zum Onkel hat, der einem eine tragende Rolle gibt, obwohl man eigentlich kein großes Talent hat, aber dann die Schauspielkunst wie von selbst folgt. Ich durchforste im Geiste mein Umfeld nach Schlüsselpersonen in relevanten Tätigkeitsbereichen, doch leider fällt mir niemand ein, der berühmt ist und mich in sein Fischbecken einschleusen könnte. Das Höchste, das ich mal rausschlagen konnte, war, vom Wirt meines Vertrauens zum inner circle gekürt zu werden und in der zugesperrten Kneipe weit über die Sperrstunde hinaus weitersaufen zu dürfen. Prost Mahlzeit! Ein Freund, der als Sprecher arbeitet, ist gerade mit interessanten Hörspiel-Projekten beschäftigt. Vielleicht könnte ich ein Geräusch einbringen, das sonst keiner so gut kann wie ich, zum Beispiel einen Pfiff oder so was. Zwar würde niemand wissen, dass der Pfiff von mir stammt, aber das macht ja nichts, Hauptsache, ich habe einen Piff in die Welt gesetzt, den viele wiedererkennen, wenn er ertönt.

Meine aktuell liebste und realistischste Möglichkeit könnte sich aus der Begegnung mit jemandem eröffnen, der bei einem Musiknoten-Verlag arbeitet. Wenn er mir zum Beispiel den Gefallen täte, meine unverwechselbaren Fingersätze in die Notensätze einzubringen, dann würden ziemlich viele Menschen meinen Anweisungen folgen. Toll! Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie über die Jahrzehnte und Jahrhunderte viele kleine und große Musikschüler auf allen Kontinenten an meinen Fingersätzen verzweifeln, Variante eins, oder aber, Variante zwei, mir unendlich dankbar sind, dass endlich mal jemand gescheite Fingersätze erarbeitet hat, dass die Finger nur so über die Tasten fliegen. Chic wäre auch, wenn meinen Fingersätzen eine Konferenz gewidmet würde. Schlaue Musikwissenschaftler würden meine Fingersätze analysieren, diskutieren, in die Musikgeschichte einordnen und rätseln, von wem diese fast teuflischen Fingersätze stammen. Sie bräuchten es gar nicht zu erfahren, ich bleibe gern inkognito. Hauptsache, ich bleibe in der Welt. Die Idee gefällt mir stündlich besser, jetzt muss ich nur noch dafür sorgen, dass mir dieser Bekannte einen Gefallen tut und schon ist die Sache geritzt.

Julia Siebert

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