DAZ sprach mit der Leiterin der Sprachabteilung des Goethe-Instituts Almaty, Susanne Becker, über das Konzept „Deutsch als zweite Fremdsprache“, über die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für junge Menschen und die Entwicklung der Deutschlerner an den Bildungseinrichtungen in Kasachstan.

Welche Rolle nimmt Deutsch momentan im Fremdsprachenunterricht in Kasachstan ein?

Wir vom Goethe-Institut Almaty möchten das Konzept „Deutsch als zweite Fremdsprache“ weiter ausbauen, denn hier sehen wir ein Zukunftspotenzial. Das bedeutet, die Schüler lernen Deutsch neben einer ersten Fremdsprache. Die derzeitige Situation sieht so aus, das die meisten Kinder und Jugendlichen in Kasachstan neben der Muttersprache Russisch bzw. Kasachisch Englisch als erste Fremdsprache lernen. Hier setzt unser Konzept an: Neben dem Englischen sollte sich Deutsch noch stärker als zweite Fremdsprache etablieren. Dazu bieten wir bereits Seminare für Deutschlehrer an, um die Lernerfahrungen aus dem Englischunterricht positiv für den Deutschunterricht zu nutzen.

Unserer Meinung nach gibt es in Kasachstan ein sehr großes Potenzial, Deutsch als zweite Fremdsprache in den Bildungseinrichtungen auszubauen. Dank des starken Engagements der Deutschmittler in ganz Kasachstan ist Deutsch und Deutschland auch sehr präsent: die Deutschmittlerorganisationen, wie die Deutsch-Kasachische-Universität (DKU), die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), das Deutsche Generalkonsulat und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und natürlich das Goethe-Institut – präsentieren Interessierten eine Reihe von attraktiven Bildungsangeboten. Es gibt vielfältige Projekte, z.B. in der Berufsbildung oder Lektorstellen für deutsche Wissenschaftler, was insgesamt sehr positiv zu beurteilen ist.

Nicht zuletzt mit dem Deutschland-Jahr in Kasachstan 2010 ist deutlich geworden, dass in der Bevölkerung ein starkes Interesse für Deutsch vorhanden ist.

Deutschland ist in Kasachstan Sympathieträger; viele sind durch ein positives Deutschlandbild geprägt. Wenn wir uns die Wirtschaftbeziehungen zwischen Deutschland und Kasachstan anschauen, so wird deutlich, dass das nicht von ungefähr kommt: Momentan sind mehr als 250 deutsche Unternehmen auf dem kasachischen Markt präsent.

Die Präsenz deutscher Organisationen und deutscher Wirtschaftsvertreter in Kasachstan hat auch mit interkultureller Kommunikation zu tun. Die Leute erkennen, dass man mit guten Deutschkenntnissen einfach klare Vorteile auf dem kasachischen Arbeitsmarkt hat.

Die Gesamtzahl an Deutschlernenden ist zurückgegangen, bzw. stagniert. Woran kann das liegen? Welche Vorteile hat es für junge Deutschlerner heute, Deutsch zu lernen?

Hier muss man etwas differenzieren: Wenn man sich die Gesamtzahl der Deutschlerner im Verlaufe der letzten 20 Jahre anschaut, so ist die Anzahl an Deutschlernern in den Bildungseinrichtungen in Kasachstan definitiv gesunken. Das hängt aber auch mit der politisch vorgegebenen Maxime zu Sowjet-

zeiten zusammen, Deutsch zu lernen. Deutsch als Fremdsprache war politisch gewollt und wurde politisch durchgesetzt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es keinen zentral verordneten Deutschunterricht mehr: Nach zwei Jahrzehnten unabhängiges Kasachstan zeigen uns die derzeitigen Zahlen der Deutschlerner die Realität an. Englisch hat sich in unserer globalisierten Welt einfach weltweit als erste Fremdsprache durchgesetzt.

Interessant ist jedoch eine andere Entwicklung: trotz des Rückgangs der Deutschlerner an Schulen und Hochschulen in den letzten 10-20 Jahren steigen in den PASCH-Schulen (Initiative-Schulen: Partnerschulen der Zukunft) die Zahlen der Deutschlernenden kontinuierlich. Zu diesen Schulen gehören fünf Schulen in Kasachstan mit Deutsch als erster oder zweiter Fremdsprache, die vom Goethe-Institut, und sieben DSD-Schulen, die von der ZfA (Zentralstelle für Auslandsschulwesen) betreut werden.

Was genau machen PASCH-Schulen im Deutschunterricht anders?

„Schulen: Partner der Zukunft“ ist eine Initiative des Auswärtigen Amtes, die gemeinsam mit dem Goethe-Institut, der ZfA, dem DAAD und dem Pädagogischen Austauschdienst umgesetzt wird.

Die PASCH-Schulen, die vom Goethe-Institut betreut werden, haben vorwiegend ein mathematisch-naturwissenschaftliches Profil mit Deutsch als zweiter Fremdsprache. Es gibt eine Reihe von Maßnahmen speziell für diese Schulen, wie spezielle Fortbildungen, Schüler- und Lehrerwettbewerbe, Kulturangebote, Prüfungsvorbereitung und Jugendkursstipendien für Deutschland.

In den fünf Schulen in Kasachstan haben wir in den ersten drei Betreuungsjahren einen Zuwachs von 250 Deutschlernern, und die Nachfrage an Kursen wächst weiter.
Dabei erreichen die Schüler das A2/B1-Niveau nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen. Diese Deutschkenntnisse sind ein guter Anfang: Die Schüler haben die Möglichkeit, an bestimmten Stipendienprogrammen und Jugendkursen für Deutsch teilzunehmen.

Schüler der PASCH-Schulen gelten als zukünftige Elite und als Sympathieträger für Deutschland. Die rückläufigen Zahlen an Deutschlernern, wie auch an Germanisten, liegt meiner Meinung auch an der wirtschaftlichen Situation dieser Einkommensgruppe. Ein Germanistik-Studium ist nicht mehr attraktiv, weil Deutschlehrer und Dozenten an der Uni nicht zu den Top-Verdienern in der Gesellschaft gehören. Zudem hat ihr Berufsstand an Ansehen verloren. Auf der anderen Seite steigt die Nachfrage nach Studienplätzen in Deutschland. Laut einer Studie des „British Council“ (März 2011) ist Deutschland derzeit das attraktivste und begehrteste Studienland für Ausländer.

Heute nutzen Studenten und Bildungsinteressierte die Möglichkeit, durch Stipendien an Deutschkursen vor Ort und in Deutschland teilzunehmen. Sprache ist mittlerweile eine Schlüsselqualifikation für die weitere Karriere geworden: Unter den Deutschlernenden und Stipendiaten im Goethe-Institut und anderen Partnereinrichtungen ist gerade die Fluktuation in die Wirtschaft sehr groß. Wer dort einmal Fuß gefasst hat und sich mit seinen Sprachkenntnissen behaupten kann, bleibt in dieser Branche.

Neben Drei- und Mehrsprachigkeit: Wo kann sich Deutsch behaupten, wo müssen Deutschmittler noch aktiver werden?

Die Deutschmittler sind bereits sehr engagiert und bieten eine Menge Programme an. Aber in Kasachstan gibt es andere Voraussetzungen als zum Beispiel in Russland. Zum Vergleich: In Russland lernen insgesamt 2,3 Millionen Menschen Deutsch. Damit gilt Russland weltweit als eine der stärksten Regionen der Deutschlerner. Mit seiner sehr populären Kampagne „Lern Deutsch!“ möchte das Goethe-Institut in Russland insbesondere darüber informieren, wie attraktiv Deutsch für Deutschlerner ist – und hat damit großen Erfolg.

Deutsch ist nicht nur Literatursprache, sondern hat sich inzwischen als Wirtschaftssprache, als Mediensprache und als Fachsprache in der Wissenschaft etabliert. Für Kasachstan könnte diese Kampagne auch interessant sein. In Kasachstan verändert sich momentan das Profil der Deutschlerner am Goethe-Institut: Höhere Deutschkurse am Goethe-Institut und an den Sprachlernzentren (SLZ) werden stärker nachgefragt. Das ist alles in allem eine sehr positive Entwicklung. Deutsch ist als Fachsprache sehr attraktiv und kann sich auf diesem Gebiet auch behaupten: In der Zentralasiatischen Medienwerkstatt (ZAM) haben wir gemeinsam mit den DAZ-Redakteuren, dem Institut für Auslandsbeziehungen, der Friedrich-Ebert-Stiftung und To4ka-Treff Deutsch als „Hilfsmittel“ genutzt, um jungen Journalisten die Sprache und das redaktionelle Arbeiten näherzubringen.

Unser Hauptziel ist dabei immer, ein modernes Deutschlandbild zu vermitteln. Deutschland ist mittlerweile eine globalisierte Kultur mit internationalen Einflüssen.

Mehrsprachigkeit ist eine Zukunftsressource. Meinen Sie, dass in den nächsten Jahren verstärkt auf Fremdsprachenkenntnisse Wert gelegt wird, als dies bisher schon der Fall war?

Mehrsprachigkeit ist ein sehr komplexes und vielseitiges Thema, das schon im Deutschland-Jahr in Kasachstan 2010 präsent war. Die diesjährige Deutschlehrertagung im November wird das Motto „Mehrsprachigkeit“ haben, welches schon letztes Jahr gewählt wurde. Ein zweites Motto wird „Motivation“ sein.

Mit dem Thema Mehrsprachigkeit wollen wir vermitteln, dass es nicht nur um eine Fremdsprache oder nur um Deutsch geht. Es ist generell wichtig, überhaupt Fremdsprachen zu beherrschen, vor allem europäische Fremdsprachen. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Fremdsprachen nicht alle durchgängig auf einem hohen Level gesprochen werden müssen. Das ist nicht das Ziel. Sondern es ist viel sinnvoller, Fremdsprachen auf verschiedenen Niveaus zu beherrschen. Jeder sollte sich einer ersten und zweiten Fremdsprache in verschiedenen Situationen bedienen können. So reicht zum Beispiel das Englische als einzige Fremdsprache in Kasachstan meines Erachtens nicht aus. Denn Russisch und Kasachisch sind für die Bürger hier erste und zweite Muttersprache, keine Fremdsprachen. Die Motivation zum Deutschlernen muss sein: Deutsch ist neben dem Englischen eine attraktive europäische Fremdsprache und sollte daher als zweite Fremdsprache etabliert werden. Deutschland ist ein wichtiges Land in Europa, einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Kasachstans. Sowohl die Politik als auch jeder einzelne trägt Verantwortung in der Entscheidung, welche Fremdsprache er lernt. Von politischer Seite kann vom Bildungsministerium festgelegt werden, dass eine bestimmte Sprache in der Schule Standardfremdsprache ist. Jeder für sich kann aber auch festlegen, wie er die Weichen seiner Zukunft stellt.

Mit Mehrsprachigkeit und Motivation wollen wir also Aufmerksamkeit wecken; wir wollen zeigen, welche Möglichkeiten Sprachen für junge Leute in der globalisierten Welt bieten. Fremdsprachenlernen erhöht die Chancen der jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt, sie sind viel mobiler in der Wahl ihrer Tätigkeit, ihres Arbeitsplatzes, sie können weltweit leben und arbeiten. In der Wissenschaft und in der Wirtschaft sind Fremdsprachen unabdingbar.

Welchen Stellenwert hat die Sprachvermittlung an Kinder und Jugendliche?

Das Goethe-Institut Almaty hat ein neues Projekt begonnen: „Deutsch im Kindergarten“. Studenten mit Deutschkenntnissen werden fortgebildet, um dann Kindern in den Kindergärten spielend Deutsch beizubringen. Unser Ziel ist, Empathie für die deutsche Sprache in den Kindergarten zu transportieren. Denn bereits im Kindergarten beginnt die Entwicklung der Fremdsprache und die Ausdifferenzierung zur Muttersprache. Deshalb messen wir diesem Projekt eine große Bedeutung bei.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Malina Weindl.

Weitere Informationen: www.goethe.de, www.einstieg.com/britishcouncil, Studie mit Stand vom 17.März 2011

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