In Sachen Flora und Fauna war ich bislang nur oberflächliche Zuhörerin und Betrachterin, bin mit meinem Bier und Buch in der Hand durch anderer Leute Gärten gelustwandelt, habe das Grün in seiner Gesamtheit genossen, die Einzelheiten der Pflanzenwelt jedoch links liegen gelassen auf dem Weg hin zur Bank unter dem schattenspendenden Apfelbaum. Der Garten als Hintergrund und Kulisse für andere Tätigkeiten, aber nicht als Tätigkeit selbst. Das ändert sich nun.


Mein Vermieter unterstellt mir zu Recht, dass ich keinen grünen Daumen habe und auch die zähesten Pflanzen kleinkriege. Er gibt mir aber noch mal eine Chance und hat mir ein paar Pflanzen in den Hof gesetzt. Hübsch schauts aus. Aber Hübschfinden reicht nicht. Unter strenger Aufsicht wurde mir das Gießen antrainiert. Klappt inzwischen ganz gut. Ich weiß, dass andere Menschen mehr mit ihren Pflanzen tun, als sie nur ab und an zu gießen, z.B. beschneiden, düngen, vor Tierbefall retten, sie streicheln, mit ihnen sprechen und so was.
Aber eines nach dem anderen. Ich bin ja noch im Kindergarten, die Baumschule kommt später. Meine Stippvisiten in die Nachbarsgärten zeigen mir schon mal, was einen in der Hochschule der Gartenkunst erwartet, wo meine Nachbarn gekonnt mit Fachvokabular, diversen Pflanzarten und Gartengeräten jonglieren, dass mir jedes Mal ganz schwindelig wird. Wahnsinn! Bislang stand ich immer nur staunend mit meinem Bier in der Hand dabei, bemühe mich aber nun, mir durch aufmerksameres Zuhören und Betrachten die einen oder anderen Kenntnisse anzueignen.

Dass Zugucken und Selbermachen zwei grundverschiedene Dinge sind und wie wenig ich begriffen habe, bekam ich deutlich zu spüren, als meine Vermieter in Urlaub fuhren. Ich riss die Urlaubsvertretung für die Pflege des Tomatenbeetes an mich, denn die armen Tomaten konnte man doch nicht einfach vertrocknen lassen. Sagte ich leichthin. Doch um es meinen Nachbarn nachzutun, hatte ich nicht genau genug aufgepasst und meine Hofkindergartengießerfahrung half mir bei den Tomaten nix.

So durchforstete ich meinen Hinterkopf nach Hinweisen zur Gartenkunde. Den Großteil meines Wissens habe ich aus Goethes „Wahlverwandtschaften“. Allein, beim zweiten Durchgang durch das Buch fand ich nur zwei Seiten zur Landschaftsgestaltung, ansonsten nichts als Verführungen und Verwicklungen. Was mich nicht nur an meiner Gartenkunde zweifeln lässt, sondern auch an meinem Erinnerungsvermögen, dachte ich doch, das Buch handele fast ausschließlich von der Landschaftsgestaltung mit ein bissl Verwicklung hier oder dort zwischendurch. Und dass in den hübschen Gärten mehr gestorben als gegärtnert wird, hatte ich auch vollkommen verdrängt.

Da stand ich Tor so klug als wie zuvor im hohen Wuchs, in der linken Hand die Bierflasche für mich, in der rechten die Gießkanne für die Tomaten und mit nichts weiter als der Erkenntnis, dass die Gartenkunde ein weites Feld ist. Da mir Goethe nicht weiterhelfen konnte, fragte ich meine nette und schlaue Nachbarin. Uli, welches Wasser nehme ich denn? Uli, wie viel Wasser kriegen die? Uli, wo genau gieße ich das Wasser hin – einfach über die ganze Pflanze schütten oder nur an die Stelle, wo sie aus der Erde herauskommt? Uli, gieße ich mehrmals oder nur ein Mal am Tag? Uli, gieße ich morgens, mittags oder abends; wenn es hell oder dunkel ist? Uli, wenn es ein bisschen regnet, gieße ich dann trotzdem?

Als wir das mit dem Gießen geklärt hatten, kam Lektion 2: die Pflanzen stabilisieren, damit der Sturm sie nicht niederknüppelt. Die Pflanzen um die Stangen drumherumwickeln oder mit einem Bindfaden anbinden. Um Ulis Engelsgeduld nicht überzustrapazieren, verkniff ich mir weitere Fragen: Wie dick muss die Kordel sein? Wie eng muss ich die Pflanzen an die Stange binden? Wie engmaschig muss ich die Kordeldinger setzen? usw. Näherte ich mich anfangs nur zaghaft und schüchtern meinem Pflegebeet und schlich ich nur auf Zehenspitzen durch die Pflanzreihen, um die Tomaten nicht zu stören, stapfte ich nach ein paar Tagen strammen geschäftigen Schrittes auf das Beet zu, prüfte schon von Ferne mit Kennerblick den Tatbestand und wandelte zielsicher zwischen den Pflanzen auf und ab.

Ich hatte die Sache im Griff, die Tomaten wuchsen heran, jetzt konnte nichts mehr passieren. Die Tomatenflüsterin! Aber ach, die Lebensschule und so auch die Gartenschule drängt einem ständig neue Herausforderungen auf. Freute ich mich gerade, dass der Regen einsetzte, warnte mich Uli vor der Braunfäule, die fast zwangsläufig aufkommt, wenn es zu stark regnet. Oh nein! Und vor lauter Tomaten, die ich ja eigentlich und ausdrücklich nicht gießen sollte, um mich zu schonen, hatte ich die Zucchini vollkommen vergessen, die ich ausdrücklich ernten sollte. Da strahlten mir vier große Dinger entgegen, darunter ein Riesenknüppel, und etliche wuchsen schon nach.

Hilfe, Erntestress! Wie gelb, grün und groß müssen Zucchini sein und was macht man dann damit? Uli half auch hier. Trotzdem gut, dass meine Vermieter aus dem Urlaub zurückgekehrt sind und ich mich von meinem kleinen Ausflug in die Gartenarbeit erholen und ganz auf die literarischen Irrungen und Wirrungen konzentrieren kann. Unter dem Schutz des Apfelbaumes sinniere ich nun entspannt über Goethes Ausspruch: Alles ist Blatt!

Julia Siebert

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