Gefangen zwischen Heimat und Ferne

Das Plakat “Die andere Heimat“ lockte trotz der Filmlänge von 230 Minuten viele Besucher zu der Vorführung. | Quelle: ERF

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht von Edgar Reitz eroberte 2013 die Kinos und gewann in Deutschland mehrere Filmpreise. Grund genug für das Goethe-Institut, das vierstündige Werk auf die kasachische Kinoleinwand zum Internationalen Eurasischen Filmfestival 2016 in Almaty zu bringen.

Was erwartet einen in diesen vier Stunden? Der Drehbuchautor, Gert Heidenreich, begrüßt die Zuschauer persönlich und stimmt sie auf das Filmspektakel ein, das sie in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück versetzt. Den historischen Rahmen der Geschichte bietet der Vormärz in den Jahren von 1842-1845. „Es ist eine sehr aufregende Zeit der deutschen Geschichte. Zum einen war die französische Besatzung durch Napoleon erst seit circa 30 Jahren vorbei und zum anderen tauchte die erste Generation auf, die Lesen und Schreiben konnte.

Und was las man? Die großen Abenteuergeschichten von Humboldt über seine Reisen nach Südamerika. Die Fantasie der Menschen richtete sich auf das vermeintliche Paradies jenseits des Atlantiks“, erklärt Heidenreich und stellt damit indirekt den Hauptprotagonisten Jakob Simon vor: Der verträumte, sensible idealistische Bauernjunge aus dem Dorf Schabbach, der den Zuschauer als Erzähler durch den Film führt. Mit den Einträgen in seinem Tagebuch öffnet sich Jakob voll und ganz, während die anderen Charaktere rätselhaft und verschlossen bleiben.

Da wäre Jakobs Vater, ein abgebrühter Schmied, für den allein Arbeit und Disziplin zählen. Er möchte seinem Sohn die Träumerei am liebsten aus dem Leibe prügeln. Als Schutzschild dient Jakobs Mutter, die ihn ermutigt, so zu sein, wie er ist. Er muss kein lässiger, mutiger Macho wie sein Bruder Gustav sein, der als Lieblingssohn des Vaters seinen Bruder in den Schatten stellt. Doch Jakob steht dort nicht allein, auch seine Schwester gilt als Außenseiterin, nachdem sie einen Katholiken geheiratet hatte und der Vater sie verstieß.

Das Ende der Romantik

Keiner versteht den anderen. So ist der Eindruck. Es ist eine schwere Zeit, in der kein Platz für Bücher und Träume ist – für Romantik, Ruhe und Liebe. Den Menschen ist das harte Leben ins Gesicht geschrieben, während Jakob energisch und erfrischend wirkt – voller Lebensfreude die Welt zu erobern. Er will in die Urwälder Brasiliens auswandern. Als Vorbild dienen ihm die Auswanderer, die Deutschland in Richtung Amerika verlassen. Er lernt sogar die Sprache der Indianer Südamerikas und schmiedet Pläne, mit seiner großen Liebe Jettchen gen Westen aufzubrechen.

Mit dem Kopf steckt Jakob längst in der Ferne, während seine Füße in der Heimat verankert sind. Immer genau dann, wenn Jakob seinem Traum besonders nahe zu kommen scheint, bricht der Boden unter seinen Füßen weg und er fühlt sich gezwungen, in der Heimat zu bleiben. Die Tragödien des Lebens – Tod, Krankheit, Verlust – haften wie Ketten an seinen Füßen.

Symbolik der Farben

Den Film könnte man in wenigen Worten zusammenfassen: Der vierstündige Versuch Jakobs nach Südamerika auszuwandern. Um den Film im Ganzen zu beschreiben, bedürfe es eines Buches. Reitz beweist mal wieder, dass er zu den ganz Großen gehört. Mit Liebe zum Detail perfektioniert er Bild und Ton zu einem Meisterwerk, das vor allem durch die Kameraführung überzeugt. Atemberaubende Landschaften neben trostlosen Dorffassaden, Freude neben Trauer, Neugier neben Ernüchterung, Loslassen neben Bleiben – die Dualismen des Lebens bekräftigt Reitz, indem er den Film in Schwarz-Weiß hält.

Nur manchmal erlaubt er farbliche Nuancen. So taucht er Gegenstände in verschiedene Farben, denen Jakob die indianischen Wörter zuordnet. Farbig sind auch der Himmel, an dem der vorbeifliegende Komet zu sehen ist, sowie der Edelstein, der bunt aufleuchtet, hält man ihn gegen das Sonnenlicht. Hierdurch entfesselt Reitz den Zauber vom Träumen, die einen aus der tristen, dunklen Realität befreien. Er untermalt die Sehnsucht durch Symbole wie einen Adler und eine Eule, die Jakob beim Lesen beobachtet, oder die immer wieder auftauchenden Kutschen und Wagen, die bereits in die neue Welt aufbrechen.

Der traurige Held

Am Ende verlassen fast alle Schabbach – sie sterben oder wandern aus – nur Jakob, der es sich am meisten wünschte, die Welt zu bereisen, bleibt zurück mit seinem Vater. Der Außenseiter der Familie entpuppt sich am Ende als der Klebstoff, der die Familie zusammenhält. Versöhnt mit seinem Vater, hilft er ihm beim Bau der Dampfmaschine, die eigentlich sein Bruder fertigstellen wollte, doch der ist mit Jettchen nach Brasilien aufgebrochen. Jakob bleibt in der Heimat – weil er zu schwach war loszulassen? Zu passiv, sich das zu nehmen, was ihm zusteht? War er am Ende zu ängstlich für die Reise ins Ungewisse? Wie auch immer, ich denke, es ist gut, dass Jakob in der Heimat bleibt. Er ist zu sensibel und leicht besaitet für die raue, harte Realität, die ihn in Brasilien in dieser Zeit erwartet hätte. Dennoch ist er für mich der Held des Filmes, weil er mutig genug ist, auf sein Herz zu hören und sich seinen Träumen hinzugeben, wodurch er andere insgeheim inspiriert.

„Mit offenen Augen träumen. Eine andere Wahrheit suchen. Der Sonne folgen, wenn sie hier untergeht. Das ist das Glück.“