Der Wiesbadener Künstler und Autor Roman R. Eichhorn erzählt in seiner Familiengeschichte-Reihe darüber, was alte Fotografien preisgeben. In seinen Erinnerungen, die sich anhand von alten Fotografien verfolgen lassen, taucht der 1948 in Kasachstan geborene Eichhorn in Zeit und Raum ein und schafft aus einzelnen Bildimpressionen ein historisches Mosaikbild, das Familiengeschichten zusammenfügt und sich somit in die wechselvolle und ereignisreiche Gesamtgeschichte der Russlanddeutschen einreiht. Neben der neunteiligen Serie „Fragmente aus der Familiengeschichte“ gehören weitere Bilder zu der Familiengeschichte-Reihe.

Seit dem frühen Morgen herrschte im Haus eine feierliche und gehobene Stimmung. Konzentriert, fast andächtig und sich leise unterhaltend, überprüften meine Eltern eingehend ihr einziges Festtagsgewand. Sie säuberten es und brachten es in Ordnung. Das Licht der Petroleumlampe warf wandernde Schatten an die Wände: Mal näherten sie sich, wuchsen zu gigantischer Größe und füllten den ganzen Raum, mal entfernten sie sich.

Roman R. Eichhorn
Jäger im Schnee. | Bild: Roman R. Eichhorn

Darin lag etwas Geheimnisvolles und Aufregendes. Beim Gehen knarrten Vaters Stiefel. Ein Kalb, das man für den Winter in die Wohnung geholt hatte, hob den Kopf und verfolgte das Geschehen. Seine Augen, in denen sich das Licht der Lampe im Halbdunkel spiegelte, flackerten ängstlich. Als ich, der damals Fünfjährige, angewiesen wurde, ein frisches Hemd anzuziehen, begriff ich endgültig: Wir gehen irgendwohin, und dort erwartet uns etwas außergewöhnlich Interessantes und für mich völlig Neues.

Dazu muss noch gesagt werden, dass nach reichlichem Schneesturm alle Häuser in unserem Dorf vollständig unter einer Schneedecke verborgen lagen. Ein Eingang wurde gesucht und der Schnee weggeschaufelt – das Ergebnis ähnelte einer Höhle. Dieser höhlenartige Raum wurde mit großen Blöcken aus Schnee befestigt und mit Stroh und dicken Zweigen abgedeckt. Eine Tür wurde eingebaut. Über Stufen aus gestampftem Schnee konnte man nach oben gelangen. Nichts außer Schneewehen über den Häusern war zu sehen – eine weiße Wüste, die bis zum milchigen Horizont erstreckte. Aus den Schornsteinen strömte Rauch – weiß und blau. Der Schnee funkelte, knirschte unter den Füßen, die Sonne blendete…

Beim Fotografen Litke („Wir gehen heute zum Fotografieren zu Litke“, hieß es damals) traf ich meine Cousins und Cousinen. Ihre Eltern sprachen mit wichtigen Blicken leise miteinander. Ein großer Fotoapparat stand auf drei Beinen in der Mitte eines großen Zimmers. Hinter ihm hantierte unter einem großen schwarzen Tuch der kleine, dicke Litke. Wir waren gekommen, um uns fotografieren zu lassen!

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Ich gründete meine eigene Familie, bekam Kinder. Wir lebten in einer großen Stadt. Bei einem meiner Besuche bei den Eltern fielen mir die alten Fotografien auf, die wir damals in der Kindheit an jenem verschneiten Wintertag gemacht hatten. So begann ich, alte Fotoalben durchzuschauen, bei Eltern und Verwandten in Schubladen und auf Dachböden zu stöbern.

In Alben oder auch einfach in Zeitungspapier eingewickelt fand ich qualitativ großartige Familienbilder. Und dies dank der Tatsache, dass in jener fernen Zeit in den unendlichen Steppen Kasachstans ein Fotograf alter Schule lebte, der ebenso zu den hierher verbannten Deutschen zählte, wie alle übrigen Einwohner unseres kleinen Dorfes. Feierlich und würdevoll saßen und standen einzeln, in Paaren oder kleinen Gruppen Kinder und Erwachsene – sie schauten mich ernsthaft und zuversichtlich an. Hier war die Zeit stehen geblieben.

Wirbelsturm. | Bild: Roman R. Eichhorn

In meiner neunteiligen Serie, die ich „Fragmente aus der Familiengeschichte“ genannt habe, tauche ich in die Tiefe von Raum und Zeit ein, um die Würde, die Ernsthaftigkeit, die Zuversicht und den Anstand meiner Landsleute wiederzugeben. Der ockerbraune Ton der Bilder ist die Farbe der alten vergilbten Fotografien. Vielleicht waren es gerade diese Fotos, die meine Vorfahren in ihrem entbehrungsreichen Leben unter strenger Überwachung aufrechterhalten haben. Und dann ließ mich auch dieses unterschwellige Gefühl nicht los, dass sie sich für uns, ihre Nachkommen, haben fotografieren lassen. Sie haben uns, den nachfolgenden Generationen, einen Gruß aus Kasachstan übermittelt.

Diese Botschaft (Triptychon „Gruß aus Kasachstan“) sollte attraktiv sein. Kasachstan wurde als blühendes Tal, als Oase, als Paradies auf Erden mit einem großen (Papier-)blumenstrauß dargestellt. Mann und Frau neben dem „Baum des Lebens“. Ein ewiges und für jede Generation immer neues Thema: Eine Familie wird gegründet, Kinder kommen zur Welt, tägliche Feldarbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und zu Hause singt man Lieblingslieder – traurige und übermütige, auf den breiten Dorfstraßen sagen Kinder beim Spiel inzwischen vergessene Abzählreime auf. Im Winter schlafen sie sich unter einer dicken Schneedecke in ihren schneeverwehten Häusern aus. Zu Silvester schmücken alle zusammen den Tannenbaum, hängen Süßigkeiten daran, basteln Schmuck aus Papier: Sterne und Girlanden. Alles in allem ein einfaches Leben unter Aufsicht des „Allmächtigen“.

Für die gesammelten Fotografien begann ich kleine Rahmen zu basteln. An der Wand entstand eine ganze Sammlung, eine Art „Chronik“. Diese Sammlung begleitete mich stets in meinem Nomadenleben. Eine Vielzahl solcher Fotos hing in unserem Esszimmer. Ein Teil der Stube, abgeteilt mit einem selbstgebauten Schrank, diente als Kinderzimmer mit Fenster. Auf der anderen Seite des Schranks, im Teil ohne Fenster, befand sich das Esszimmer – ein schrankartiges Zimmer mit der Decke auf den Schultern, gerade mal anderthalb Meter breit und zwei Meter lang. Als Fenster zur Welt diente eine kleine, gerahmte Reproduktion des Bildes „Jäger im Schnee. Winter“ von Pieter Bruegel d. Ä.

Eine Wahrnehmung der Welt, die sich seit der frühesten Kindheit bewahrt hat: Endlose Weiten, die Himmelskuppel über dem Kopf, das Knirschen des Schnees unter den Füßen. Mit solchen Empfindungen kann man selbst in den engsten Räumen leben – diese Entdeckung machte ich unerwartet und in einem anderen Zusammenhang, und sie fand ihren Niederschlag in meinem Bild mit demselben Titel wie bei Bruegel. In einem Zimmer mit dem blauen Himmel als Decke trinken wir zwei Tee, hinter dem Fenster ist Winter. Jäger, vielleicht jemand von meinen Vorfahren, kehren nach Hause zurück. In unserem Zimmer ist es warm und gemütlich, an der Wand hängen gerahmte Familienfotos. Jedes davon steht für ein Ereignis, eine Etappe in unserem Leben.

Anlass eines dieser festlichen Momente, den ich auf dem Bild „Momentum“ festgehalten habe, war der Geburtstag meines Vaters. Viele Verwandte waren zum Familienfest zusammengekommen. Lange war man damit beschäftigt, sich vor der Kamera aufzubauen. Endlich hatte der Fotograf die gesamte Gruppe im Blick, drückte auf den Auslöser – und schon war die Zeit für einen Augenblick stehen geblieben.

Da beginnt man zu begreifen, warum meine Eltern auf diesen alten Fotografien immer so ernsthaft schauten. Es ist die Verantwortung, den Nachkommen sein Abbild zu hinterlassen. Es geht um Pflicht und Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Vorfahren, sich als würdiges Glied des Stammbaums zu zeigen. Familienfotos gliedern die Generationen in eine gemeinsame Kette ein. „Wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir?“ – diese Fragen stellt sich die Menschheit seit Urzeiten. Momente des Lebens, festgehalten für die kommenden Generationen und die Ewigkeit, stehen für die Wurzeln, die es zu bewahren gilt.

Roman R. Eichhorn

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