Wir integrieren Migranten in den Arbeitsmarkt, was das Zeug hält. Doch man kann machen, was man will, irgendwer fühlt sich immer ausgeschlossen. Arbeitet man mit den Migrantenvereinen Ernie und Bert zusammen, fühlen sich die Vereine Hin und Kunz ausgeschlossen. Stürzt man sich auf die Zielgruppe der Jugendlichen, wer kümmert sich dann währenddessen um die über 25-jährigen?

Die alevitischen Gruppen möchten nicht mit den muslimischen an einem Tisch sitzen, und übersetzt man die amtlichen Texte ins Türkische, Russische, Italienische und Spanische, beschweren sich die Koreaner, Marokkaner und Kurden. Damit muss man leben. Doch nun beschweren sich die Fleischer!

Zuletzt wurde eine Imagekampagne gestartet, um auf die Migranten hinzuweisen, die ohne Anerkennung ihrer Berufsqualifikation in schlecht bezahlten Aushilfsjobs landen. „Chirurgen werden Fleischer“ lautet der Slogan eines Plakats, auf dem ein schwarzer Mann inmitten von halben Kühen zu erkennen ist. Das gab weitreichende Beschwerden der Fleischerinnung auf höchster Ebene. Dadurch würde man zum Ausdruck bringen, dass das Fleischerhandwerk kein ernst zu nehmendes Gewerbe sei, für das keine Fachkenntnisse erforderlich seien.

Diese Kampagne müsse dringend gestoppt werden! Nanu. Die Fleischer sollen natürlich auf keinen Fall degradiert werden. Aber bei allem Verständnis für die gekränkten Fleischer bleibt doch die Tatsache, dass viele Migranten in Berufen landen, wo sie eigentlich gar nicht hingehören. Auch in Kursen finden sich manche Kuriositäten. So wird von einer Brasilianerin berichtet, die derzeit an ihrer Dissertation arbeitet und zur Weiterbildung in einen Alphabetisierungskurs gesteckt wurde. Wie um Himmels Willen sie dort hineingeraten ist, bleibt schleierhaft.

Es sollen auch nicht die Ansprechpartner in den Agenturen für Arbeit und ARGEn verteufelt werden, die ihr Bestes tun, maßlos überfordert sind und auf deren Schultern die 40 Jahre Versäumnisse in der Integrationsarbeit ausgetragen werden. Das Thema muss schleunigst auf die obersten Ebenen der Politik, damit entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Lange Zeit hat sich die Politik gegen das Thema gesträubt und gewehrt, Nein, das sei doch nicht so wichtig, allenfalls ein Randthema, jedoch keine Priorität.

Bis dann eines Tages ein Staatssekretär an einen Taxifahrer geriet, der eigentlich promovierter Akademiker ist. Sie kamen ins Gespräch, der Staatssekretär hatte erst Sympathie für seinen Taxifahrer, schließlich Mitleid, so dass er aus persönlicher Betroffenheit mit neu entdecktem Handlungsbedarf aus dem Taxi sprang. Und prompt das Thema auf die Tagesordnung setzte. Na, also!

Jetzt braucht es allerdings einen Staatssekretär, der sein Herz für die unterschätzten Fleischer entdeckt. Aber auf diese Weise geht uns die Arbeit nie aus. Wenn alle Migranten komplett integriert sind, kümmern wir uns eben um die Randgruppe der Obstbaumbeschneider (Verzeihung: Obstbaumbeschneider/innen; wir wollen ja nicht die Damen unter dieser Gruppe ausgrenzen), die sicherlich auch allen Grund haben oder finden, sich diskriminiert zu fühlen.

Julia Siebert

01/01/10