Gemeinsam mit Studenten und Naturschützern besuchte der Träger des „Alternativen Nobelpreises“, Professor Succow, den bei Almaty gelegenen Nationalpark Ile-Alatau. Tourismusexpertin Dagmar Schreiber hat ihre Eindrücke von der Exkursion zusammengefasst.

Ich war mal wieder oben auf dem Kok-Shailau. Es ist immer wunderbar dort, aber dieses Mal war es etwas Besonderes. Der Grund für den Ausflug: Ausnahmsweise mal keine akute Stadtflucht und keine Aktion zur Rettung des Nationalparks vor der Verpistung durch ein Skigebiet, sondern eine biologische Exkursion mit einer Berühmtheit. Professor Michael Succow, weltweit anerkannter Geobotaniker, Agrarwissenschaftler und Ökologe, Leiter des von ihm geschaffenen Studienganges „Landschaftsökologie und Naturschutz“ an der Universität Greifswald, war mit einer großen Gruppe von Wissenschaftlern und Studenten seiner Uni unterwegs, um im Ile-Delta, am Balchasch-See und in den Bergen des Tienschan ein ausgiebiges Feldpraktikum zu absolvieren. Mit uns unterwegs waren der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Almaty, Michael Grau, und einige Vertreter der Umweltschutz-Organisation „Green Salvation“.

Dass der Träger des alternativen Nobelpreises sich ausgerechnet das idyllische Plateau Kok-Shailau ausgesucht hatte, war kein Zufall. Schon im vorigen Jahr hatte Professor Succow sich gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Naturschutzbunds Deutschland (NABU), Thomas Tennhardt, in einem offenen Brief an Präsident Nursultan Nasarbajew gewandt und angeboten, Kasachstan bei der Ausweisung des Nationalparks Ile-Alatau als UNESCO-Weltnaturerbe zu unterstützen.

Freilich müssten dafür die Pläne, den Park zum Skigebiet auszubauen, ad acta gelegt werden. Profilierung und Planierung der Hänge sowie Baumfällungen für rasanten Freizeitspaß einerseits und Naturschutz andererseits – das geht nicht zusammen. Und Naturschutz ist Michael Succows Passion. Schon 1990 hatte er, damals stellvertretender Umweltminister der letzten DDR-Regierung, in einem sensationellen Verfahren große, relativ unberührte Gebiete der DDR als Naturschutzgebiete in den deutschen Einigungsvertrag eingebracht. Und so kann sich heute der Osten Deutschlands rühmen, einen Schatz zu besitzen: ein dichtes Netz an Nationalparks und Biosphärenreservaten, die sieben Prozent der Landesfläche ausmachen. Für diese Aktion wurde Michael Succow 1997 mit dem „Right Livelihood Award”, dem sogenannten Alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld gründete er im gleichen Jahr die „Michael-Succow-Stiftung”. Erklärtes Ziel der Stiftung ist, „auf die Natur aufmerksam zu machen, sie in ihrer Großartigkeit, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Verletzlichkeit zu begreifen – dieses stärker in unser Bewusstsein zu rücken (…) Denn der Schutz der Natur ist kein Luxus, sondern eine der bedeutendsten Sozialleistungen für den Fortbestand der menschlichen Gesellschaft.“

Spuren von Weißrussland bis Kamtschatka

In vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion hinterließ Professor Michael Succow seine Spuren. Er initiierte zahlreiche Naturschutzgroßprojekte: UNSECO-Weltnaturerbegebiete in Russland (Kamtschatka, Lena-Delta, Karelien), Biosphärenreservate der UNESCO in Kirgistan und Usbekistan, Nationalparks in Georgien, Aserbaidschan, Russland und Weißrussland.

Auch in Kasachstan gab der Professor dem Naturschutz mächtige Impulse. Seine unermüdliche Arbeit wurde 2008 von Erfolg gekrönt: Mit dem Gebiet „Sary Arka”, welches die Naturschutzgebiete Naursum und Tengis-Korgalschyn umfasst, wurde Kasachstans erstes UNESCO-Weltnaturerbe ausgewiesen. Dieser Status und ein wirklich gelungenes interaktives Besucherzentrum könnten in der Zukunft immer mehr Besucher aus dem benachbarten Astana, ganz Kasachstan und anderen Ländern anziehen. Hier könnte man beispielhaften Ökotourismus betreiben. Auch der Ile-Alatau-Nationalpark mit seinem Herzstück Kok-Shailau könnten von einer derartigen Statusaufwertung profitieren. Der heute praktizierte wilde Wochenendtourismus in den stadtnahen Gebieten könnte unter einem qualifizierten Management in einen sanften, nichtsdestotrotz interessanten und vielfältigen Bildungs- und Aktivtourismus hinüberwachsen, der einerseits Arbeitsplätze schafft, andererseits den stressgeplagten Großstädtern mehr bietet, als das heutige Picknick-Einerlei.

Keine der üblichen Picknick-Spuren fanden wir am Sonntag auf dem Kok-Shailau. Wie immer empfingen uns Stille, das freundliche „Sdrawstwuitje“ der anderen Wanderer und, der Jahreszeit entsprechend, ein unglaubliches Grünen und Blühen. Michael Succow erklärte allen mit sichtlicher Freude das Ökosystem des sanft ansteigenden Plateaus. Die Wildobststufe, die Laubwaldstufe, die Nadelwaldstufe, die Alpinstufe … Auf einer der üppigen Wiesen plötzlich ein seltsames, sich wiederholendes Geräusch, eigenartig schnarrend, sehr laut. „Crex-crex!“ – Der Wachtelkönig! Dieser Wiesenvogel ist in Deutschland fast ausgestorben, hier hörten wir ihn an drei Stellen binnen einer Stunde. Unübersehbar das Glück unseres Gastes, der, ungeachtet seiner 72 Jahre, mit uns bis in die Nadelwaldstufe vorgedrungen war.
An dieses Bild werden alle Teilnehmer der Exkursion noch lange denken: Ihr Professor, allein und völlig versunken mitten auf einer großen Wiese sitzend, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht.

Hoffentlich wird der Wachtelkönig noch lange hier oben zu Hause sein.

Der „Alternative Nobelpreis“

Der Right Livelihood Award (englisch etwa Preis für die richtige Lebensweise), besser bekannt als Alternativer Nobelpreis, wird seit 1980 vergeben. Das Preisgeld beträgt 50.000 Dollar und soll die Arbeit der Preisträger unterstützen. Der Preis ist im Gegensatz zum Nobelpreis nicht an bestimmte Kategorien geknüpft und wird häufig für Verdienste in den Bereichen Menschenrechte, Frieden, Konfliktlösung, die Rechte von Minderheiten, kulturelle und spirituelle Erneuerung, Schutz der Umwelt und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen vergeben.

Von Dagmar Schreiber

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