Ich bin im Karnevalsfieber, und alle Welt fiebert mit. Mich erreichen Grüße und Wünsche aus Wladiwostok und Washington, und sogar meine Auftraggeber haben Verständnis.

Dass es immer mehr Verständnis für immer weniger Arbeitswut gibt und man eher für die gelungene Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Work-Life-Balance und Entschleunigung Medaillen gewinnen kann als für einen Sack voll Überstunden, ist prima. Und letztlich kommt es auch der Volkswirtschaft zugute. Gesunde und zufriedene Menschen sind erwiesenermaßen produktiver. Jetzt sind Karnevalisten bekanntlich sehr fröhlich, und der Karneval kurbelt auch die Volkswirtschaft an, schließlich wird immens viel Geld für Kostüme und Utensilien, Bier und Pommes, Wurfmaterial und Hotelübernachtungen ausgegeben. Einerseits.

Auf der anderen Seite fallen viele schlaue und starke Arbeitskräfte tage- oder wochenlang aus. In den fünf Tagen vor den jecken Tagen sind echte Narren für nix zu gebrauchen, weil sie sich nur noch dafür interessieren, als was sie sich kostümieren. Dann folgen sechs Tage Dauerrausch, um anschließend sieben Tage mit Grippe im Bett zu liegen. Wenn ich ein großes Unternehmen führen würde, würde ich mit einem entsprechenden Assessment-Verfahren dafür Sorge tragen, dass die Karnevalisten einen Beschäftigtenanteil von 11% nicht übersteigen, damit der Laden im Februar nicht komplett lahm liegt.

Und für uns Selbständige ist es ohnehin ein Wagnis, für eine längere Zeit nicht erreichbar oder einsatzfähig zu sein. Zwar sehen andere durchaus ein, dass auch Selbständige ihre Auszeit brauchen, doch mit vollstem Verständnis beauftragen sie dann ganz einfach andere Selbständige, die sich keine Auszeit gegönnt haben. Mit zunehmender Reife, abnehmender Fitness und wachsender Etablierung gestehe ich mir zwar immer öfter zu, auch mal krank sein oder in Urlaub fahren zu dürfen. Aber ich bin noch weit davon entfernt zu sagen: „Tut mir leid, ich hab Karnevalsfieber und muss diesen lukrativen Auftrag leider links liegen lassen, weil ich ganz dringend auf dem Tisch tanzen, verschwenderisch mit Küssen und Kamellen um mich schmeißen, 60 Kölsch trinken, wildfremde Menschen aus dem Stegreif umarmen, primitive Liedtexte mitgrölen und eine Polonaise anführen muss.“

Eher versuche ich, die Fristen und Termine so zu legen, dass beides irgendwie geht. Es geht. Wer erfolgreich sein und Geld verdienen will, der soll auch arbeiten und auf manche der heiteren Sperenzchen verzichten. So streng sehe ich das. So streng sehen das andere längst nicht. Zuletzt fragte mich einer meiner Auftraggeber, wie es mir gehe. Entkodiert heißt das: Sind sie bereit, einen Auftrag anzunehmen? Im Eifer des Gefechts ist mir herausgerutscht: „Danke, mir geht’s gut, ich freue mich schon sehr auf Karneval und fange heute schon mal mit dem Feiern an!“ Im selben Atemzuge dachte ich: Oh je! Im nächsten Atemzug sagte mein Auftraggeber: „Oh je!“ Ich dachte wiederum: Oh je, ein Anti-Karnevalist! Ein dreifaches Oh je! Ich bekam den Auftrag trotzdem, und der Karneval gehört nun sogar zum festen Bestandteil unserer Korrespondenz und Planung. Wenn mich mein Auftraggeber kontaktiert, sagt er, dass er mich nur sehr ungern bei meinen Karnevalsvorbereitungen bzw. beim Feiern störe, erkundigt sich nach meinem Kostüm und gibt mir sachdienliche Hinweise, welche Angelegenheiten auch bis nach Karneval Zeit haben. Na bitte, Karnevalsfieber ist genauso legitim wie Grippe oder Urlaub. Macht aber mehr Spaß, Alaaf!

Julia Siebert

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