Maria Schumanns einzigartige Eiersammlung entführt in die Welt der Ostereier, die abgesehen von ihrem Traditions– und Dekorationszweck, noch kulturhistorischen Dialog fördern können.

„Ich habe es für meinen Vater getan. Mit der Ausstellung wollte ich ihm beweisen, dass wir hier eine Zukunft haben, dass wir hier angenommen und akzeptiert werden“, sagt Maria Schumann, die seit 16 Jahren in Hannover beheimatet ist. Die Wochen vor Ostern sind für sie der Höhepunkt des Jahres: Ihre einzigartige Sammlung „Bunte Ostereier aus aller Welt“ hat die engagierte Deutschlehrerin aus dem sibirischen Krasnojarsk bereits mehrfach bundesweit und sogar im Ausland ausgestellt. Im ersten Augenblick sind die Besucher meist überrascht und erstaunt, dann fasziniert und begeistert, wenn sie auf 200 m² Ausstellungsfläche auf eine kleine Weltreise durch die Ostertraditionen verschiedener Kulturen gehen. Weit mehr als 1000 Schmuck– und Ostereier in unterschiedlichsten Verzierungstechniken, Farben, Mustern und Größen aus über 30 Ländern hat Maria Schumann in ihrer Sammlung. „Wenn man den Raum betritt, hat man das Gefühl, das Leben gehe von vorne an. Es ist ein Aufschwung in der Luft“, ließ sich Maria schon mehrmals von den Besuchern erzählen. Wenn die Augen strahlen, dann seien auch die Worte überflüssig, meint sie. Es entstehe ein Aha-Erlebnis, als ob man einer plötzlichen Erkenntnis auf der Spur wäre.

Ihre Sammlung ist nicht einfach eine Vielzahl von Ostereiern, sondern wird durch zahlreiche Exponate zum Thema ergänzt – etwa Trachtenpuppen und Volkskunstgegenstände, die den Osterbrauch begleiten. Und da Maria auch noch ein besonderes Händchen für die Gestaltung hat, schafft sie es immer wieder, in jedem Raum thematisch, farblich und inhaltlich ein elegantes und anspruchsvolles Ambiente zu schaffen. „Interessant ist die kulturelle Vielfalt, die präsentiert wird“, sagt sie und spricht auch den Besuchern aus der Seele. Deutschland und Russland, Japan und China, Amerika und Portugal, Israel und Ukraine, England und Bulgarien sowie viele andere Länder sind mit einem Stück Ostertradition vertreten. Die meisten in ihrer Sammlung sind echte ausgepustete und verzierte Natureier. Doch die Ausstellung zeigt, dass die Kreativität des Menschen keine Grenzen kennt. Und so sind hier kunstvoll verzierte, handbemalte oder bunt bedruckte Schmuckeier aus Natur– und Edelstein, Holz und Porzellan, Glas, Papier oder Keramik als Sinnbilder des Lebens zu bestaunen.

Jedes Ei hat seine Geschichte. Oft fragen die Besucher danach. Maria Schumann kann stundenlang Geschichten rund um ihre Ostereier erzählen. Jede ist mit einem Menschen, mit Erinnerungen und Erlebnissen verbunden. Auch ihre eigene Lebensgeschichte in Deutschland hält sie in Ostereiern fest. Seit 1998 schenkt sich die passionierte Sammlerin zum Geburtstag, den sie kurz vor Ostern hat, ein exklusives Jahresei der Porzellanfabrik Hutschenreuther. Das ist ihre „Familiengeschichte in Ostereiern“ in Deutschland.

Die Faszination für prachtvoll gewandete Eier entdeckte Maria Schumann noch in der alten Heimat. In Krasnojarsk unterrichtete die Russlanddeutsche über 20 Jahre die deutsche Sprache. Ihr erstes Osterei schenkten der Lehrerin ihre Schüler – ein Holzei, verziert mit traditioneller Palechmalerei, mit einem Engel, der ein Kreuz hält. Danach schenkte sie sich selbst bei jeder besten Gelegenheit kunstvoll bemalte Eier. Die 30 schönsten Exemplare brachte Maria 1998 nach Deutschland. In Deutschland war sie von Anfang an von dem lebendigen Osterbrauchtum fasziniert. Von da an sammelte sie Ostereier und das Wissen um die in vielen Kulturen mit Kult und Kunst geschmückten Lebenssymbole. Inzwischen gehört Maria zu einem Kreis der Ostereiersammler und wird zur Osterzeit gern eingeladen. Die Ausstellung wird meist von einheimischen Besuchern aller Altersgruppen bestaunt, die eigenen Landsleute sind seltene Gäste, bedauert Maria. Zum Abschied tragen sich viele Besucher in das Gästebuch ein. Es dokumentiert, was sie fühlen, was sie gelernt haben und was sie mitnehmen: „Wir danken für die Hoffnung, dass die Menschen irgendwann einander besser verstehen können!“.

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift „Volk auf dem Weg“ erschienen. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Das Osterbrauchtum im Schwarzmeergebiet 

Viktor Schirmunski in „Die deutschen Kolonien in der Ukraine“ (eine Beschreibung des Eierlesens auf der Krim): Am zweiten Osterfeiertage wird in vielen Dörfern ein Jugendspiel aufgeführt – das Eierlesen. Ein Korb wird mit Bändern geziert, dann wandern die Jünglinge von Haus zu Haus und sammeln Ostereier ein. Auf der Straße wird nun auf Pfosten eine Tafel angebracht, die mit Grün und Bändern geziert wird. Auf der Tafel werden die Namen des Lesers und Springers angeschrieben. Nun werden etwa 40 Eier in eine Reihe gelegt, in einem Abstand von ein Arschin Ei von Ei. Die ersten zehn Eier von der Tafel aus werden durch einen Pfahl von den anderen abgeteilt. Sie brauchen nicht gelesen zu werden, sondern werden einfach zertreten, wenn nach dem Auflesen der übrigen 30 Eier noch Zeit bleibt. Diese 30 Eier müssen einzeln aufgelesen werden. Den Eiern entsprechend wird die Strecke für den Springer bestimmt. Er muss ebenso viel durchlaufen wie der Leser; außerdem werden ihm noch für das jedesmalige Bücken nach einem Ei drei Faden zugegeben. Die Berechnung gestaltet sich also folgendermaßen: Nach dem ersten Ei hat der Leser zu laufen 30 Arschin hin und zurück, nach dem zweiten 29 Arschin hin und zurück, nach dem dritten 28 Arschin hin und zurück usw. Das ergibt für alle Eier 310 Faden; dazu kommen für den Springer noch 120 Faden auf das Bücken nach den Eiern. Er muss also 430 Faden durchlaufen, d. h. 215 Faden vom Ziele ab und wieder zurück. Das Ziel des Läufers wird mit einer kleinen roten Fahne bezeichnet. Das Eierlesen geht nun folgendermaßen vor sich: Von zwei Jünglingen übernimmt der eine die Rolle des Lesers, der andere – des Läufers.

Sie werden besonders angekleidet: schwarze Beinkleider, weiße Hemde, weiße Damenstrümpfe, die über die Beinkleider gehn und durch rote Bänder befestigt werden, rote und blaue Bänder kreuzweise über die Brust, ein grünes Band um den bloßen Kopf. So erscheinen sie mit Musik und begleitet von allen Jungfrauen und Jünglingen des Dorfes. Sie fassen sich an den Händen und gehen dreimal an der Reihe der Eier auf und ab, während die Musik spielt. Zum dritten Male am Ende angekommen, küssen sie sich dreimal. Ein Schuss fällt, und der Läufer eilt in Begleitung eines Reiters, dessen Pferd auch reich mit Bändern geziert ist, davon, seinem Ziel zu.

Der Leser wirft ihm noch ein Ei nach und beginnt nun die Eier aufzulesen. Er nimmt ein Ei und eilt bis an den Pfahl, der die ersten zehn Eier abteilt. An der Tafel am Ende der Reihe steht ein Jüngling mit einem mit Band verzierten Korbe und fängt das zugeworfene Ei auf. Der Leser eilt nun zurück und holt das zweite Ei und wirft es wieder dem Korbe zu usw. Sobald der Läufer draußen am Ziele die Fahne nimmt, fällt der zweite Schuss und mahnt den Leser zur Eile.

Wird der Leser zuerst fertig mit den Eiern, so erfasst er eine auf dem Pfahle stehende rote Fahne und eilt dem Läufer entgegen. Gewonnen hat er aber nur dann, wenn nicht mehr als zehn Eier am Korbe vorbeiflogen. Wird er mit dem Auflesen nicht fertig, so lässt er beim Herannahen des Läufers die Eier liegen und eilt ihm mit der Fahne bis zu dem Punkte entgegen, wo sie sich verabschiedet haben.

Dort reichen sie sich die Hände und küssen sich. In diesem Augenblick fällt der dritte Schuss. Während der ganzen Zeit spielt Musik. Nun geht die Jugend unter Musikbegleitung zum Tanze. Prof. Viktor Schirmunski, „Die deutschen Kolonien in der Ukraine. Geschichte, Mundarten, Volkslied, Volkskunde“, Zentral-Völker-Verlag, Charkow, 1928.

Eduard Mack in „Erinnerungen an die deutschen Kolonien des Großliebentaler Rayons bei Odessa“: Zu Ostern wurden Eier gefärbt, Osterplätzchen und Kuchen gebacken. 14 Tage vor Ostern säten die Mütter in großen Tellern Gerste, um am Feiertag für die Kinder das „grüne Nestchen“ mit Eiern, Gebäck und Süßigkeiten zu füllen. Die Osternestchen wurden in verschiedenen Stellen des Hauses versteckt, damit die Kinder am Sonntagmorgen mehr Freude am Suchen hatten. Der Sonntag begann mit einem feierlichen Gottesdienst. In der Kirche sang wieder der Kirchenchor und frühmorgens spielte das Blasorchester vom Glockenturm der Kirche die schönen Osterlieder, was sich herrlich und herzerfreuend anhörte. Es war im ganzen Dorf zu hören. Eduard Mack, „Erinnerungen an die deutschen Kolonien des Großliebentaler Rayons bei Odessa“, Ravensburg 2007

… im Wolgagebiet 

Reinhold Keil in HB 1990/1991: Hier ertönte am Ostermorgen bei Sonnenaufgang gewöhnlich der Choral „Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland, ist mein Leben“. Alle Dorfbewohner versammelten sich bei der Kirche und gingen von dort auf den Friedhof hinaus, der gewöhnlich außerhalb des Dorfes lag. Dort wurden Auferstehungslieder gesungen. Manchmal wurde auch eine dem Tage entsprechende Rede gehalten. Jeder begab sich an die Gräber seiner Lieben, sprach hier ein Gebet und ging dann nach Hause, um sich zum Gottesdienst in der Kirche vorzubereiten. Am Nachmittag fand vielfach ein Gottesdienst auf dem Friedhof statt.

Vor allem für die Jüngsten war Ostern ein beliebtes Fest. Am Vortag wurden die Nester für den „Osterhas“ gebastelt. Und am nächsten Morgen rannte jedes nach seinem Nest, das voller bunter Ostereier war, die viel besser schmeckten als sonst die Eier. Am ersten Ostertag wurde den ganzen Tag mit den Eiern gespielt, „geschubbelt“, „angeklopft“. Wessen Ei ganz blieb, hatte gewonnen, und der Sieger bekam vom „Gegner“ ein Ei; es bildeten sich Kreise von bis zu zehn Teilnehmern, von denen jeder ein Ei in den „Kranz“ legte. Es wurde gelost, wer mit dem Spiel begann. Dieser warf eine Münze und hatte gewonnen, wenn der „Adler“ oben war. Wenn die Ziffer oben war, hatte er verloren und musste ein Ei in den Kranz legen. Dann war der nächste an der Reihe und durfte so lange die Münze werfen, bis die Ziffer nach oben lag. Wenn der Kranz leer war, legte wieder jeder ein Ei hinein. Das Spiel ging weiter, bis keine Kinder mehr da waren, die spielen wollten.

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