In ihrer Familienerzählung widmet sich Nurdschamal Tokombajewa aus Osch ihrem Großvater Koscho. Dafür besuchte sie ihre Großtante für ein Interview.

Ein Dorf. Frische Luft. Die geliebte Frau kocht Abendessen. Die Kinder spielen im Hof. Es ist so ruhig und still, man hört nur das Lachen der spielenden Kinder und den Gesang der Vögel. Dieser Ort heißt Kysyl Ordo. Hier leben Koscho Schaajew mit seiner Familie.

Zunächst scheint hier alles perfekt zu sein, aber man kann fühlen, dass etwas fehlt. Dass jemand und etwas vermisst wird. Ja, es ist die Sehnsucht nach der Heimat, nach den Verwandten, die weit weg sind. Die Sehnsucht nach den Menschen, die du nicht oft sehen kannst, weil sie in ihrem weit weg in ihrem Heimatland sind und dich eine weite Strecke von ihnen trennt. Koscho Schaajew hat wohl sein ganzes Leben mit diesem Gefühl gelebt.
Er wurde 1923 in Usbekistan in der Stadt Ardai geboren. Seine ersten zehn Lebensjahre verbrachte er bei seinen Eltern. „Aber als er elf wurde, beschlossen seine Eltern, ihn zu der Schwester seiner Mutter zu geben, die keine eigenen Kinder hatte und in Kirgisistan, in Kara-Suu lebte“, erzählt Abakan Asanowa, Koschos Schwägerin. „Er hat mir oft über seinen Umzug nach Kirgisistan erzählt und auch über sein Leben dort“. Die Jahre vergingen. Koscho wuchs auf, ging zur Schule und heiratete. Er führte ein normales Leben. Dann begann der Krieg, der „Große Vaterländische Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg in der ehemaligen Sowjetunion genannt wird. Hunger und Tod. Frauen und Kinder weinen ihren Ehemännern, Vätern, Brüdern und Söhnen nach, die sie in den Krieg ziehen sehen. Wie die meisten Männer des Dorfes musste auch Kojo fort.

Nach dem Kriegsende kehrten einige kehrten verwundet zurück, andere wurden zurückgeschickt. Aber von Kojo war lange nichts zu hören. Während des Krieges kam er in ein deutsches Konzentrationslager und blieb dort zwei Jahre lang. 1945 wurde er befreit. Als er nach Kara-Suu zurückkehrte, erfuhr er dann, dass seine Frau einen anderen Mann geheiratet hatte. Im Frühling 1946 hat er Scherisch, seine zweite Frau und die Mutter seiner Kinder getroffen. Scherisch wurde im Dorf Kara-Suu geboren und hat dort immer gelebt. Eine ihrer Freundinen war Koschos Klassenkameradin und, so hat sie die beiden bekannt gemacht. Zuerst waren sie nur gute Freunde, aber dann haben sie sich ineinander verliebt. Sie heirateten im Sommer 1946.

„Er sagte oft, dass er seine Heimat und sein Elternhaus in Usbekistan vermisse“, erzählt Asanowa. Im Jahr 1951 entschied sich Koscho, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern nach Usbekistan zu ziehen. „Aber sie blieben nicht lange in Usbekistan, weil das heiße Klima und die Lebensbedingungen dort nicht sehr günstig waren. Außerdem blieb die Heimat seiner Kinder und seiner Frau Kirgisistan. Sie sehnten sich danach. Um des Wohls seiner Familie willen entschied er sich dann, nach Kirgisistan zurückzukehren“, erinnert sich die Schwägerin. Nach einer Ausbildung in einer Medrese, vermittelte er nicht nur seinen sechs Söhnen und zwei Töchtern viel von seiner Bildung, sondern sorgte auch für viele Waisenkinder. Er erzählte mir auch, dass er als Soldat, nie auf Menschen geschossen hatte. Er verbot es sogar, Insekten zu töten, da auch sie Gottes Schöpfung seien. Er war ein Mann von Charakterstärke und einem guten Herzen“, sagt Asanowa.

Aus reiner Heimatliebe verheiratete er seine zwei Söhne mit Mädchen aus Usbekistan, um die Verbindung zu seiner Heimat weiter zu pflegen. Trotz der Bemühungen werden Familientreffen aufgrund der Grenzprobleme und aus anderen Gründen jedoch immer seltener. Früher fuhr die Familie oft nach Usbekistan, fast jede Woche. Aber jetzt können sie nur mit einer Einladung die Grenze überqueren.

Das Dorf Kara-Suu. Die frische Luft. Die Kinder und Enkelkinder von Koscho sitzen im Garten und frühstücken. Es ist so ruhig und still, man hört nur das Lachen der Familie und den Gesang der Vögel. Aber es gibt keine Sehnsucht nach einer Heimat mehr, denn Kara-Suu ist ihre neue Heimat. Doch trotz der Entfernung und anderer Umstände bemühen sie sich, Usbekistan oft zu besuchen. Nein, es scheint nicht nur so: Alles ist perfekt.

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