In den letzten Tagen veröffentlichten zwei renommierte internationale Organisationen vergleichende Studien, in denen Kasachstan auf unerwartet guten Plätzen landete. Die Studie der Weltbank „Doing Business“ untersucht die Unternehmensfreundlichkeit der Politik in 183 Ländern der Welt. Hier nimmt Kasachstan Position 63 ein, einen Platz im oberen Mittelfeld. Damit ist eine Verbesserung um sieben Plätze im Vergleich zum Vorjahr erfolgt. Möglich wurde das infolge der Durchführung von 287 Teilreformen im Zeitraum Juni 2008 bis Mai 2009.

Damit hat die Reformfreudigkeit der kasachstanischen Politik gemessen an der Anzahl von Reformdokumenten gegenüber dem entsprechenden Zeitraum im Vorjahr um 20 Prozent zugenommen. Es ist anzunehmen, dass der durch die Krise ausgelöste Druck auf dieses offensive Reformverhalten eingewirkt hat. Zwischen den einzelnen Unterpositionen des Gesamtratings, z. B. Vertragssicherheit (Platz 34), Erteilen von Baugenehmigungen (Platz 143), Steuerbelastung (Platz 52) oder Registrierung von Eigentum (Platz 31) besteht eine große Differenzierung, die auf weitere Möglichkeiten einer Verbesserung einer Gesamtbewertung des Geschäftsklimas in Kasachstan hinweist.

Zudem wird jeder Geschäftsmann über Mängel wie bürokratische Prozeduren, überzogene Unternehmenskontrollen und ausgedehnte Einflüsse persönlicher Beziehungen berichten können. Diese Mängel sind nicht zu bestreiten, aber auch der Fortschritt in einer ganzen Reihe von Teilfragen ebenfalls nicht wie z. B. die Erleichterung der Erteilung von Geschäftsvisa. Die anderen postsowjetischen Republiken nehmen im Gesamtrating folgende Plätze ein: Georgien – 11; Estland – 24; Litauen – 26; Lettland – 27; Kirgisistan – 41; Armenien – 43; Belarus – 58; Moldau – 94; Russland – 120; Ukraine – 142; Usbekistan – 150 und Tadschikistan – 152.

Die zweite vergleichende Untersuchung stammt von der Spezialorganisation der UNO zur Entwicklung der Lebensqualität der Menschen. In dieser Kennziffer sollte sich der gesamte Fortschritt der Wirtschaft und der Politik ausdrücken.

Astana dürfte vor diesem Bericht Angst gehabt haben, schließlich geht die Lösung vieler Probleme in den Bereichen der menschlichen Lebensqualität oft nur schleppend voran. Wenige Tage vor der Veröffentlichung hat der höchste Politiker des Landes darauf verwiesen, dass es neben der menschlichen Entwicklung ja auch noch die Wirtschaft und die Umweltfragen gebe, man sich also nicht zu sehr auf Lebensalter, Gesundheitszustand, Bildungschancen, Kriminalitätsrate und kulturelle Leistungen konzentrieren solle. Diese Betrachtungsweise unterstellt jedoch einen gewissen Selbstzweck der Wirtschaft, den es so aber nun mal nicht geben sollte.

Man konnte der großen kasachstanischen Politik aber die Überraschung und Freude anmerken, als Platz 82 von den 182 untersuchten Staaten herauskam. Das Ergebnis war somit besser als gedacht und die Befürchtungen im Vorfeld unbegründet. Zwar hatte Kasachstan im vergangenen Jahr Platz 73 (von 177 Staaten) belegt, damals aber „nur“ eine Bewertung als „Land mit mittlerem Entwicklungspotential“ bekommen. Der diesjährige 82. Platz ist mit der Einstufung in die Kategorie „Land mit hohem menschlichen Entwicklungspotential“ verbunden. Zwar nimmt man in dieser Gruppe nur den vorletzten Platz ein, doch das ist wohl eher Ansporn. Auch hier ist die Positionierung in den Einzelkriterien ziemlich unterschiedlich.

Angemerkt werden soll, dass beide Bewertungen vordergründig quantitative Vergleiche sind, die auf der Grundlage der von den jeweiligen Ländern gelieferten statistischen Daten erfolgen. Eine Überprüfung dieser Daten durch die genannten Organisationen findet nicht statt. Man verlässt sich auf ihre Richtigkeit, da ja gleiche methodische Grundlagen ihrer Erarbeitung vereinbart wurden.

Wesentlicher als eventuelle Aufrundungen von Daten scheinen mir die Differenzen zwischen Quantität und Qualität zu sein. So wird z. B. viel Erdöl gefördert, aber die Benzinversorgung im Lande ist problematisch. Die Getreideernten fallen oft nicht schlecht aus, doch infolge unzureichender Trocken- und Lagerkapazitäten gibt es sehr hohe Verluste. Ähnliches gilt bei der Stromerzeugung und anderen wirtschaftlichen Kennziffern, denen man sich rühmt. Insgesamt gesagt: Von der wirtschaftlichen Leistung kommt zu wenig beim einfachen Menschen an. Insofern sind die beiden guten Plätze kein Hinweis auf Ausruhenkönnen.

Bodo Lochmann

16/10/09

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