Zuletzt habe ich mit meinem Freund Arne ein Wochenende auf dem Dorf verbracht. So richtig auf dem Dorf. Mit Landwirtschaft und Landluft und so. Und das war sehr erholsam. Dorfidylle eben. Aber leben könnt ich da nicht.

Wenn man als Großstädter in die Pampa fährt, findet man das immer alles ganz toll, diese Ruhe, diese Zurückgebliebenheit. Mit verklärtem Blick verromantisiert man die Zustände, wie sie sich für die Einheimischen darstellen: Absolut nichts los. Tote Hose. Keine Perspektiven, insbesondere nicht für die Jugend. Und während man als Wochenendtourist schwärmt und schwelgt, wie schön man stundenlang in die Weite wandern kann, stößt man als Einwohner ständig an die Grenzen.

Denn die Grenzen der Dorfkultur sind engmaschig gesetzt. Davon weiß unser Vermieter ein Liedchen zu singen, der erstens zuzog, zweitens der grünen Partei zugetan ist und drittens ökologische Landwirtschaft betreibt. Hinter dieser Stille verbergen sich laute Grabenkämpfe, die nie ausgetragen sein werden, auch nicht irgendwann mal, sondern zum täglichen Dasein dazugehören. Sabotage, Prügeleien, Gerichtsverfahren, Mauscheleien, Seilschaften hinter vorgehaltener Hand – wer das nicht kann, sollte besser in der Stadt bleiben. Wo es das natürlich auch gibt, aber in der Stadt schafft die größere Auswahl an Menschen eine geringere Abhängigkeit von der Gunst einzelner.

Als soziologisch interessierte Menschen tauchten wir noch tiefer ein in das Dorfleben und besuchten ein Dorffest, wo deftig gegessen, tüchtig getrunken und fröhlich getanzt wurde. Ein schönes Fest. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten und dritten war das alles weniger herzlich. Besonders für uns. Es dauerte eine Weile, bis wir an unser Bier kamen, denn Arne musste sich ständig von durstigen Einheimischen überholen lassen. Die Volkstänzer klammerten sich verkrampft und verkniffen an ihren bunten Bändern fest, während sie ganz langsam im Kreis gingen. Als sie die Bänder mal hoben und schüttelten, gab es sogar wilden Applaus für diese mutige Einlage. Entweder die Landwirte tanzen nicht gern und waren ob dieser Herausforderung hochkonzentriert oder irgendwas war hier im Busch. Ein landwirtschaftlicher oder dörflicher Konflikt.

Später haben wir uns zu den Dorfleuten unseres Ortes an den Tisch der Dorfkneipe gesetzt. Womit jäh das muntere Geplauder endete, alle sich an ihrem Bier festhielten und auf den Tisch starrten. Wir übernahmen als Eindringlinge die Plauderoffensive, lautstark die weiße Fahne schwenkend. Doch die Tür öffnete sich nur langsam einen kleinen Spalt. Arne knackte einen Herrn mit Fußball. Fußball geht immer. Auch auf dem Dorf. Und irgendwann öffnete sich eine ältere Dame, nachdem sie ihren Kurzen gekippt hatte. Eine Dame schafft es selten, NICHT zu plaudern. Auch auf dem Dorf. Und erst recht nach einem Kurzen. Sie erzählte uns vom Trübsinn und Trübsal des Dorflebens. Die anderen ergriffen dies als Chance zur Flucht und nahmen drinnen ihren Platz ein. Da saßen sie nun alle am runden Tisch, wie die Ritter der Tafelrunde, kein Spalt für eine weitere Gestalt. Wenn Fremde kommen, rückt man dicht zusammen.

Was in und zwischen den Dorfleuten abläuft, kann ich nach meinen soziologischen Studien nicht mal im Ansatz erfassen. Da lässt er einen auch nicht ran, der Dorfmensch. Aber eines weiß ich gewiss: Eine Dorfidylle ist es ganz sicher nicht.

Julia Siebert