Am 1. März wird in Kasachstan der „Tag der Dankbarkeit“ begangen. Anlass für die Minderheiten sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn aus einem Tag eine Stunde wird.  

„Wir sind deine Kinder Kasachstan!“ steht in Schwabacher Schrift auf einem Banner, das den Stand der Stiftung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ ziert. Auf einer Pinnwand werden kulturelle Aspekte deutschen Lebens beleuchtet: Auszüge aus der Geschichte und den Tätigkeiten des Deutschen Theaters in Kasachstan, die Volkstracht Dirndl und  dessen Geschichte sowie der traditionelle Gebrauch eines Diadems aus Blüten bei Hochzeiten. Es liegt eine wild zusammengewürfelte Auswahl an Büchern aus. Neben Aschenputtel und Rilke finden sich die Bibel und das Neue Testament. Zwei mannshohen Schaufensterpuppen hat man eine „bayrische Tracht“ angezogen und hellblonde Perücken aufgesetzt.

Es ist der 1. März, in Kasachstan seit 2016 offiziell der „Tag der Dankbarkeit“. Dankbarkeit wofür? Dafür, dass so viele Minderheiten auf kasachischem Boden Platz finden durften und dürfen, dafür dass sie alle in friedlicher Harmonie koexistieren. So zumindest die Idee. Nicht umsonst wurde Kasachstan in der Sowjetunion „Laboratorium der Völkerfreundschaft“ genannt. Die historische Realität sah jedoch oft eher nach einem reinen Nebeneinander aus statt nach einem Miteinander.

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Die Folgen des Stalinismus sind weithin bekannt, doch erst im Zuge der Perestroika konnte mit der Aufarbeitung des Themas „Deportation“ begonnen werden. Die eigentliche Auseinandersetzung mit den Ethnien und deren Eingliederung geschah jedoch erst nach 1991, als diese zum ersten Mal richtig anerkannt wurden. Auf den Gründungstag der „Versammlung des Volkes Kasachstans“ im Jahr 1995 geht der der „Tag der Dankbarkeit“ zurück.

Tag der Dankbarkeit
Stand der deutschen Minderheit im Palast der Schüler.

Die Vielzahl von ethnischen Vereinigungen besonders in der ehemaligen Hauptstadt Almaty zeugt von einer gewissen Rehabilitation der Minderheiten, die von der Regierung als Grund zur Dankbarkeit angesehen wird. Doch die Frage über die Frage nach dem Woher und die Auseinandersetzung mit den Deportationen und dem Unrecht, das den verschiedenen Völkern widerfahren ist, wird aber nach wie vor geschwiegen – im Schulunterricht wie in Debatten, obgleich die Informationen zu jenen Themen öffentlich zugänglich sind.

Die Feierlichkeiten anlässlich dieses Datums finden in diesem Jahr im „Palast der Schüler“ statt. Von den Vertretern des Jugendclubs der deutschen Minderheit sprechen die wenigsten Deutsch. Zwei Mädchen ziehen sich zügig um, schmeißen sich in einen Trachtenaufzug und repräsentieren fortan „die Deutschen“. Nebenan stehen jeweils noch ein Stand der türkischen Minderheit sowie der turkmenischen. Ihre Ausstattung ist dem des deutschen Standes ganz ähnlich: einige Bücher, viele Gewänder und sonstige Textilien. Bei den Türken steht außerdem eine Pyramide aus Fladenbroten.

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Die Gäste werden eingelassen und erwarten als geschlossene Formation die Ansprache des kleinen, mageren Herrn im Frack, den man wenige Minuten zuvor noch dabei beobachten konnte, wie er sich nervös die richtigen Worte zurechtgelegt hat. Schließlich wird die Veranstaltung eröffnet, überwiegend auf Kasachisch. Danach verteilen sich die Gäste im Raum und für ungefähr zwanzig Minuten sind die Mitarbeiter der Auslegetische einigermaßen beschäftigt. Ein staatlicher Fernsehsender filmt das Geschehen und die Reporterin stellt den Anwesenden ein paar Fragen.

Blättert man durch staatlich finanzierte Bildbände, die die verschiedenen Gruppierungen und ihre Organisationen in Wort und Bild darstellen, erfährt man: Die Finnen tragen Weihnachtsmannkostüme und fahren auf von Rentieren gezogenen Schlitten, Russen tanzen Kasatschok mit sibirischen Bären und Deutsche laufen, gebackene Kartoffeln verteilend, in Trachten durch Zugabteile. Für die eigentlichen Kulturen und Geschichten, die hinter diesen Ethnien stehen, interessiert sich abseits der dargestellten Stereotype kaum jemand.

Auf der Bühne versucht ein kasachisches Showmasterteam, fast plärrend und von viel zu lauten Fetzen elektronisch stampfender Musik unterbrochen, „Persönlichkeiten“ aus dem Publikum vorzustellen. Nach einer guten Stunde entledigen sich die beiden Mädchen ihrer deutschen Trachten. Die übriggebliebenen Konfektbrocken werden aufgeteilt und damit ist die Arbeit getan – es ist gerade einmal 11 Uhr vormittags, doch die Gäste sind verschwunden

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