„25 und noch nicht verheiratet? Da bist du aber ganz schön spät dran.“ Frauen wie Männer bekommen diesen Satz in Kasachstan oft zu hören. Wie in allen postsowjetischen Ländern heiratet man hier eher früher als später, um bestenfalls kurz nach der Hochzeit schon das erste Kind in die Welt zu setzen. Leider scheint es für viele Frauen auch immer noch das wichtigste Lebensziel zu sein, diese gesellschaftliche Erwartungshaltung zu erfüllen.

Für viele Europäerinnen wie Europäer ist es hingegen ganz normal, erst einmal zu studieren und eine Weile zu arbeiten, bevor man sich mit der Familienplanung beschäftigt. In Kasachstan wird dieser Fakt mit Erstaunen aufgenommen – im liberalen Europa scheint alles möglich zu sein. Ist man in Kasachstan hingegen bereits mehr als sechs Monate mit einem Partner zusammen und mit diesem noch nicht verheiratet, löst das vielleicht sogar noch mehr Verwunderung aus als mit Mitte 20 einfach nur Single zu sein. „Das ist aber seltsam, irgendwas stimmt doch da bei euch nicht“, wird denjenigen entgegnet.

Mehrfach löste mein Alter auch schon die Diskussion aus, ob ich dann nicht eigentlich schon zu alt wäre oder vielleicht doch noch zur Jugend gehöre. Natürlich trifft dieses Verhalten nicht auf alle Kasachstaner zu. Besonders in den Metropolen Almaty und Astana haben viele ein entspannteres Verhältnis zu Ehe und Kindern. Diese gehören aber oft zu einer gesellschaftlichen Schicht mit höherer Bildung und Auslandserfahrung.

In Europa hat es Jahrhunderte gedauert, bis dank der feministischen Bewegung ein Umdenken in der Gesellschaft einsetzte, nach dem auch Frauen ein Recht auf Karriere haben und vielleicht gar keine Familie gründen wollen. Aber selbst dort ist das noch nicht bei allen angekommen. Kasachstan wird ebenfalls noch seine Zeit brauchen.

Othmara Glas lebte von Mai bis August in Almaty und arbeitet als Journalistin für die DAZ.

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