Mit der industrialisierten Massenvernichtung schufen sie in der südpolnischen Stadt Auschwitz einen Schreckensort der Superlative mitten in Europa. Die Nationalsozialisten töteten hier 400.000 Menschen.  Überlebende kamen in das NS-Vernichtungslager zurück, um ihre Erinnerung mit jungen Journalisten zu teilen.

Tiefe Furchen zeichnen sich auf ihren Gesichtern ab. Sie sind alle weit über 80 Jahre alt, doch wenn sie von ihren Erlebnissen im Lager sprechen, sitzen vor ihren Zuhörern die Kinder und Jugendlichen von damals. Vor mehr als sieben Jahrzehnten mussten sie mit einem Schlag erwachsen werden. Heute, an diesen eiskalten Januartagen kehren Ignacy, Jacek, Janina und viele andere Überlebende des Holocausts an den Ort zurück, an dem ihre Familien und Freunde starben und der ihnen ein Trauma hinterließ. „Für euch gibt es hier nur einen Ausgang. Und der führt durch den Kamin des Krematoriums“, hatte der SS-Mann zu Jacek Zieliniewicz gesagt, als der damals 17-Jährige von seiner Heimatstadt Bydgoszcz an der Weichsel  ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Er, der „immer der Jüngste war“, hat alle anderen politischen Häftlinge aus seiner Heimatstadt überlebt.

Alltag in der Hölle

Erst 20 Jahre nach dem Krieg konnte sich Ignaz Golik an die Zeit im Lager erinnern. | Bild: Autor

Selbst als 83-Jähriger reist er noch durchs Land, beantwortet geduldig die persönlichsten Fragen und wiederholt seine Erinnerungen in den Klassen- und Seminarräumen. So ist er nach Auschwitz zurückgekehrt. Dorthin hatte das Maximilian-Kolbe-Werk 20 junge Journalisten aus Deutschland, Österreich, Polen, Russland, Georgien und der Ukraine eingeladen. Vom 22. bis 28. Januar hatten sie die Möglichkeit, am Ort des Geschehens von den Erlebnissen  der Zeitzeugen zu hören, um die Erinnerung an den Holocaust in die Zukunft zu dokumentieren. Denn von Jahr zu Jahr sterben  Überlebende jener Zeit.

Für Jacek und die anderen ist es daher umso wichtiger, die verbleibende Zeit, so gut es geht, zu nutzen. „Ich weiß nicht, warum ich überlebt habe – Ich frage mich: Liegt es daran, dass Gott an mich gedacht oder mich einfach vergessen hat?“, sagt Jacek in einem Gespräch. Dazwischen fällt immer wieder die Frage nach dem Alltag der Häftlinge. Die Zeit zwischen den Apellen, die Freundschaften, Hoffnungen und Ablenkungen – war ein Alltag zwischen eigener und fremder Angst, Leichengestank, Hunger und der unglaublichen Kälte überhaupt möglich? Besonders für die Nachwuchsjournalisten, die für das Zeitzeugen-Projekt aus Deutschland, Ungarn und Georgien angereist sind, ist es wichtig, möglichst alle Erinnerungen festzuhalten. Doch oft hören sie die Antwort: „Es war eine ganz andere Welt – unbeschreiblich, wenn man nicht dabei war“.

Gefangen in Erinnerungen

Befreit und doch für immer in den Erinnerungen an Auschwitz gefangen – so scheint es, wenn den Zeitzeugen selbst 69 Jahre nach Kriegsende und nach vielfachen Interviews und Gesprächen die Tränen kommen. „Manchmal beim Rasieren – ich weiß nicht, warum genau dann – erinnere ich mich an die Massenerschießungen. Die Häftlinge zogen wie Pferde die Rollwägen mit den Leichen Richtung Krematorium,“ erzählt Ignaz Golik. Deutsch hat ihm das Leben gerettet, davon ist er überzeugt. Als 18-Jähriger kämpfte er in Warschau gegen die Nationalsozialisten, wurde 1941 verhaftet und kam nach Auschwitz. Dass er dort überlebt hat, verdankt er seinen Deutsch-Kenntnissen. Diese retteten ihn vor der Zwangsarbeit in der tödlichen Kälte des polnischen Winters. „Nach dem Krieg versuchte ich alles zu vergessen. Niemand außer meiner Familie und meinen Nachbarn wusste, dass ich im Lager war“, berichtet der 93-Jährige ehemalige Journalist. „Ich hatte anderen Kummer. Keine Wohnung, kein Geld, nichts.“ Erst zwanzig Jahre nach Kriegsende hätte ihn ein Freund überzeugt, von seinen Erlebnissen zu erzählen. Als Ex-Häftling sagte er dann mehrmals bei Prozessen gegen NS-Verbrecher aus. „Erst als ich dabei die Aufnahmen und Akten durchsehen musste, kamen meine Erinnerungen wieder.“

Kunst dient als Ventil

Das Trauma kennt viele Gesichter. Die einen gehen Hand in Hand mit ihren Söhnen und Töchtern zwischen den Ruinen der Baracken hindurch, andere legen Kränze vor den Gedenktafeln nieder. Eine Zeitzeugin des Journalisten-Projekts schafft es nicht aus dem Hotelzimmer. Zu schwer war für sie das Erinnern. Selbst 69 Jahre danach.

Erschütternde Bilder jener Zeit füllen ganze Wände, Böden und Decken: Im Keller des Klosters, das sich in unmittelbarer Nähe des Lagers befindet, zeigt eine Ausstellung des Ex-Häftlings Marian Kolodziej Zeichnungen von hunderten, teils nackten, ausgemergelten  Körpern. Jedem aber hat er ein anderes Gesicht gegeben. Kein Häftling gleicht dem anderen. Für den 2006 verstorbenen Kolodziej war das beinahe wahnhafte Zeichnen das einzige Ventil, die Erlebnisse aus dem Vernichtungslager zu verarbeiten und weiterzugeben. So wird Auschwitz zum gemeinsamen Nenner unzähliger Biografien.

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Etwa 1,5 Millionen wurden in den beiden Lagern „Auschwitz I“ und „Auschwitz-Birkenau“ getötet. Unter den Opfern waren größtenteils Juden, aber auch Homosexuelle, Roma und Sinti und politische Gegner, wie zum Beispiel Kommunisten. Als „Holocaust“ oder „Shoah“ bezeichnet man heute den während des Zweiten Weltkrieges stattgefundenen Massenmord an ca. sechs Millionen Menschen, die die Nationalsozialisten als Juden definierten. Im kollektiven Gedächtnis ist Auschwitz heute ein Symbol für die Erinnerung an den Völkermord. Der Lagekomplex ist heute eine Gedenkstätte und gehört seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Projekt „Internationale Begegnungen“ vom Maximilian-Kolbe-Werk  gibt es bereits seit fünf Jahren. Zeitzeugen treffen sich mit jungen Journalisten an den historischen Stätten und teilen ihre Erinnerungen mit ihnen.

Von Daniela Neubacher

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