Ohne an dieser Stelle näher darauf eingehen zu wollen, finden wir in dem Klang der Verse etwas, das an „Des Knaben Wunderhorn“ erinnert, womit sich ein Bogen zur besonders unter den zeitlebens diskriminierten Sowjetdeutschen verbreiteten Vorstellung von Volkstümlichkeit schlagen ließe. Beim Volkslied und dessen Metrum wurden viele Anleihen gemacht. An die Arbeit des Frühromantikers Wilhelm Heinrich Wackenroder erinnert der Musikgeschmack, der bei einigen Autoren durchscheint. Die Bachverehrung war auch 1983 noch guter Ton: „Es gibt doch einen Gott / den Gott der Musik! […] / Guten Tag / unsterblicher Komponist / Johann Sebastian Bach! […] / Am Pult der Vergangenheit / steht der ewige Gott der Musik / Bach, Johann Sebastian. […]“, schreibt Robert Weber in seiner Gedichtsammlung „Reise in die Erinnerung“. Auch musikalisch blieb man einem Genre treu, wie der angeführte Prosaauszug nahelegt.

Wie literarische Rohware klingen fast sämtliche Gedichte des Autors Wendelin Mangold, denn es hat oft den Anschein, als hätte er seine Manuskripte nie ein zweites Mal gelesen. Den willkürlichen „Tiefsinn“ seiner Arbeiten veranschaulichen diese Zeilen: „Geduld / geduldige Geduld, / gedulde dich / durch geduldige Geduld, / duld, / duld, / duld!!!“, die als Wortspiel durchgehen sollen. In der Sowjetunion wurde ihm die für Menschen mit deutschem Hintergrund seltene Ehre zuteil, an einer Hochschule promovieren zu dürfen. Mangold, der in den 90er Jahren nach Deutschland emigrierte, und sich sehr rege über die russlanddeutsche Integration dort ausgelassen hat, versucht oft, mehr gewollt als gekonnt, am Zahn der Zeit zu fühlen. Als Beispiel für die politischen Züge seiner Gedichte hier einige Verse aus „Bad Godesberg“: „Die Berge pralle Titten / mit Schlösschen / reichlich gepiercet / Bonn ist mit Berlin zerstritten: / Wo dicker die Würst!“

Durchaus müssen viele Erscheinungen auf den Straßen Deutschlands in den 90er Jahren auf die Einwanderer befremdlich gewirkt haben. Dazu ein paar Schilderungen aus einem bereits 1981 ebenfalls im Verlag „Kasachstan“ erschienenen Sammelband von propagandistischen Texten zur „bundesdeutschen Frage“: „Die bürgerliche Propaganda trachtet (…) danach, unter den Bürgern deutscher Nationalität Auswanderungsstimmung hervorzurufen. Die westdeutschen Spezialisten des „psychologischen Krieges“ bemühen sich sehr, unter den Sowjetdeutschen das Interesse für die historische Heimat zu wecken, indem sie denselben ein Schlaraffenland ausmalen (…) Bei uns in der UdSSR kann jeder nach Wunsch und Geschmack einen Beruf wählen, kann ein jeder dort arbeiten, wo er will, wo es ihm gefällt. (…) Massenarbeitslosigkeit und Krisen ermöglichen es den Unternehmern, mit Hilfe der Furcht der Beschäftigten vor Entlassungen die Arbeitshetze in drastischer Weise zu steigern. (…) Viele der so um ihr Lebensglück betrogenen jungen Generation flüchten in Alkohol- und Rauschgiftmissbrauch, werden kriminell oder begehen Selbstmord. (…) Kinderprostitution und Gewaltverbrechen Minderjähriger gehören immer mehr zum Gesellschaftsbild der BRD (…) Jeder zehnte Schüler zwischen 10 und 19 Jahren nimmt Drogen.“

Mit allen Mitteln wurde versucht, die Menschen vor dem Auswandern abzuhalten. Wer nun zeitlebens diesem ideologischen Konflikt ausgesetzt war, ist sicherlich nicht ganz unvoreingenommen nach Deutschland ausgesiedelt. Selbst heute noch ist das Deutschlandbild in der russischsprachigen Medienlandschaft fragwürdig: Man denke nur an die Beiträge von RT Deutsch, die in jeder zweiten Sendung von bürgerkriegsähnlichen Zuständen berichten.

Die Spätaussiedler brachten ihre in sich geschlossene, nur wenigen Kulturkontakten unterworfene Sprache und die Motivik ihrer Literatur in den 90er Jahren mit in die Bundesrepublik. Seitdem ist viel Zeit vergangen, und eine neue, in Deutschland aufgewachsene Generation von Deutschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten ist entstanden. Ihnen ist es vergönnt, ein sprachlich und kulturell durchweg progressives Umfeld zu erleben und jegliche Themen anzusprechen, nach denen ihnen der Sinn steht. Gleichzeitig können sie sich jedoch auf die Traditionen und den Leidensweg ihrer Vorfahren berufen. Dieser jungen Generation ist der Weg geebnet, die literarische Tradition der Kasachstandeutschen auf die nächste Stufe zu heben und dazu beizutragen, ihr mehr Geltung zu verschaffen.

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