Es gibt wissenschaftliche Abhandlungen, politische Debatten, philosophische Diskurse und praxisorientierte Trainings, um das interkulturelle Miteinander möglich zu machen – das ist dringend notwendig. Manchmal aber auch nicht. Manchmal ist es butterleicht.

Ich habe zuletzt an drei transnationalen Treffen teilgenommen. Ich hatte mir schon die Hände gerieben, weil ich dachte, ich könne ganz sicher zig Aspekte und ein paar Beiträge für meine Kolumne daraus ziehen, weil ja immer interessante Dinge passieren, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen aufeinandertreffen. Aber es passierte nichts. Gar nichts. Also, es war schön, allesamt tolle Treffen in guter Atmosphäre. So vertraut, als ob wir uns alle schon Ewigkeiten kennen würden. Nur gab es nichts zum Wundern und Staunen. Es kamen zusammen: ein Finne, eine Bulgarin, zwei Schweden, eine Dänin, ein Belgier, eine Französin, eine Handvoll Deutsche, ein Zypriot, eine Rumänin, ein Niederländer, eine Österreicherin, ein Litauer. Wir plauderten, arbeiteten, lachten, tranken, lösten Probleme – zwei Tage lang, auf Anhieb, ohne Federlesens, Barrieren oder Trainings. In den anderen Treffen verlief es genauso. Na also, geht doch!

Es ist natürlich eine Frage der Bildung, Sozialisierung, Arbeits- und Lebenskontexte, ob, wann, wie und wo interkulturelle Begegnungen als Problem wahrgenommen werden oder nicht. Wenn man quasi fast nix anderes macht, als über Grenzen hinweg zu arbeiten, dann hat man seine Erfahrungen schon weg und etliche Reflexionsprozesse durchlaufen. Und wenn man weiß, dass man für 72 Stunden mit anderen Kulturen zusammentreffen wird, um gemeinsam ganz konkrete Fragestellungen zu bearbeiten, ist das auch noch mal etwas anderes, als wenn ältere Damen sich bis zum Ende ihrer Tage in einem Stadtteil bewegen und fürchten müssen, dass der ihnen zunehmend unvertrauter und unheimlicher vorkommt. Bei nachlassender Geh- und Sehstärke können einem andere Menschen schon mal fremd und unberechenbar vorkommen. Wenn sich Menschen fürchten, braucht das Verständnis, Maßnahmen und eine besondere Ansprache und Öffentlichkeitsarbeit. Da will ich nicht faul sein, und es ist schließlich mein Job, den ich gern erledige.

Aber es war doch extrem schön, erholsam und erfrischend, „das Andere und das Gemeinsame“ nicht explizit thematisieren und reflektieren zu müssen, sondern sich einfach zu treffen, Hallo zu sagen und dann Zeit miteinander zu verbringen. Ich lechze nach mehr davon und überlege, wo und wie so etwas zu finden ist; ob ich nach bestimmten Konferenzen suchen muss oder: Sehen Sie, und nun reflektiere ich mir doch wieder einen Wolf, nur mit umgekehrten Vorzeichen, anstatt mich einfach an dem Erlebnis zu erfreuen. Um wieder mit zu viel Strategie, Konzept und Erwartungen das Lockere im Keim zu ersticken. Vielleicht ist eben das Erfolgsrezept, nicht nach einem Erfolgsrezept zu suchen, sondern: Hingehen, aufeinander zugehen, aufeinander eingehen, wieder auseinandergehen, nach Hause gehen. Und wieder von vorn. Zufallsgesteuert. Dies werde ich von nun an trainieren und nenne mein neues Trainingskonzept: Begegnung ganz ohne Reflexion.

Julia Siebert

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