Ein neuer Blick auf die Wirklichkeit Kasachstans: Vom 11. bis 16. Februar fand in Berlin parallel zur Berlinale die Woche des jungen kasachischen Films statt. Gezeigt wurden vier Spielfilme und sieben Kurzfilme, die jenseits jeder Weichzeichnung angesiedelt waren – harte, bisweilen schockierende Werke

Auf Initiative der Deutsch-Kasachischen Gesellschaft und mit Unterstützung des Zentralasienseminars der Humboldt-Universität Berlin zustande gekommen, bot sie jungen Kinokünstlern der Avantgarde-Gruppe aus Kasachstan die Möglichkeit, ihre Produktionen einem kleinen, aber sachkundigen Publikum vorzustellen. Der Produzent Baurschan Muratow und zwei der Regisseure waren mit ihren Filmen nach Berlin gekommen und konnten sich an fünf Abenden ein Bild von den Reaktionen der Zuschauer machen.

Gezeigt wurden vier Spielfilme und sieben Kurzfilme, alle weit entfernt von Mainstream und Seifenoper, keinesfalls der Kategorie easy looking zuzuordnen. Wenn Kunst Widerspiegelung der Wirklichkeit ist, so ist die Wirklichkeit in Kasachstan hart, trist, bisweilen äußerst grausam. Da wird schikaniert, geschlagen, geraubt, gemordet, es wird gehungert und gestorben, da herrschen ätzende Langeweile, Gefühlskälte und Ratlosigkeit.

Man muss schon genau hinsehen, um Zeichen der Wärme und der Hoffnung wahrzunehmen. Nur wenige Figuren der gezeigten Streifen mag man ins Herz schließen, auch das teilweise nur zögerlich. Das einzige eindeutige „happy end” der Filmwoche im preisverdächtigen Spielfilm „Schiza” wurde vom Publikum mit seufzender Erleichterung aufgenommen.

Nun ist es sicher für das Publikum in Kasachstan keine Neuigkeit, dass das Leben im eigenen Land kein Zuckerschlecken ist. Für die deutschen Zuschauer war diese Erkenntnis in ihrer unverstellten Form schon ziemlich schockierend. Und so lauteten auch die Fragen des Publikums: „Warum sind Ihre Filme so grausam?“

Jerlan Nurmuchamedow, 30 Jahre, der mit seinem Kurzfilm „Brautraub“ auch den Preis der Jury gewann, polemisierte gegen eine weit verbreitete Doppelmoral. Das Publikum stehe unwirklichen, kitschigen Seifenopern und Hollywoodschnulzen oder Action-Thrillern unkritisch gegenüber, wolle aber gleichzeitig nicht, dass das eigene Leben so dargestellt wäre, wie es ist. Leicht gerate man bei den Zuschauern im eigenen Land in die Rolle des Nestbeschmutzers, wenn man die alltägliche Wirklichkeit ungeschminkt zeige. Der Brautraub im preisgekrönten Film misslingt, aber man ist darüber nicht traurig und nicht froh, denn die Handlung war ja eigentlich gar nicht ernst gemeint. Bedrückend an dem Film ist die Ziellosigkeit, mit der die Akteure handeln. Hier wird uns das Banale so ungeschönt und eindringlich vor Augen geführt, dass es schmerzt. Das Banale als Quelle allen Glücks und allen Übels mit den Extremen, die dann von den anderen Filmen zugespitzt wurden.

Die Filmkritikerin Gulnar Abikejewa begründete das Vorhaben der Kinogruppe Avantgarde, eine neue Sicht auf die Wirklichkeit anzuregen: Bereits 1999 beschlossen die jungen Kinokünstler Baurschan Muratow, Anuar Raibajew, Galija Tuschkina und Renat Kosai die Vorführung von Filmen ihrer Altersgenossen zu organisieren. Das erste Festival des jungen Kinos „Sieh neu” war geboren. Als damals auf den Leinwänden des Festivals 50 Kurzfilme der Genres Dokumentarfilm und Spielfilm aufflimmerten, wurde allen klar, dass man es hier mit der Geburt einer „ganz neuen kasachischen Welle” zu tun hatte. Diese Filme waren aus reinem Enthusiasmus gedreht worden, ohne Filmförderung oder andere Hilfen, manchmal nur mit primitiven Videokameras. Auch in Berlin wurde sofort deutlich: Abgesehen von den Spielfilmen, die mit einem etwas größeren Budget der nationalen Filmfirma „Kasachfilm” gedreht wurden, ist die Form der Kunstwerke spartanisch. Hier wackelt es, und da macht der Wind unangenehme Nebengeräusche. Diese Nichtperfektion ist sowohl der Mittellosigkeit der jungen Künstler geschuldet als auch ihrer bewussten Haltung, dass Inhalt und Form eine Einheit bilden sollten. Warum soll die Form perfekt sein, wenn es der Inhalt längst nicht ist? Die eindringlichen Aufnahmen, langen Einstellungen und sparsamen Schnitte führen den Zuschauer unmittelbar zum Inhalt, zwingen ihn zur Positionierung, lassen ihn noch im Schlaf diese Bilder sehen.

Es sind Bilder voller liebevoller und doch kritischer Nostalgie wie in „Insel der Auferstehung“ (Ostrov Vozrozhdenija) von Rustem Abdraschew, Bilder von unerwarteter Liebe wie in „Schiza“ von Gulschad Omarowa, Bilder der Ironie wie in „Die Schmiede“ (Gontscharka) von Abai Kulbajew oder der Ratlosigkeit und Pein wie in „Die Lippe” (Guba) von Jerschan Rustembekow und „Kleine Leute” (Malenkije ljudi) oder „Antiromantika” von Nariman Turebajew. Manche Gefühle werden so pur vermittelt, dass man wegsehen oder unter den Stuhl kriechen möchte. Man mag dem Publikum in Kasachstan wünschen, dass sich Kinos finden, die diese Filme zeigen.

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