Ein anderer Blick – russischsprachige Presse in Deutschland

Titelseite der Jüdischen Rundschau. | Bild: Autor

Minderheitenzeitungen gibt es auch innerhalb Deutschlands. So zum Beispiel Medien der jüdischen Gemeinde in Deutschland. Unser Autor, Turonbek Kozokov, hat in Berlin mit dem Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau“, Michail Goldberg, gesprochen. Die Monatszeitung versteht sich als unabhängig und pro-israelisch und hält mit ihrer politischen Meinung nicht zurück, weshalb sie auch mit einiger Kritik umzugehen hat.

Nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland leben zurzeit in der Bundesrepublik rund 100.000 Angehörige der jüdischen Gemeinde. Man geht außerdem davon aus, dass mindestens dieselbe Abzahl von Menschen jüdischer Abstammung und ihrer Angehörigen keine registrierten Gemeindemitglieder sind. Für alle Gemeinschaften ist Informationsaustausch von hoher Bedeutung, besonders wenn sie eine Minderheit innerhalb der Gesellschaft bilden. Meist übernehmen Medien diese Aufgabe. Als jüdische Stimmen in Deutschland treten Medien wie die „Jüdische Allgemeine“, „hagalil“ oder „Jewish Voice From Germany“ auf. In dieser Liste ist „Jewrejskaja Panorama“ das jüngste, aber eines der erfolgreichsten unabhängigen Presseorgane der Gemeinde.

Die jüdische Minderheit wird nicht nur von staatlichen Behörden unterstützt, indem sie mit eigenem Engagement ihren Beitrag zur weiteren Entwicklung der Gemeinde zu leisten sucht. Auch Michail Goldberg gehört zu einer solchen kleinen Gruppe in Berlin. Er kommt aus Charkow (Ukraine), wo er Bauwesen studierte.

Im Jahre 1994 ist er nach Deutschland umgezogen. Seit zwanzig Jahren wohnt er in Berlin. „Heimat ist der Ort, an dem man geboren wurde. Heimat war und bleibt für mich die Ukraine. Mit der Ukraine halte ich ständig den Kontakt aufrecht und beobachte mit großer Aufmerksamkeit alles, was dort passiert. Aber ich möchte für immer in Deutschland leben, in Deutschland liegt mein Lebensmittelpunkt.“ Nach Deutschland kam er aufgrund seiner jüdischen Abstammung. „Das ist keine besondere Geschichte“, fügt er hinzu. Die ersten sechs Monate verbrachte er in Nordrhein-Westfalen, dann fand er einen Job in Potsdam, wo er seither lebt.

Aus dem Bauwesen in die Chefredaktion

Michail Goldberg in Jerusalem. | Bild: Autor

Die letzten Jahre vor seiner Ausreise nach Deutschland arbeitete er in der ukrainischen Hauptstadt im Bank– und Versicherungsbereich. Während der ersten sechs Jahre in Deutschland beschäftigte er sich mit Produktmanagement in einer Finanzfirma. Parallel hat er angefangen, für eine russischsprachige Zeitung zu schreiben. „Zufällig entdeckte ich im Jahr 1995 die Zeitung ‚Европа-Центр (Zentrum Europa)‘. Es ist die erste russischsprachige Zeitung, die im Nachkriegsdeutschland herauskam.“ Goldberg schlug dem Chefredakteur vor, in der Zeitung eine Finanzrubrik zu organisieren. „Damit begann meine journalistische Arbeit. Nach und nach wurde das Themenspektrum immer größer.“ Später wurde er stellvertretender Chefredakteur.

2001 wurde die Zeitung „Европа-Центр (Zentrum Europa)“ von einem Investor gekauft und mit verschiedenen Blättern zusammengelegt. Goldberg wurde Chefredakteur der neuen Wochenzeitung „Europa-Express“ und blieb 13 Jahre lang auf diesem Posten.

Von der Jüdischen Zeitung bis zur Jüdischen Rundschau

Nach Goldberg wandten sich 2002 viele Angehörige der jüdischen Gemeinde in Berlin mit der Bitte um die Gründung einer russischsprachigen Zeitung für Juden an den damaligen Verleger der Wochenzeitung. Im September erschien daraufhin die erste Auflage der „Jüdischen Zeitung“.

Laut Migrationsbericht liegt die Anzahl der jüdischen Zuwanderer zwischen 1993 und 2013 einschließlich ihrer Familienangehörigen aus der ehemaligen UdSSR in der Bundesrepublik bei rund 200.000. Dabei war die Annahme der Konvention des sogenannten „Kontingentflüchtlingsgesetzes“ im Januar 1991 von hoher Bedeutung. Die Einwanderung aus den ehemaligen sowjetischen Republiken erforderte natürlich auch einen Informationsaustausch und zwar möglichst auf Russisch. Deshalb ist die Zeitung „Jewrejskaja Gaseta“ in kürzester Zeit sehr beliebt gewesen. Sie blieb bis 2014 unabhängige bilinguale (russisch– deutschsprachige) Stimme von und für Juden. Mit ihrer Thematik war sie einzigartig in Europa. Die Zeitung wurde in Westeuropa, Israel und den USA sehr gern gelesen. Auch die deutschsprachige „Jüdische Zeitung“, die später dazukam, erfreute sich hoher Beliebtheit.

Im März 2014 verließen Goldmann und einige Redaktionskollegen die „Jüdische Zeitung“. „Das hatte sowohl finanzielle als auch inhaltliche Gründe, da der Verleger seine politischen Ansichten plötzlich geändert hatte. Diese stimmten nicht mehr mit unseren überein. Bald nach unserem Weggang ging der Verlag mit allen seinen Blättern pleite.“

Erneuerung, Zweisprachigkeit und Konkurrenz

In jenem Jahr hat das ehemalige Redaktionsteam der Jüdischen Zeitung einen anderen Verleger gefunden, der großes Interesse an einem jüdischen Medium hatte. Mit der Unterstützung von Dr. Rafael Korenzecher erschien die monatliche russischsprachige Zeitung „Jewrejskaja Panorama“ seit Juni 2014 auch in deutscher Version als „Jüdische Rundschau“.
Die deutsche und die russische Zeitungsausgabe haben zwar die gleiche Ausrichtung, sind aber inhaltlich nicht identisch und werden von separaten, obgleich zusammenarbeitenden Teams gemacht.

Was die russischsprachige Zeitung betrifft, wird sie unter anderem besonders gerne von älteren Menschen gelesen, für die es nicht viele anderen Alternativen gibt, sich über das jüdische Leben in Deutschland und außerhalb desselben zu informieren. „Und das bieten wir mit unseren 72 Seiten monatlich. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und dessen Zeitung zeigen kein besonderes Interesse für diese Lesergruppe, deswegen waren alle unsere bisherigen Kooperationsangebote ohne Reaktion geblieben.

Die ‚Jüdische Allgemeine‘ betrachtet uns als Konkurrenz, was wir jedoch nicht sind, denn wir begrenzen uns nicht auf jüdischen Themen, sondern schreiben über alles, was unsere Leser interessieren könnte“, so Michail Goldberg. Dafür stünden auch die Zeitungsnamen, die unterstreichen sollen, dass Weltgeschehnisse aus jüdischer Sicht betrachtet werden.

Globales Berichten für Minderheiten

Dieses Mal hat die „Jüdische Rundschau“ von Anfang an mit den Verlegern die Ausrichtung besprochen. Man weiß, was vom Verlag erwartet wird, und versucht, sich mehr oder weniger daran zu halten. Mittlerweile hat die Zeitung eine Auflage von monatlich

7.000 Stück, die sowohl an Abonnenten verschickt werden als auch an Pressekiosken vieler europäischer Länder zu haben sind. Die internetaffinen Leser haben die Möglichkeit, sich auf den Webseiten der Zeitungen zu informieren oder die Zeitungen als e-Paper zu lesen. Darum bemüht sich ein kleines Team in Berlin, das mit Dutzenden freien Journalisten rund um den Globus zusammenarbeitet. Die Redakteure schreiben in einem breiten Themenspektrum über Israel, Deutschland, ehemalige Sowjetrepubliken sowie über Juden und das Judentum.

„Wir versuchen, die Themen so zu wählen, dass sie auch einen Monat „überstehen“ können“, erklärt Goldberg. Die Monatszeitungen können und sollen zwar keine Tagesaktualität bieten, haben aber die Möglichkeit, viele Themen im Verlauf zu analysieren und daraus wichtige Rückschlüsse für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. „Dank unserer finanziellen Unabhängigkeit können wir auch unangenehme Themen betrachten, die viele Mainstream-Medien entweder meiden oder manchmal politkorrekt bis zur Unkenntnis darstellen. Deswegen sind wir nicht bei allen beliebt, aber unsere zahlreichen Leser schätzen genau diese klare Linie.“

Nach Berichten anderer deutscher Medien, so zum Beispiel Deutschlandradio Kultur, ist es insbesondere der Herausgeber Rafael Korenzecher, der für kritische Stimmen sorgt. In der ersten Ausgabe von 2014 versprach das ‚Wort des Herausgebers‘ wahrheitsgetreue Berichterstattung zu Themen wie „tätliche Angriffe und No-Go-Areas in zahlreichen Städten Europas für alle als Juden erkennbare(n) Bürger“.