Eigentlich tut Kolumnistin Julia Siebert alles, um andere Leute nicht zu belästigen. Doch dann bietet ihr eine Freundin kurz vor einer Reise stark knoblauchgewürzte Speisen an, wodurch ihr die Fahrt wie ein Spießrutenlauf erscheint.

Ich belästige nicht gern andere Leute. Darin bin ich ein wenig zwanghaft und führe ein eher unentspanntes Leben. Im Kino, in Konzerten und Verkehrsmitteln sitze ich immer stocksteif, mucksmäuschenstill und mit angehaltenem Atem da, meine Waffen zur Bekämpfung des Hustenreizes so platziert, dass es beim Reingreifen nicht raschelt oder knistert. Meine Geräte sind in der Bahn selbstverständlich auf stumm geschaltet, und ich esse ausschließlich geruchsneutrale Speisen.

So bin ich zuletzt gehörig in Stress geraten, als mich eine Freundin einen Abend vor meiner Reise nach Wien mit stark knoblauchhaltigen Gerichten verwöhnt hat. Bei dem Gedanken an meine armen Mitreisenden blieben mir die Bissen im Halse stecken. Ich versuchte, es mir egal sein zu lassen und das Essen zu genießen. Was nicht gelang. Am nächsten Morgen stand ich früh auf, um im Internet zu recherchieren, wie man eine Knoblauchfahne bekämpft. Da es noch dunkel war, ging ich mit meinem Nachtsichtgerät in Nachbars Gärten auf die Suche nach der empfohlenen Petersilie und Minzblättern. Ich kaute mir einen Wolf und dachte, damit wäre das Problem gelöst. Auf dem Weg zur Bahn vermerkte eine ältere Dame: „Ui, hier riechts aber nach Knoblauch!“ Du meine Güte, wenn es schon auf offener Straße mit einem gehörigen Abstand so auffällig roch, wie mochte es dann für meine Mitreisenden im geschlossenen Abteil und auf Tuchfühlung mit mir werden?

Meine Panik wuchs, als ich die vielen Leute auf dem S-Bahn-Steig sah. In der vollen S-Bahn würde ich zwölf Minuten lang eine Traube Menschen vollstinken, um dann eine Handvoll Leute eine Stunde lang im Zug zu belästigen, um dann eine Stunde lang mindestens meine beiden Sitznachbarn im Flugzeug zu quälen, um dann wieder eine knappe Stunde ein paar Wiener in der S-Bahn zu behelligen, um dann meine Freundin übel anzuhauchen. Nach der S-Bahn-Fahrt, in der ich das Atmen fast ganz einstellte, stürmte ich mit wehenden Fahnen in die erstbeste Apotheke und kaufte überteuerte Kaugummis mit zig Funktionen und Wirkungen. Gegen mein schlechtes Gewissen wappnete ich mich mit dem Argument, dass ja auch ich ständig von anderen Reisenden belästigt werde, die mir vorzugsweise ihre Rucksäcke, Laptoptaschen, Bäuche und Hintern ins Gesicht rammen, ist ja auch nicht schön! Ich versuchte, die Körperhaltung meiner Mitreisenden nicht als Reaktion auf meine Fahne persönlich zu nehmen, etwa wenn sie die Nase rümpften, sich von mir wegreckten oder am Halt hektisch davonhasteten.

Im Flugzeug saß ein Japaner neben mir, was mich irgendwie beruhigte. Ich gab mich dem unbegründeten Vorurteil hin, dass Japaner in jeglichen Lebenslagen nicht nur höflich dreinschauen, sondern sogar zu höflich sind, auch nur im Ansatz Schlechtes zu denken. Ein Europäer würde vielleicht denken: Igitt, was für ein Gestank! Und nichts sagen. Ein Asiate, so rechnete ich mir ohne Anhaltspunkte aus, würde nicht nur nichts sagen, sondern auch gar nichts denken. Doch dann hielt er sich die Nase zu. Ich rechnete hoch: Wenn sich ein Japaner, der sich sonst vor Höflichkeit kaum halten kann, die Nase zuhält, dann muss es mit meinem Atem wirklich wirklich schlimm sein. Oder die Asiaten sind gar nicht so höflich-diskret, wie ich dachte. Aber als er dazu die Backen aufblies, musste ich jäh lachen. Er betrieb nur Druckausgleich. Nun setzte auch endlich die Druckentlastung bei mir ein. Aber eines weiß ich gewiss: Nie wieder esse ich Knoblauch vor einer Reise!

Julia Siebert

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