„Ein kasachisches Wunder, ein Klaviervirtuose mit außergewöhnlicher Kraft und einem starken Charakter“, so beschreiben ausländische Kritiker den 17-jährigen Komponisten und Pianisten, Rakhat-Bi Abdyssagin. Er begeistert Musikinteressierte auf der ganzen Welt mit seinen schöpferischen Leistungen. Rakhat-Bi Abdyssagin, am 2. Februar 1999 in Almaty geboren, hat 2012 die Musikschule in drei statt in sieben Jahren absolviert. Mit 15 Jahren erhielt er seinen Abschluss an der Altynsarin-Schule in Almaty. Im selben Jahr beendete er mit 17 Jahren das Nationale Konservatorium Kurmangazy und das Santa-Cecilia in Italien. Er ist Preisträger verschiedener internationaler Kompositions– und Klavierwettbewerbe. Sein Werk umfasst mittlerweile über hundert Kompositionen. Sein jüngster Auftritt fand Ende August im Rahmen des internationalen Festivals „Euro Young Classic“ im Konzerthaus Berlin statt. Hier präsentierte er seine Uraufführung mit dem Symphonieorchester der Nationalen Universität der Bildenden Künste Kasachstans.

Es herrscht aufgeregtes Treiben im gesamten Konzerthaus. Ein Sammelsurium verschiedener Klänge und Geräusche hinter der Bühne – auf Geigen, Flöten und Klavier bereiten sich junge Musiker aus unterschiedlichen Nationen aufgeregt auf ihre Konzerte vor. Mittendrin Rakhat-Bi Abdyssagin. Trotz des Trubels und der Aufregung ringsherum steht der junge Pianist, selbstbewusst, ganz ruhig und freundlich zum Gespräch bereit und erzählt kurz über seinen künstlerischen Lebensweg.

Sie treten als der jüngste Musiker hier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Berlin auf. Wie sind Sie eigentlich so früh zu so großem Erfolg gekommen?

Ich denke, dass jeder Mensch mit seinen besonderen und einzigartigen Talenten auf die Welt kommt, die später sein Leben bestimmen. In meiner Vorstellung sind jedoch die Begriffe Musik, Kunst und Wissenschaft nicht voneinander zu trennen. Musik, Kunst und Wissenschaft sind für den Menschen die Schlüssel zu jeder Erkenntnis und zum Verständnis der Umwelt. Für mich jedoch ist die Musik von einer besonderen Bedeutung. Sie ist eine Sprache, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann.

Ich glaube, dass jeder Mensch mit einer einzigartigen Begabung geboren wird und würde sogar behaupten, dass jeder Mensch absolut genial ist. Es ist sehr wichtig, diese Genialität in sich finden zu können. Hierin sehe ich auch die Aufgabe der Lehrer: dem Menschen zu helfen, sich selbst und seine Fähigkeiten zu entdecken.

Wie schon Karl Marx in „Das Kapital“ schrieb: „Die Arbeitskraft ist die Fähigkeit zum Arbeiten, nicht schon die Arbeit selbst.“ Jeder Mensch wird als Genie geboren. Ich habe früh angefangen, an meinen Fähigkeiten zu arbeiten, um mein Potential bestmöglich auszuschöpfen.

Was ist Musik für Sie?

Wie ich bereits gesagt habe, ist Musik für mich eine Art Sprache, eine Möglichkeit, mich auszudrücken. Musik ist auch im Besitz eines sehr feinen Spürsinns, der die Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein auffängt. Musik und Gesellschaft sind untrennbar und entwickeln sich parallel.

Sie wurden mit im Alter von 16 Jahren als jüngstes Mitglied in den Internationalen Rat für traditionelle Musik (ICTM) gewählt. Das ist einzigartig in der Geschichte der Organisation. Wie kam es dazu, und was bedeutet es für Sie?

Im Juli 2015 hatte ich einen Vortrag zum Thema „Die Ethnie unter dem Gesichtswinkel der Gegenwart“ auf der 43. World Conference on Traditional Music in Astana gehalten. Dieser Vortrag war wohl ausschlaggebend für meine Ernennung zum Mitglied des Internationalen Rates für traditionelle Musik. Ebenso wurde ich als der jüngste Lektor des Rats anerkannt.

Auf welchen nationalen und internationalen Konzertfestivals sind Sie aufgetreten?

Alle zwei Jahre nehme ich am Kompositionswettbewerb „Impuls“ der Akademie für Komponisten und Interpreten in Graz teil. Hierbei handelt es sich um eine Veranstaltung für moderne Musik. Häufig habe ich auch weltweit Konzerte mit unserem eurasischen Orchester die „Kasachische Rhapsodie“ (für ein Piano und ein Symphonieorchester) zum Besten gegeben. Bei diesen Auftritten war ich Solist am Flügel. In Paris sind wir im großem Saal der UNESCO aufgetreten, in London in der „Royal Festival Hall“. Auch in Ankara, Seoul und Alicante hatten wir Konzerte. Zudem spielte ich letztes Jahr als Solist, als das Werk „Der Wille zum Leben“ in der großen Konzerthalle der „Berliner Philharmonie“ uraufgeführt wurde. Natürlich bin ich auch mit verschiedenen Orchestern in Kasachstan aufgetreten. So habe ich 2014 mein Werk „Forward into the Sunlight“ in Astana vorgetragen und dafür den Grand Prix des internationalen Jugendfestivals „Schabyt“ und den Hauptpreis „Pokal des Präsidenten“ in Astana erhalten.

Mit welcher Komposition wollen sie heute im Konzerthaus Berlin auftreten?

Heute präsentiere ich ein Werk mit modernem, akademischem Charakter, komponiert für ein großes Symphonieorchester. Es heißt „God‘s Dwelling“. Die Hauptidee des Werkes ist, dass die echte, wahrhafte Wohnung Gottes die Musik ist. Musik ist abstrakt und erhaben. Dieses Werk „God‘s Dwelling“ ist in sehr modernem Stil komponiert, ist schwer physisch, technisch, fast metallisch. Eine große Rolle spielen in dieser Komposition auch die Pausen – und Pausen werden als Leere interpretiert. Die Orchestrierung dieses Werkes kann man als Suche nach Ordnung im Chaos oder Suche nach der Vollkommenheit in der Mangelhaftigkeit ansehen. Im Allgemeinen kann der Mensch sich nur an das Gefühl oder an das Bewusstsein der Größe des Wesens Gottes annähern, wenn er in sich Harmonie findet. Der Mensch kommt Gott nur näher, wenn er versteht, dass er das Glück in sich selbst suchen muss und wenn er aufhört, Angst vor sich selbst zu haben. Anders gesagt, dieses Werk erzählt, dass die Harmonie im Innern jedes Menschen zu finden ist und dass die Spitze dieser Harmonie doch Chaos ist. Es geht darum, dass jeder Mensch in sich vollkommen ist. Er selbst ist Verkörperung des Ideals. Doch dieses Glück findet sich im Menschen nur dann, wenn er seine Fesseln abstreift. Erst wenn er keine Angst vor seinem eigenen Schatten hat, nähert er sich dem Bewusstsein der Größe und des Wesens Gottes.

Zurzeit sind sie auch auf dem „Festival Young Euro Classic“ hier in Berlin vertreten. Welche Eindrücke haben sie von der deutschen Hauptstadt? Sind Sie zum ersten Mal hier?

Ich bin schon zum zweiten Mal in Berlin. Ich hatte die Stadt bereits besucht, als hier in der Berliner Philharmonie die Weltpremiere meines Werks „Der Wille zum Leben“ stattfand. Für mich persönlich ist Berlin eine besondere Stadt. Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich sehr wohl in Berlin. Wenn ich hier bin, fühle ich Zufriedenheit, Seelenfrieden und eine große Ruhe. Insgesamt beeinflusst mich die Atmosphäre hier sehr positiv. Ich fühle mich voller Harmonie mit der Gesellschaft und dem Leben. Im Herzen Europas aufzutreten ist für mich natürlich eine große Ehre. Ein sehr schöner Zufall in diesem Jahr ist, dass der Tag der Weltpremiere meines neuen Werkes „God‘s Dwelling“ mit dem Geburtstag meiner Mutter zusammenfällt. Auch der deutschen Kultur fühle ich mich sehr verbunden. Für mich gibt es zwei große Komponisten, und beide sind Deutsche: Johann Sebastian Bach und Karl Heinz Stockhausen. Aber auch die deutsche Literatur ist für mich von großer Bedeutung. Hermann Hesse ist mein Lieblingsschriftsteller. Besonders „Das Glasperlenspiel“, „Narziß und Goldmund“ und „Der Steppenwolf“ – hatten großen Einfluss auf mich. Auch Stefan Zweig und Theodor Hoffmann schätze ich sehr. All diese Kunst und Kultur verbinde ich mit dieser Stadt. Es gibt eigentlich nur zwei Orte, wo ich mich wohl fühle: das sind Kokschetau in Kasachstan und Berlin.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sobir Pulatov

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