Die deutsche Sprache ist schwer. Darin sind wir uns wohl alle einig. Und wer leidet nicht unter ihm, dem Konjunktiv. Wenn man ihn in Sätze einbauen muss, gerät man sprachlich leicht ins Stolpern und Straucheln.

Aber im praktischen Leben lässt uns der Konjunktiv federleicht durchs Leben schweben. Er hebt uns als Rockstar auf die Bühne und lässt uns die Welt umsegeln. Wir könnten ja, wenn wir wollten, und wenn die Umstände anders gewesen wären. Und so wird der Konjunktiv zum schönsten Fall, den uns die Sprache bietet. Denn hätten wir das „hätte“, das „könnte“ und „wäre“ nicht, wären wir einfach nur, was wir sind. Uns würden die Ausreden und Ausflüchte fehlen, ohne die wir zugeben müssten, dass wir schlicht faul, träge, sorglos und dumm sind. Was für ein Ausblick! Einmal besprach ich mit einer Gruppe russischer Studenten einen Zeitungsartikel, in dem Olli Kahn wegen einer Konjunktivitis die Bälle nicht halten konnte. Ich hielt den Text für eine Glosse und die Konjunktivitis für eine geistreiche Worterfindung des Journalisten, der Olli Kahn aufs Glatteis führen wollte. Nach dem Motto: Wäre dies und das nicht gewesen, hätte er die Bälle natürlich halten können.  Als gewissenhafte Lehrerin habe ich das Wort nachgeschlagen. Konjunktivitis ist keine sinnhafte Wortkreation, sondern schlicht der medizinische Fachbegriff für eine Bindehautentzündung. Wie enttäuschend. Aber hier wird es wieder schlüssig. Ohne die Konjunktivitis wäre Olli Kahn kein Ball durchgegangen, und so bleibt er, was er ist – ein Superheld im Tor.
Der Konjunktiv bewahrt uns nicht nur vor den Peinlichkeiten unseres Unterlassens und Nichtkönnens, sondern auch davor, einen klaren Standpunkt zu beziehen. Er lässt immer und überall ein Hintertürchen offen. Wir würden uns freuen, wir könnten uns vorstellen, wir wären nicht froh … und wenn uns etwas zu heikel wird, können wir uns am Ende klammheimlich aus der Affäre stehlen, denn wir hatten ja nichts fest versprochen. Ein Freund schrieb mir mal: Der Konjunktiv in der Vergangenheit ist Ballast. Und damit hat er recht, wenn er meint, dass wir uns dann nicht ständig grämen würden: „Ach, hätte ich mich doch anders entschieden“. Ja, schon, im ersten Moment grämen wir uns, aber nach allzu kurzer Gram landen wir wieder treffsicher in der Vorstellung paradiesischer Umstände. Wenn wir uns anders entschieden hätten, wäre jetzt alles gut. Und das zeigt uns eines ganz klipp und klar: Es geht. Es geht alles. Alles ist möglich und könnte besser sein, wenn nur …
Wo sollten wir also unseren Optimismus, unsere Motivation hernehmen, wenn nicht aus dem Konjunktiv?! Wer den Konjunktiv fleißig lernt und beherrscht, der darf auch träumen und als Rockstar über die Bühne tanzen.

03/11/06

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