Eine fundierte soziologische Studie eröffnet einen Einblick in die Welt der Jugend in Kasachstan und lässt gesellschaftliche Wertkonstellationen und Zukunftsperspektiven erahnen.

Vergangene Woche stellte die Friedrich Ebert Stiftung und das „Institut für Öffentliche Meinung“ die Publikation „Jugend Zentralasiens. Kasachstan“ vor.

„Wir wollten zunächst verstehen, wie die Jugend ist – eine Art Bestandsaufnahme der tatsächlichen Realität dieser Altersschicht. Des Weiteren wird immer gesagt: Jugend sei die Zukunft. So wollten wir in die Zukunft blicken und Wünsche, Werte und Erwartungen dieser Zielgruppe verstehen“, begrüßte Peer Teschendorf (Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kasachstan und Usbekistan) das Publikum im überfüllten Veranstaltungsort SIGS Space.
Kasachstan ist tatsächlich sehr jung, und zwar nicht nur als Republik, sondern auch auf demographischer Ebene. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung ist zwischen 14 und 29 Jahren alt und das Durchschnittsalter liegt bei 29,34 Jahren (World Population Prospects: The 2015 Revision)

Die empirische Untersuchung erfolgte nach dem Modell des seit 1953 etablierten deutschen Pendants Shell-Jugendstudie. Wobei die Methodologie an die Besonderheiten und Bedingungen des Landes angepasst wurde. Dabei standen vor allem Interessen, Träume, Pläne, Werte, Ansichten und Erwartungen, aber auch Fragestellungen und Probleme der Jugend im Sozialisierungsprozess, im Blick der Forschenden.

Es ist die erste empirische Untersuchung aus einer Serie zur jungen Generation in Zentralasien. Die Ergebnisse zu Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan sollen in näherer Zukunft folgen.

Die soziologischen Untersuchungen, die der Publikation zugrunde liegen, wurden 2014 in Form einer quantitativen und qualitativen Umfrage durchgeführt. Stichprobenartig wurden 1000 Personen im Alter von 14 bis 29 landesweit befragt. Die Präsentation der Ergebnisse erfolgte sowohl auf einem Jugendkongress, als auch auf einer öffentlichen Veranstaltung am Folgetag.

Realitätsabbild der künftigen Entscheider

Infografik aus der Publikation: Ganz oben auf der Liste der Lebensziele der Jugend steht Treue (87 Prozent), gefolgt von gesundem Essen (79 Prozent), Unabhängigkeit (76,5 Prozent), gutem Aussehen (76,1 Prozent), Ehe (75,9 Prozent), guter Ausbildung (72,9 Prozent), Verantwortung (72 Prozent) und Karriere (67,2 Prozent). Markenkleidung ist lediglich für gut 30 Prozent der Befragten wichtig. Freiwilliges soziales Engagement (47,1 Prozent) ist hingegen für fast die Hälfte aller befragten Jugendlichen nicht so wichtig. Weniger Interesse zeigen die jungen Leute ebenso an politischer Beteiligung: 34,6 Prozent haben überhaupt kein Interesse. 17 Prozent ist dies allerdings sehr wichtig und 34,5 Prozent wollen sich künftig ein bisschen auf dem Feld der Politik engagieren.

Zusammenfassend formuliert die Studie folgende Charakteristiken der gegenwärtigen Jugend: „Optimismus, Streben nach einem hohen Einkommen, Widersprüche in den Ansichten, großes Vertrauen und Toleranz.“

Was diese Generation aber auch auszeichnet ist eine Trägheit in Sachen soziales und politisches Engagement und ein – trotz einiger neuer Tendenzen – sehr traditionell geprägtes Weltbild, was ihrer Meinung nach mit den Werten und Traditionen der Elterngeneration zusammenfällt.

Familie und finanzieller Erfolg steht unangefochten vor Selbstverwirklichung oder Intellektualität. Widersprüchlichkeit und Diffusität herrschen bei Themen Religion und Sexualität. Religiöse Vorstellungen sind teils vermischt oder es fehlt tatsächliches Wissen bzw. religiöses Selbstverständnis. Das Thema Sexualität scheint ein sehr sensibles bis heiliges.
Einerseits ist ein Großteil bereits früh sexuell aktiv, andererseits herrscht bei einem großen Teil der Befragten eine Vorstellung von Jungfräulichkeit vor Eheschließung.

Es sei noch einmal erinnert, dass die Umfragen im Jahr 2014 vorgenommen wurden und sich die Situation des Landes seitdem erheblich verändert hat. Ob der Optimismus in Sachen Zukunft und Finanzen und das Vertrauen in die Regierung immer noch signifikant ausgeprägt wären, kann man nur raten.

Die in der Sowjetunion aufgewachsene Elterngeneration und die heutige Jugend trennen trotz ähnlicher Werte zum Teil Welten. Die ältere der untersuchten Zielgruppen ist selbst noch in der Sowjetunion aufgewachsen und unterlag einem vollkommen anderen Sozialisierungsprozess als ihre jüngeren Mitstreiter. Deshalb gibt es natürlich weit auseinanderliegende gesellschaftliche Vorstellungen und Lebenssituationen. Aber es soll um ein durchschnittliches Bild einer Generation gehen, die eben all diese Widersprüche in sich eint.

Und so hofft Peer Teschendorf „dass sich durch die Ergebnisse ein Dialog auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen ergibt. Das Wunschziel dieser Untersuchung ist, dass die Politik besser auf die Interessen der jungen Generation eingehen kann.“

Neben den quantitativen Zahlen und Ergebnissen der Untersuchung, wurde bei der Präsentation im SIGS Space auch ein Fokus auf den qualitativen Erfahrungshorizont gelegt. So konnte man etwa den Rapper Al Nasr (G.H.A.D.), die Kulturwissenschaftlerin Alexandra Zai und den Publizisten und Feministen Madi Mambetow bei ihren persönlichen Ausführungen zu einzelnen Themenbereichen oder einfach nur Lebenserfahrungen erleben.

Nicht zuletzt daran wurde auch der Bedeutungshorizont einer solch tiefgehenden Studie zum Sozialverhalten der wichtigsten Gesellschaftslicht ablesbar. Ein Blick in die Realität der Jugend lohnt sich nicht nur für Soziologen oder Politiker – jeder Mensch und vor allem die junge Generation selbst hat nun die Möglichkeit in ein Spiegelbild zu blicken und sich dazu zu positionieren.

Die Studie steht kostenlos zum Download bereit.

Bild: Infografik aus der Publikation: Ganz oben auf der Liste der Lebensziele der Jugend steht Treue (87 Prozent), gefolgt von gesundem Essen (79 Prozent), Unabhängigkeit (76,5 Prozent), gutem Aussehen (76,1 Prozent), Ehe (75,9 Prozent), guter Ausbildung (72,9 Prozent), Verantwortung (72 Prozent) und Karriere (67,2 Prozent). Markenkleidung ist lediglich für gut 30 Prozent der Befragten wichtig. Freiwilliges soziales Engagement (47,1 Prozent) ist hingegen für fast die Hälfte aller befragten Jugendlichen nicht so wichtig. Weniger Interesse zeigen die jungen Leute ebenso an politischer Beteiligung: 34,6 Prozent haben überhaupt kein Interesse. 17 Prozent ist dies allerdings sehr wichtig und 34,5 Prozent wollen sich künftig ein bisschen auf dem Feld der Politik engagieren.

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