Nach dem Blutvergießen im Zweiten Weltkrieg wünschte man sich in Europa dauerhaften Frieden. Das Fundament sollte eine gemeinsame Wirtschaft sein. Doch von der Idee bis zur Umsetzung war es noch ein langer Weg.

Wer heutzutage von Deutschland nach Frankreich reisen will, bemerkt den Grenzübertritt nur noch an den fremd anmutenden Verkehrsschildern, welche plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen. Dem aufmerksamen Autofahrer fällt vielleicht noch das verlassene Wächterhäuschen auf. Ansonsten von einer Grenze weit und breit keine Spur. Sogar der Tankwächter nimmt das deutsche, pardon, europäische Geld ohne Widerworte entgegen. Denn einzig die Sprache könnte ein Hindernis beim Tanken sein.

Noch vor einigen Jahrzehnten wäre eine solche Situation in Europa undenkbar gewesen: Zwar strebt schon 1922 die Paneuropa-Union nach einer Vereinigung aller europäischer Staaten, doch so richtig Gestalt nimmt der Wunsch erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg an. Der damalige französische Außenminister Robert Schumann schlägt in einer Rede am 9. Mai 1950 vor, die militärstrategisch wichtige Kohle- und Stahlindustrie gemeinsam zu verwalten, um einen erneuten Krieg zu vermeiden – die Geburtsstunde der heutigen Europäischen Union (EU).

Bereits ein Jahr später schließen sich Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EKGS oder Montanunion) zusammen, um Schumanns Idee in die Tat umzusetzen. Eigene Institutionen sollen die neugegründete Montanunion sichern: Die Hohe Behörde (später in Kommission umbenannt) als ausführende (exekutive) Gewalt, ein Ministerrat als gesetzgebende (legislative) Gewalt, und ein Gerichtshof als rechtssprechende (judikative) Gewalt. Die Parlamentarische Versammlung dient als Bindeglied: durch sie stehen Montanunion und Mitgliedsstaaten in ständigem Dialog. Langfristig soll die Sicherung des Friedens also auf guter wirtschaftlicher Zusammenarbeit fußen – bis heute erweist sich diese Idee als erfolgreich.
Infolgedessen werden 1957 gleich zwei weitere Verträge von den sechs Ländern unterschrieben: die Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom). Mit der EWG wird die engere Zusammenarbeit in Landwirtschaft, Wettbewerb und Außenhandel; mit Euroatom des Weiteren eine gemeinsame Behörde für die Entwicklung der Nuklearindustrie gegründet.

Die Verschmelzung der Organe der drei Institutionen Montanunion, EWG und Euratom erfolgt dann 1967: die Europäische Gemeinschaft (EG) ist geboren. Bereits ein Jahr später tritt die Zollunion in Kraft, die Zölle fallen weg. Immer mehr Länder finden Gefallen an der Idee eines geeinten Europas und treten der EG bei, unter anderem Großbritannien. Um den Wechselkurs zwischen den vielen beteiligten Währungen stabil zu halten, schafft man das Europäische Währungssystem (EWS). Die Wiedervereinigung Deutschlands bereitet sodann den Weg für weitere Maßnahmen: Am 7. Februar 1992 wird der Vertrag über die Gründung der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) in Maastricht unterschrieben und die Europäische Gemeinschaft in Europäische Union (EU) umgetauft. Mit der Verwirklichung des Europäischen Binnenmarktes 1993 können sich Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital von nun an frei zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten bewegen, mit dem Schengener Abkommen von 1995 fallen die Grenzkontrollen innerhalb der EU mit Ausnahme von Großbritannien und Irland sogar ganz weg – freie Bahn für den Autofahrer. 1999 wird der Euro zunächst als bargeldlose Währung an der Börse eingeführt, seit 2002 ist er die offizielle Währung in Europa – dem deutschen Autofahrer steht beim Tanken in Frankreich nur noch die Sprache im Weg. Inzwischen zählt die Europäische Union 27 Mitgliedsstaaten, weitere Beitritte sind geplant. Wie die derzeitige Eurokrise zeigt, hat das System allerdings auch Tücken. Die europäische Einheit bröckelt. Trotzdem, der kürzlich verliehene Friedensnobelpreis weist darauf hin: Es lohnt sich, für ein geeintes Europa zu kämpfen.

Von Christine Faget

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