Wie gut, dass es Herrn Müller gibt! Denn Herr Müller nimmt seine Sache sehr ernst. Bei Herrn Müller ist Handwerk noch Qualitätsarbeit.

Und Herr Müller bleibt sich treu, wie der Schuster bei seinen Leisten bleibt. Aber Herr Müller ist kein Schuster, und drum gibt es dort auch keine Leisten. Herr Müller repariert und verkauft gebrauchte Fahrräder.

Seine Visitenkarte, die heute noch genauso aktuell ist wie im Jahr 2000 und auch schon damals noch so aktuell war wie viele Jahre vorher, lockt einen nicht in ein helles, großräumiges Ladenlokal, wo einen die Türglocke ankündigt, sondern in einen dunklen Hinterhof, wo man laut „Herr Müller!“ rufen muss. Am besten, man verabredet sich mit ihm zu einem Exklusivtermin. Aber man muss dann auch kaufen, nur mal gucken geht nicht.

Nicht, weil Herr Müller einen bedrängt. Herr Müller erobert mit subtilen Waffen das Käuferherz.
Da wäre zunächst seine liebevolle technische Feinarbeit, jede winzige Schraube hat er einzeln und gründlich geprüft, nachgezogen und extra poliert. Jedes Fahrrad ist aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, allesamt hochwertig, so dass man ganz gewiss keine Katalogware, sondern exklusive Unikate zu sehen bekommt. Wirklich bestechend ist die zielgenaue Auswahl des zum Kunden passenden Fahrrads. Ich deute stümper- und amateurhaft an, was ich brauche und gar nicht brauche, was ich eventuell gern hätte und auf keinen Fall will, Herr Müller hört aufmerksam zu, nickt und zieht dann treffsicher die entsprechenden Fahrräder aus seiner Sammlung. Dies war die Vorauswahl. Für die Feinabstimmung erklärt mir Herr Müller die technischen Details der jeweiligen Fahrradausstattung. Ich nicke und sage „Hmhm“ und verstehe eigentlich gar nichts; aber das macht nichts, denn es ist eh eine Freude, Herrn Müller zuzuhören. Und wollte ich auf meine verbliebenen Jahrzehnte doch noch in die technische Welt des Fahrrads einsteigen, ich würde es am liebsten von Herrn Müller lernen.

Eigentlich wollte ich nur mal schnell irgendein billiges Fahrrad erstehen, das halbwegs fährt, und das mir getrost gestohlen werden kann, ohne dass es weh tut. Aber das geht jetzt nicht mehr. Irgendein Fahrrad kann man hier nicht kaufen, jedes Fahrrad ist besonders. Und es täte bei jedem Fahrrad weh, wenn es gestohlen würde. Und als ich grad noch überlege, ob es zu spät für einen Rückzieher ist, präsentiert mir Herr Müller auch schon MEIN Fahrrad, wie ich es ganz genau will und brauche: drei Gänge, nicht mehr und nicht weniger; ein Korb am Lenker für meine diversen Utensilien und mit einem Gepäckträger für die Kiste Bier; ein Lenker, der mich aufrecht sitzen lässt; eine Rückbremse, damit ich auch freihändig bremsen kann und robuste Reifen, um über die Bürgersteige zu brettern. (Das habe ich Herrn Müller so allerdings nicht gestanden). Ich kaufe.

Zur Abrundung zeigt mir Herr Müller, wie ich das Licht ein- und ausschalte und das Schloss auf- und zuschließe. Langsam macht er mir das ein paar Mal vor und erklärt mir die Handgriffe. Herr Müller ist ein guter Lehrer. Und ich bin immerhin nicht zu blöd, das Licht und das Schloss zu bedienen, und so sind wir beide zufrieden. Noch mehrmals bittet mich Herr Müller inständig darum, das Fahrrad immer, aber auch wirklich immer abzuschließen, er blickt mir dabei sehr sehr ernst in die Augen. Ich verspreche es hoch und heilig, mit einem Müllerschen Fahrrad gehe ich ganz bestimmt nicht fahrlässig um.

Ich sause auf meiner stolzen Errungenschaft in den Abendwind und denke: Wie gut, dass es Herrn Müller gibt!

Und wie schade, dass es so wenig davon gibt. Sonst wäre die Welt gewiss in einem besseren Zustand.

Julia Siebert

18/01/08

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