Seit einem Jahr ist Rainer Schlageter in Kasachstan. Mitte Oktober letzten Jahres übernahm er offiziell den Posten des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Astana. Die DAZ sprach mit ihm über seine Wochenendgestaltung in der kasachstanischen Hauptstadt, die Vergabe von deutschen Visa und die deutsche Minderheit in Kasachstan.

/Bild: FUS/

Herr Schlageter, Sie haben Slawistik studiert und waren lange Zeit in Moskau tätig – ist ihr Posten in Astana für Sie wie ein Nachhause-kommen?

Ich habe Slawistik in Heidelberg studiert. Das ist lange her, noch länger als meine Zeit in Moskau von 1981 – 1984. Es gibt viele Dinge, die einen an die damalige Zeit erinnern. Es ist zugleich aber alles neu und anders. Meine Frau und ich haben damals nie die Gelegenheit genutzt, nach Kasachstan zu fahren. Wir haben lediglich Samarkand und Buchara besucht. Almaty war für mich völlig neu und Astana, wo ich mit meiner Frau wohne, genauso.

Was haben Sie vor dem Antritt ihres Postens über Kasachstan und Astana gewusst?

Über Kasachstan schon Einiges, denn ich habe mich natürlich auf den Posten vorbereitet. Über Astana gar nichts oder – besser gesagt – nicht sehr viel! Es gab einfach nicht viele und gute Informationen, das ist inzwischen besser geworden. Eines der kleineren Probleme ist der neue Name Astana. Als ich in einem älteren Schulatlas nachschaute, gab es den Ort darin gar nicht. Dort war noch Zelinograd angegeben. Die meisten, vor allem praktischen Informationen über den neuen Posten erhält man von Kollegen, die bereits über Vor-Ort-Erfahrungen verfügen.

Wie sieht ein typisches Botschafter-Wochenende in Astana aus?

Man schläft erst einmal aus und frühstückt dann mit Zeit und Muße. Eine Zeitung ist am Frühstückstisch unbedingt dabei. Dann gibt es immer viel liegen gebliebene Privatkorrespondenz zu erledigen. Besonders wichtig ist es mir, den Kontakt zu Freunden, Bekannten und Verwandten in Deutschland aufrecht zu erhalten. Das nimmt viel Zeit ein. Ein Spaziergang ist zudem obligatorisch – auch im Winter bei minus 25 Grad in Astana. Es gibt in dieser Stadt viele nette Restaurants und Cafes, in die wir gerne einkehren.

Was essen Sie dann – Schaschlyk?

Eher selten. Ich mag gerne Lagman. Und wenn Schaschlyk, dann am liebsten aus Rind- oder Pferdefleisch.

Unternehmen Sie am Wochenende Ausflüge?

Richtig große leider noch zu wenig. Wir erkunden regelmäßig die uns noch unbekannten Teile der Stadt und eine gar nicht langweilige Alternative ist auch ein kurzer Ausflug in die Steppe.

In Astana haben Sie nur die Steppe. Sind Sie ein bisschen neidisch auf ihre Kollegen im Generalkonsulat Almaty, die am Wochenende auch in die Berge können?

Ich mag die Steppe sehr. Die unendliche Landschaft vermittelt mir ein Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit. Meine Frau zieht allerdings die Berge vor, solange sie nicht zu hoch sind. Wir sind sowohl gern in Almaty als auch in Astana.

Was sind die Schwerpunkte und Ziele Ihrer Tätigkeit?

Wie bei jedem Botschafter steht auch bei mir an erster Stelle die Festigung und Ausweitung der bilateralen Beziehungen. Ich kann hierzu beitragen durch Informationen in beide Richtungen insbesondere zu politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, durch die Begleitung und Unterstützung von Projekten und Vorhaben, zum Beispiel deutscher Unternehmen, und auch durch Initiativen und Vorschläge von Seiten der Botschaft. Wie auch meine Kolleginnen und Kollegen in der Botschaft will ich Ansprechpartner sein für Anliegen der kasachischen Seite und Lösungen von Problemen ermöglichen.

Gibt es Probleme?

Es gibt immer mal Probleme, meistens nicht ganz so große, aber auch das kommt schon mal vor. Die politischen Beziehungen sind eigentlich problemfrei, im Bereich des Handelsverkehrs und bei anderen kommerziellen Aktivitäten liegen eher Stolpersteine. Bei der Lösung dieser Fragen suchen wir natürlich neben den Gesprächen mit kasachischen Institutionen die enge Kooperation mit dem Deutschen Wirtschaftsklub in Almaty.

Das Thema Visaerteilung ist vielen deutschen Unternehmen mit kasachstanischen Geschäftspartnern ein wichtiges Anliegen. Trotz einer leichten Entspannung gibt es immer noch unzufriedene Stimmen, gerade zur Vergabe von Jahresvisa. Woran liegt das?

Bei der Vergabe eines Jahresvisums wird grundsätzlich geprüft, ob der Antragsteller regelmäßige Geschäftsbeziehungen nach Deutschland unterhält. Wird ein Jahresvisum beispielsweise nur ein- bis zweimal in Anspruch genommen, ist dies ein Grund, bei der erneuten Antragstellung nur ein kürzeres Visum zu erteilen. Wir sind in der Visavergabe auch immer an die Regularien des Schengenabkommens gebunden. Weitere Ablehnungsgründe für Antragsteller sind der begründete Verdacht, dass der Antragsteller die Absicht hat, in Deutschland zu bleiben, oder dass es in seiner persönlichen Geschichte Punkte gibt, die eine Ablehnung rechtfertigen.

Gibt es drei goldene Regeln, an die sich ein Antragsteller für ein Besuchervisum in Deutschland halten sollte?

Wir weisen immer darauf hin, dass es die Möglichkeit gibt, sich telefonisch einen Termin geben zu lassen – unbürokratisch und ganz schnell. Zweitens haben wir eine Hotline eingerichtet, die ganz genau Auskunft darüber erteilt, welche Dokumente erforderlich sind.  Die Vollständigkeit der einzureichenden Dokumente ist zudem ein wichtiges formales Kriterium – an dem jedoch viele Anträge scheitern.

Was haben Sie sich persönlich noch vorgenommen?

Mir liegt die Formung eines aktuellen Deutschlandbildes in Kasachstan sehr am Herzen. Dabei stelle ich mir die Frage, was wissen die Kasachstaner über uns? Wissen sie das Richtige über uns? Bis hin zum künftigen Interesse an Deutschland und wie man dieses fördern kann. Ein sicher sehr guter Weg ist der Austausch im Bereich Kultur und Bildung. Mustergültiges Beispiel, initiiert von kasachischer Seite, ist das Bolaschak-Programm. Die Frage, die ich mir beispielsweise stelle, ist, ob man die Anzahl der Bolaschak-Stipendiaten in Deutschland noch erhöhen kann.

Wie sieht das Deutschlandbild der Kasachstaner aus?

Das Bild ist sicher sehr positiv, vielfach aber auch veraltet. Die Programme des Goethe-Instituts, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und Initiativen, die vor allem jungen Leuten unser Land nahe bringen, sind sehr wichtig. Die Deutsche Allgemeine Zeitung hat da auch ihren Platz und ihre Aufgaben.

Sie lesen also die DAZ?

Ja, ich lese sie und meine Frau auch.

Inwiefern beschäftigen Sie sich mit der deutschen Minderheit Kasachstans?

Die Betreuung der deutschen Minderheit ist mir sehr wichtig. Ich reise dafür viel und war bereits in Karaganda, Kokschetau und Ust-Kamenogorsk bei den „Wiedergeburten“ zu Gast. Dabei lerne ich auch die Unterschiede zwischen den Ballungsräumen und den eher ländlichen Gebieten und Kleinstädten besser einzuschätzen.

Wie deutsch sind für Sie die Kasachstandeutschen?

Das ist sicherlich sehr unterschiedlich. Die Jahrestagung, bei der auch der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen Christoph Bergner zu Gast war, hat mir einen guten Eindruck verschafft. Es gibt viele, die deutsche Traditionen lieben und leben. Andererseits hat mich überrascht, dass die Jahrestagung in russischer Sprache abgehalten wurde. Angesichts der Geschichte der deutschen Minderheit, in der es phasenweise verboten war, Deutsch als Sprache zu benutzen, ist die Zahl derer, die Deutsch als Sprache pflegen und sprechen, wiederum sehr groß.

Warum unterstützt die Bundesrepublik die deutsche Minderheit in Kasachstan?

Sicher steht im Vordergrund, den Deutschen im Lande eine Perspektive neben der Möglichkeit der Ausreise nach Deutschland zu geben. Das gilt vor allem für jene, die weniger gut Deutsch können beziehungsweise über Berufsabschlüsse verfügen, die in Deutschland nicht anerkannt sind. Das soziale Umfeld der Kasachstandeutschen hier vor Ort zu stärken und so zu formen, dass die Menschen die Alternative des Bleibens erkennen und annehmen, ist deshalb eine wichtige Aufgabe.

Wie lange wird die Unterstützung noch andauern?

Die Entscheidung liegt beim Bundesministerium des Innern,  bei der Bundesregierung und letztlich auch bei der kasachischen Politik, die ihrerseits Signale dafür aussendet, wie lange sie die Unterstützung für die deutsche Minderheit auf kasachischem Territorium noch wünscht. Es wird sicher immer wieder neu beurteilt werden, ob der Bedarf noch da ist. Es geht da auch um die Frage eines Generationswechsels innerhalb der Minderheit und darum, wie eine neue Generation von Deutschen in Kasachstan diese Unterstützung sieht.

Welchen Stellenwert hat die Deutsch-Kasachische Universität (DKU) in der Beziehung beider Länder?

Das ist ein sehr wichtiges Projekt in der Bildungszusammenarbeit und trägt zur Festigung der bilateralen Beziehungen bei. An der DKU wird fachliches Wissen vermittelt, aber darüber hinaus ist sie natürlich auch eine Begegnungsstätte, ein Ort auch des Informationsaustauschs, des kulturellen Austauschs. Und sie beweist auch unser Interesse an einer möglichst breiten Zusammenarbeit mit Kasachstan. Bundespräsident Horst Köhler wird bei seinem Besuch in Astana und Almaty Anfang September dieses Jahres sicherlich auch an der DKU zu Gast sein.

Können Sie Kasachstan mit drei Worten beschreiben?

Groß, interessant, lebenswert. Das Land ist groß – fast zu groß, jedenfalls wenn man reist und nicht viel Zeit hat. Kasachstan ist ein interessantes Land – politisch, wirtschaftlich und in vielen anderen Bereichen in für die Zukunft entscheidenden Phasen. Ein lebenswertes Land – mir gefallen die Unterschiede zwischen Steppe und Bergen, zwischen Winter und Sommer, zwischen Tradition und Moderne. Hier lässt es sich besser leben, als viele in Deutschland glauben.

Das Interview führte Ulf Seegers.

25/07/08

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