„Es herrscht ein sehr scharfer Ton“

IPS-Stipendiat Filipp Semyonov
IPS-Stipendiat Filipp Semyonov | Bild: privat

Einmal einen Einblick in das Herz der deutschen Demokratie erhalten? Das ist dank des Internationalen Parlaments-Stipendiums möglich. Das Programm ermöglicht jährlich 120 jungen Hochschulabsolventen aus der ganzen Welt einen fünfmonatigen Aufenthalt in Berlin. Dort arbeiten die Stipendiaten in einem Abgeordnetenbüro mit, erleben den Alltag im deutschen Parlament hautnah und haben die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen an den Berliner Universitäten zu besuchen.

Filipp Semyonov ist seit März 2018 IPS-Stipendiat im Bundestag bei der Abgeordneten Sabine Leidig der Fraktion DIE LINKE. Nach einem Bachelor der Internationalen Beziehungen und einem Master in Zentralasienstudien an der Deutsch-Kasachischen Universität arbeitet Filipp seit 2015 beim Informationszentrum des DAAD Almaty.

Warum hast du dich für dieses Programm beworben?

Das Programm ist für junge Leute mit Interesse an Politik und demokratischer Entwicklung eine besondere Möglichkeit, praktische Erfahrung im Bundestag zu bekommen. Diese Chance wollte ich für meine berufliche und persönliche Entwicklung nutzen. Ein weiterer Grund war die Möglichkeit, mich international mit anderen engagierten Menschen zu vernetzen. Ich stellte es mir sehr spannend vor, mit ihnen über aktuelle politische Prozesse in Deutschland und in der ganzen Welt zu diskutieren.

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Was hast du bisher erlebt?

Filipp Semyonov mit den anderen IPS-Stipendiaten aus Kasachstan
Filipp Semyonov mit den anderen IPS-Stipendiaten aus Kasachstan. | Foto: privat

Ich war im März im Paul-Löbe-Haus, als der Koalitionsvortrag unterzeichnet wurde. Das war der Höhepunkt der lang andauernden Koalitionsverhandlungen. Ich würde sagen, dass wir Stipendiaten zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und Glück hatten, den für die deutsche Politik so wichtigen Moment mitzuerleben.

Ansonsten hatten wir im März eine Vorbereitungsphase, in der wir einen Überblick über die Funktionsweise des Deutschen Bundestags und die Besonderheiten des parlamentarischen Alltags bekommen haben. Außerdem haben wir verschiedene Institutionen und Organisationen wie den Bundesrat oder die politischen Stiftungen besucht, um unsere Kenntnisse über das politische und gesellschaftliche System in Deutschland zu vertiefen. Das Vorbereitungsprogramm war sehr professionell organisiert und eine gute Grundlage für die anschließende praktische Tätigkeit im Abgeordnetenbüro.

Neben dem offiziellen Teil haben die IPSler selbst viele informelle „Veranstaltungen“ organisiert. Dadurch haben wir IPSler aus Kasachstan und die anderen uns in freundschaftlicher Atmosphäre besser kennengelernt, unsere Erwartungen an das Programm und Praktikum geteilt oder einfach ein Bier zusammen genossen. Wir hatten auch genug Zeit, Berlin zu entdecken. Gerade für junge Leute bietet die Stadt so unglaublich viel.

Wie wurdest du deiner Abgeordneten zugeteilt, durftest du mitentscheiden?

Vor der Anreise haben alle Stipendiaten per E-Mail ein Formular zur Klärung der Formalien bekommen. Wir durften auch einen Wunsch angeben, bei welcher Fraktion wir gerne arbeiten würden, was unsere politische Präferenz ist. Da das Leben nun mal (leider) kein Wunschkonzert ist, unterlag die Zuordnung der Stipendiaten und Stipendiatinnen letztlich aber eher dem Zufall und wir konnten die Entscheidung nicht wirklich beeinflussen. Im Endeffekt bin ich aber zufrieden.

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Was ist der Eindruck deiner ersten Tage im Bundestag und im Abgeordnetenbüro?

Der Bundestag ist ein komplexes Organ und man braucht viel Zeit, um die interne Logik zu verstehen und sich an das schnelle Tempo innerhalb des Parlaments zu gewöhnen. Das gilt insbesondere für die Sitzungswochen, wenn wirklich viel los ist.

Darüber hinaus hatte ich schon einige Möglichkeiten die Plenarsitzungen des Bundestages zu besuchen. Mit den zwei neuen Fraktionen im Parlament (FDP und AfD) ist der 19. Bundestag viel lebendiger geworden. Die Debatten sind sehr intensiv und manchmal herrscht ein sehr scharfer Ton, was zum einen die Aktualität der zu beratenden Themen demonstriert, zum anderen zeigt, wie parlamentarische Demokratie wirklich funktioniert.

Welche Themen werden diskutiert?

Filipp Semyonov. | Foto: privat

Momentan sind meine Abgeordnete und ihr Büro mit dem Thema „Amazon als Taktgeber des digitalen Kapitalismus“ beschäftigt. Als Mitglied der Fraktion DIE LINKE unterstützt sie verschiedene gesellschaftliche Initiativen und Arbeiterbewegungen, die einerseits für bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne kämpfen und sich anderseits gegen Steuer- und Datenklau durch digitale Akteure wie Amazon stark machen. Es wird viel über die Vernetzungsmöglichkeiten von politischen Parteien, Gewerkschaften, Arbeitnehmern und anderen Organisationen auf der lokalen, Landes- und Bundesebene diskutiert, um weitere Projekte einfacher zu koordinieren.

Weißt du schon, was du nach dem IPS machst?

Zuerst möchte ich zurück nach Kasachstan kommen, um einige Projekte des DAAD zu Ende zu bringen. Aber mein langfristiges Ziel ist es, in Deutschland zu promovieren, um mich weiter in der internationalen Forschungsgemeinschaft zu vernetzen und eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen.

Das Internationale Parlaments-Stipendium (IPS) ist ein jährliches Stipendienprogramm des Deutschen Bundestages für bis zu 120 junge Leute aus Mittel-, Ost– und Südosteuropa, Ländern des arabischen Raums, Frankreich, Israel, Kanada sowie den USA. Das IPS gibt es seit 1986. Seitdem haben mehr als 2.500 Stipendiaten das Internationale Parlaments-Stipendium absolviert. Bewerber müssen Staatsbürger eines beteiligten Landes sein, ein Studium erfolgreich absolviert haben, über sehr gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen (min. B2) und dürfen das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Für den nächsten IPS-Jahrgang kann man sich noch bis zum 30. Juni 2018 bewerben. Mehr Infos unter: http://www.bundestag.de/ips

Das Interview führte Sabine Hoscislawski.