Der Zweite Weltkrieg hat Millionen von Leben auf dem ganzen Erdball beeinflusst. Er war zweifellos das bewegendste Ereignis im vergangenen Jahrhundert. Aber hinter diesem Ereignis der Weltgeschichte stehen unzählige Schicksale von einzelnen Menschen. Ich habe das Schicksal einer wunderbaren Frau und ihrer Familie kennen lernen dürfen.

Ein Waldgebiet in Sibirien: ein abgemagertes, junges Mädchen ohne warme Kleidung kämpft dort hungrig und verwahrlost um das Überleben. Tag für Tag muss sie schwierige Arbeit verrichten, um wenigstens 600 Gramm Brot und eine wässrige Suppe zu bekommen. Wie ist es dazu gekommen? Das will uns Frau Nelly Melnikowa selber berichten. Sie setzt sich auf das Sofa, nimmt ein Deutschwörterbuch zur Hand und beginnt zu erzählen. Niemand würde heute erraten, dass Nelly einmal dieses abgezehrte Mädchen war.

Leben in Sibirien

Nellys Vorfahren waren Wolgadeutsche, die in Katharinenstadt an der Wolga, ab 1920 Marxstadt, jetzt Marx, lebten. Nach Ausbruch des Krieges wurde die ganze Familie nach Sibirien deportiert und Nellys Vater für die Trudarmee mobilisiert. Diese Arbeit war so unerträglich schwer, dass viele Menschen dort ihr Leben verloren. Die Lebensumstände waren so schwierig und unmenschlich, dass Tote einfach in einen Graben geworfen wurden. Man versuchte nur eines: überleben. Ohne Vater war die damals 18-jährige Nelly auf die Hilfe anderer angewiesen. So fand sie Arbeit bei einer Großfamilie, wo sie Kühe molk.

Einige Jahre später, nachdem der Vater zurückgekehrt war, zog Nellys Familie nach Tomsk. Ihr Vater war Musiker und fand dort Arbeit. Ihre Mutter unterrichtete russische Literatur. Von Schwierigkeiten war die Familie aber auch in der Nachkriegszeit betroffen, die für Deutsche in Russland eine Zeit großer Repressionen war. So waren Deutschen zum Beispiel Tätigkeiten, die mit Politik oder Gesellschaft zu tun hatten, verwehrt. „Nur putzen und scheuern war für mich möglich”, sagt Nelly. Nach der Schule wollte Nelly Literatur studieren, aber nach einem Jahr Universitätsstudium bekam sie die Note Zwei [in Russland bedeutet Fünf „sehr gut“ und Eins „mangelhaft“], obwohl sie durchweg hervorragende Leistungen gezeigt hatte. Wegen dieser Ungerechtigkeit ging sie mit ihrem Vater zum Rektor; der aber sagte, selber verzweifelt und bedrückt, dass man nichts dagegen machen könne. Man verstand alles ohne Erklärungen, denn das waren die Noten für Deutsche. Nach diesem Ereignis wollte Nelly nicht mehr weiter studieren. Zwei Jahre arbeitete sie in einem Betrieb als Schleiferin. Auch wenn sie eine gute Schleiferin war, verstand sie, dass diese Arbeit nicht ihrem Niveau entsprach und wechselte an ein Musik-Gymnasium.

Sie absolvierte dieses Gymnsasium mit „ausgezeichnet“, aber die Kommission gab ihr nur die Note „gut“. Nelly war verstimmt. Jeder aus der Kommission sagte aber: „Es muss so sein“. Danach arbeitete sie an der Musikschule in Perm. Einige Jahre später absolvierte sie eine weitere musikalische Ausbildung in Almaty. Sie war sehr begabt und fleißig. „Ich wurde damals nach Moskau eingeladen, um weiter zu studieren, aber ich war damals schon 30“, sagt sie. Doch auch in Almaty blieb sie nicht, sondern zog um nach Ust-Kamenogorsk, wo sie noch heute lebt.

Freude an der Arbeit

Heute, als Rentnerin, trägt Nelly den Titel „Lehrerin der höchsten Kategorie“. Seit 44 Jahren betreibt sie ihre eigene Spalte in der Zeitung „Rudny Altay“, in der sie Konzertrezensionen veröffentlicht. Hier, in Ust-Kamenogorsk, hat sie auch einen Kinderchor ins Leben gerufen. Außerdem schreibt sie Bücher und hat ihre eigene Internet-Seite. Sie ist jetzt 85, aber sie sieht immer noch sehr jung und munter aus. Ich als junge Studentin glaube, dass trotz eines so schweren Schicksals nur die Freude am Leben und an der Arbeit solch einen erstaunlichen Menschen hervorbringen kann.

Wenn Nelly Melnikowa auch leider keine Kinder bekam, so hat sie doch einen wunderbaren Ehemann, der immer hilfsbereit und pflichtbewusst ist. Frau Nelly hat für ihre Arbeiten viele Preise gewonnen und wird oft nach ihrer Meinung gefragt, was zeigt, wie geachtet sie in Ust-Kamenogorsk ist. Immer noch komponiert sie Musikstücke, die dann auf der Bühne aufgeführt werden. „Vielleicht ist das die Belohnung für alle Leiden, die ich durchlebt habe“ sagt Frau Nelly und lädt mich zum Tee ein.

Auf diese Weise habe ich die Lebensgeschichte dieser herzlichen Frau kennenlernen dürfen. Ich verabschiedete mich mit einem Gefühl des Respekts vor ihr und mit Freude darüber, dass ich sie kennenlernen durfte.

Magarita Kulisch (20) studiert in Ust-Kamenogorsk Fremdsprachen und lernt am Sprachlernzentrum Deutsch

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Projektbeschreibung

Wie verlief eine Kindheit in Zeiten des leidvollen Zweiten Weltkrieges in Russland? Wie verbrachte man dort die Jugend in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit? Wie entwickelte sich dann das Leben im aufblühenden großen Reich der Sowjetunion weiter? Und was für Erkenntnisse und Weisheiten hat ein alter Mensch erlangt, der auf sein Leben zurückblickt?
Solche und ähnliche Fragen stellten junge Kursteilnehmerinnen des Sprachlernzentrums in ihrer Stadt Öskemen (russisch: Ust-Kamenogorsk; Provinzhauptstadt der Region Ostkasachstan) und Umgebung alten deutschstämmigen Menschen. Sie trafen sich mit diesen Leuten bei einer Tasse Tee und sprachen über deren Leben. Schließlich hielten sie ihre Eindrücke in Aufsätzen fest. Diese Aufsätze sollen nun mit den DAZ-Lesern in einer Serie geteilt werden.

Es fiel auf, dass die befragten Menschen in den ohnehin schwierigen Zeiten des Weltkrieges und der Nachkriegszeit aufgrund ihrer deutschen Herkunft zusätzliche Schwierigkeiten erleiden mussten. Da ist zum Beispiel die heute 85-jährige Nelly Melnikowa. Sie wollte ihre große Leidenschaft Literatur studieren. Da aber Deutschen ein Studium im Bereich der Politik und Gesellschaftswissenschaft zunächst verwehrt war, musste sie von diesem Traum Abstand nehmen. Oder da ist Emma Fjodorowna, die als neunjähriges Mädchen ihre Eltern zeitweise verlor, weil diese in die Trudarmee eingezogen wurden. Ein ganz anderer Gesprächspartner ist Anatoli. Dieser ist zwar Russe, aber dennoch hat er einen ganz besonderen und interessanten Bezug zur deutschen Kultur: als 72-jähriger Rentner lernt er noch immer aktiv Deutsch und teilte mit uns auch seine Ansichten über Deutschland und das Lernen im Alter.

Daniel Gallmann (35) ist Sprachassistent des Goethe-Instituts am Sprachlernzentrum Öskemen

Von Margarita Kulisch

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