Viele Wege führen nach Zentralasien. Man kann die Region aus vielen Perspektiven betrachten. Kommt man aus Russland, ist diese postsowjetisch und eine Quelle für massive Arbeitsmigrationen. Aus chinesischer Perspektive ist diese die erste Etappe der neuen Seidenstraße nach Westen. Vom nahen Osten aus gesehen, gehört die Region zum türkischen und persischen Sprachraum und ist ein Teil des muslimischen Gebiets. Und aus Europa? In Europa schenkt man Zentralasien wenig Beachtung. Dabei gäbe es viele Gründe, das Geschehen dort zu verfolgen.

Wenig Schlagzeilen aus Zentralasien schaffen es bis in die europäische Presse.
Neben den obligatorischen Meldungen zu den wenigen Staatsbesuchen aus Europa in der Region, wie zuletzt Frank-Walter Steinmeiers, zeigen die meisten Titel ein besonderes Bild der Region. Zentralasien ist demnach skurril (mit goldenen Präsidentenstatuen in Turkmenistan und Pferdepenisskandal in Kirgisistan), vom Islamismus bedroht, aber auch voll schöner Landschaften und Bauten wie aus Tausendundeiner Nacht. Vor allem ist es Fern und Fremd.

Wie im Bildnis der Seidenstraße, in dem die Karawanen Zentralasien nur durchqueren, beschränkt sich auch die europäische Aufmerksamkeit in der Region vor allem auf die großen Nachbarn. Natürlich ist die Region, zwischen mehreren Großmächten gelegen, geopolitisch sehr interessant. Aber es gibt noch viele weitere Gründe, sich stärker mit Zentralasien zu befassen. Die Region wird in den nächsten Jahren an Relevanz gewinnen.
Denn Zentralasien ist jung. Oft wird das Alter der fünf zentralasiatischen Republiken betont, um die Unvollkommenheiten ihrer Demokratisierung zu erklären. Alle feiern in diesem Jahr den 25. Geburtstag ihrer Unabhängigkeit. Doch viel wichtiger ist die Bevölkerung: In der ganzen Region ist etwa die Hälfte der Staatsbürger jünger als 25 Jahre alt. So wird die Bevölkerung Zentralasiens nicht nur weiter rasant wachsen. Ebenso wird diese große Generation schon bald die Politik prägen.

Und diese Jugend ist keineswegs von der Welt abgeschnitten. Zentralasien ist stark globalisiert. Besonders in Kasachstan und Turkmenistan sind große westliche Firmen aktiv. In Kirgisistan sprießen die internationalen Nichtregierungsorganisationen buchstäblich wie Pilze aus dem Boden. In den Hauptstädten scheint sich ein wohlhabender Lebensstil mit vielen westlichen Produkten zu etablieren. Andererseits wirkt die Region auch nach außen: Nicht wenig Studierende zieht es nach Europa oder in die Vereinigten Staaten. Die lokalen Wirtschaftseliten kennen die internationalen Finanzflüsse sehr gut und wissen ihr Kapital ins Ausland zu tragen.

Viertens ist Zentralasien ein Treffpunkt für viele Sprachen, Kulturen und Ansichten – schon seit Jahrhunderten. In seiner ausführlichen Geschichte der Region definiert Jürgen Paul deren Einzigartigkeit als „die Region, in der gewisse Formen der Interaktion von Nomaden und Sesshaften historisch prägend waren“. Also ein Ort für Handel und auch ein Ort der Spannungen – heute vor allem im Konflikt zwischen nationalistischen Tendenzen und Mehrvölkergesellschaften im politischen Raum. Wie in Europa heißt es Multikulti versus Leitkultur.

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Wer denkt, all dieses ist trotz allem zu fern, um für Europa relevant zu sein, der schaue auf die europäische Außenpolitik. Auch hier scheint Zentralasien, der „Nachbar unserer Nachbarn“ laut der von Deutschland initiierten EU-Strategie, symptomatisch für die Ambivalenz zwischen der Menschenrechtsförderung und der Vertretung von Wirtschafts– und Sicherheitsinteressen. Und die Beziehungen sind dynamisch: Zuletzt wurde im vergangenen Herbst ein neues Partnerschaftsabkommen mit Kasachstan verabschiedet.
Nachdem schon viele Studienzentren, die sich mit der ehemaligen Sowjetunion befassten, geschlossen wurden und Auslandskorrespondenten abgezogen wurden, hat man im Rahmen der Russlandkrise plötzlich gemerkt, dass es nicht genügend Experten für die Region gibt. Die neugewonnene Aufmerksamkeit für den Osten Europas sollte die Schlüsselregion Zentralasien nicht außer Acht lassen.

Novastan.org ist eine in Kirgisistan sesshafte Stiftung, die jungen Zentralasiaten Fortbildungen in Sachen Journalismus anbietet und ihre Artikel auf Deutsch und auf Französisch veröffentlicht. Der DAZ-Medienpartner Novastan führt momentan eine Crowdfunding Kampagne zur Unterstützung der neu geplanten Webseite https://de.ulule.com/novastanorg durch.

Florian Coppenrath, Mitgründer von Novastan.org

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