Eva Portius ist Leiterin des Informationszentrums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Almaty. Die Bonnerin arbeitet seit sieben Jahren im zentralasiatischen Ausland. Offen erzählt sie von ihrer Fähigkeit, sich immer neu in Gesellschaften einzugliedern, warum ihr die Arbeit im Ausland so gut gefällt und was sie von deutscher Familienpolitik hält. 

Das Büro hat sehr hohe Wände. Fast meint man sich in einer deutschen Altbauwohnung, wäre der Raum nicht so spartanisch mit Schreibtisch und Regal eingerichtet. Eva Portius, in Jeans, Bolerojacke und buntem Oberteil, fällt deshalb sofort ins Auge. Und weil sie gleich aufspringt, um jeden Besucher mit ausgestreckter Hand zu begrüßen. Seit September 2005 ist die schlanke, dunkelhaarige Frau in Almaty. Sie ist nicht alleine gekommen, sie wohnt zusammen mit ihrem einjährigen Sohn in der kasachischen Großstadt. „Ich habe mich bewusst mit dem Kind für die Stelle hier beworben. In Deutschland hat man als arbeitende Mutter leider keine guten Betreuungsmöglichkeiten“, erklärt die Mutter bei einer Tasse Tee und Schokocroissant ihre Motivation, mit ihrem Kind nach Kasachstan zu gehen. Dies sei auch ein Grund gewesen, die Stelle als Leiterin des DAAD-Informationszentrums in Almaty anzunehmen.

Die 37-Jährige startete ihre berufliche Laufbahn, indem sie Deutschkurse für Spätaussiedler gab. Der Spaß am Unterrichten motivierte sie, nach ihrem Studium der Slavistik, der vergleichenden Literaturwissenschaft und des Völkerrechts, als Lektorin zu arbeiten.

Kiew, Bremen, Taschkent, Almaty

Sie lehrte daraufhin ein Jahr am Kiewer Polytechnischen Institut: „Ich wollte nicht weg von dort. Kiew ist so eine wunderbare Stadt“, bedauert sie bis heute den zu kurzen Aufenthalt in der ukrainischen Hauptstadt. Aber die Zusage für den Posten als Büroleiterin des DAAD in Taschkent lockte dann doch zu sehr. Außerdem fügt sie hinzu: „Ach, ich bin eigentlich überall gerne gewesen. Die Leute sind mir sowohl in Kiew als auch in Taschkent schnell ans Herz gewachsen.“ Ohne Pause fährt die junge, selbstsichere Frau fort, sie habe dann in Bremen für ein Jahr eine Babypause eingelegt. Währenddessen unterrichtete sie dort an der Universität. Für sie war klar: „Ich wollte weiterarbeiten. Für mich ist das wichtig und selbstverständlich gewesen.“

Vier Monate nach der Geburt ihres Säuglings fliegt die junge Mutter nach Almaty, um dort ihre jetzige Stelle anzutreten. „Das war am Anfang nicht leicht. Die Wohnsitua-tion war damals schwierig, mit dem kleinen Kind im Winter in einem Zimmer bei unter 15 Grad.“ Trotzdem sieht sie die Vorzüge, die die Arbeitslage in Almaty mit sich bringt: „Es ist einfacher, im Beruf zu bleiben. Hier kann ich mir eine Tagesmutter leisten, das Verständnis in der Bevölkerung für berufstätige Mütter ist groß.“ Die dynamische Frau vertritt die Meinung, dass die arbeitenden Mütter auch in Deutschland zum Beispiel durch Ganztagschulen entlastet werden sollten. Dafür sei der Alltag in Almaty nicht immer leicht, besonders als Frau in einer Männerdomäne sei es oft kompliziert und anstrengend, in Gesprächen voll respektiert und anerkannt zu werden: „Ich fühle mich als Person in solchen Situationen `zurückgesetzt`“, versucht Eva Portius das Gefühl zu umschreiben. Danach gefragt, wie sie es schaffe, sich stets neu auf Kulturen einzulassen, sagt sie: „Ich bin kosmopolitisch eingestellt, habe auch keine speziellen Anforderungen an meine Umwelt. Meine Persönlichkeit kann ich eben überall ausleben.“

Viele Erfahrungen, viel Arbeit

Die unter anderem in Indien Aufgewachsene bringt große Offenheit für Kulturen und Menschen mit. So bewundert sie die Inder für ihre Lebensfreude, begegnet dem Neuen ohne Vorbehalte und ist bereit, sich immer wieder auf das Fremde einzulassen. „Man lernt Leute aus verschiedenen Regionen und Ländern kennen. Die Vielfalt und Internationalität ist enorm“, schildert die DAAD-Mitarbeiterin die Vorzüge ihres Berufes, den sie als große Bereicherung wahrnimmt. „Im Büro fällt sehr viel Arbeit an, oft habe ich eine 50-Stunden-Woche. Das Privatleben kommt im Moment noch zu kurz, ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal seit der Geburt meines Sohnes ein Buch zu Ende gelesen habe“, meint die Deutsche. Es scheint ihr nicht wirklich viel auszumachen. Eva Portius liebt ihre Arbeit. Neben den Stipendienausschreibungen, Fach-seminaren, Dienstreisen und der Auswertung von Stipendienanträgen berät sie Studenten und Wissenschaftler über die deutsche Hochschul- und Forschungslandschaft. Ihr Aufgabenbereich ist groß, so arbeitet sie unter anderem mit dem Goethe-Institut und der deutschen Botschaft zusammen, um für den Studienstandort Deutschland und internationale Programme zu werben. Unterstützt wird sie dabei im Büro von ihrer Sekretärin und zu Hause von der Tagesmutter, die sich um ihren Nachwuchs kümmert. Eifersucht verspüre sie nicht, auch wenn der Kleine die meiste Zeit des Tages mit der „Ersatzmami“ verbringe: „Wenn er Fieber hat, dann kann ich nicht von der Arbeit weg. Ich verlasse mich da voll auf die `Nanny`.“ Deren Hilfe schätzt sie sehr. Außerdem geben ihr Freunde Rückhalt. Viele Bekannte aus Studienzeiten habe sie auch während ihrer Auslandseinsätze wieder getroffen, an Freundschaften konnte sie so anknüpfen, Beziehungen neu aufbauen.

Geistigen Kontakt halten

Eva Portius verknüpfen mit Deutschland feste Bande durch Familie und Freunde. Automatisch sagt sie aber: „Ich fühle mich wohl, im Urlaub in Deutschland.“ Die Bundesrepublik scheint doch schon in die Ferne gerückt. Eva Portius sieht das, was die Menschen in Deutschland beschäftigt, vor dem Hintergrund ihrer großen Erfahrung und dem Blick auf die Lebensweise der Leute in Zentralasien. Durchaus existieren Unterschiede, die ihr auffallen. Sie bemerkt, dass „die Deutschen oft durch den Wohlstand in dem sie leben, essentielle Dinge nicht mehr wahrnehmen und unter selbst erzeugtem Druck stehen. Dafür ist die soziale und umweltpolitische Initiative in der Bundesrepublik gut. Daran fehlt es leider hier in Kasachstan.“ Den geistigen Kontakt zur Heimat zu halten ist ihr wichtig.

Fünf Jahre bleibt Eva Portius noch in Almaty. „Es zieht mich dann schon nach Deutschland. Aber vielleicht ergibt sich ja auch ein gutes Jobangebot in anderen Ländern“, wirft sie schnell ein. Sie scheint sich in ihrer Rolle als „nomadischer Globetrotter“ wohl zu fühlen, doch ihr Kind möchte sie am liebsten in Deutschland eingeschult sehen.

Von Eva Hotz

12/05/06

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