Lena Kot, 38, ist seit 1990 behandelnde Ärztin im Pawlodarer Gebietskrankenhaus. Sie kümmert sich vor allem um Patienten mit Blutkrankenheiten. In ihrer Freizeit lernt sie Deutsch und beschäftigt sich mit Journalistik. Das Schreiben bezeichnet sie selbst als „Nebenjob für meine Seele“. Den Text, den die DAZ abdruckt, verfasste Lena Kot für ein Seminar am Sprachlernzentrum Pawlodar.

Von einem bekannten Journalisten habe ich gehört, dass Schreiben ein Versuch ist, um eigene Probleme zu lösen oder um die Tragik des Lebens zu mildern. Wegen meines Berufs habe ich genug Probleme, und tragische Erfahrungen sind allgegenwärtig. Ich bin Ärztin von Beruf und seit fast 15 Jahren behandle ich in Pawlodar Leukämie, Lymphknotenkrebs und andere sogenannte „hoffnungslose“ Blutkrankheiten.

Unglücklicherweise leiden wir nicht unter einem Patientenmangel. 2004 wurden in Kasachstan 4.411 neu an Blutkrebs erkrankte Menschen registriert, das sind 4,7 Prozent mehr als im Jahre 2000. Zum Glück ist laut eines Berichts des Gesundheitsministeriums Kasachstans von 2004 die Zahl der an der Krankheit Verstorbenen um 13,9 Prozent gesunken. Darauf sind wir stolz, das macht uns optimistisch. Wir arbeiten jetzt mit modernen Arzneimitteln, die zu den verletzten Zellen passen wie ein Schlüssel zu einem Schloss. Hierbei handelt es sich um hochentwickelte „intelligente“ Medikamente, die in der Schweiz und in Deutschland produziert werden. Wenn sehr genau diagnostiziert werden kann, haben viele die Chance, geheilt zu werden. Auf das Kriterium „Überlebenschancen“ folgt ein weiteres, die „Lebensqualität“, welche sich über körperliches und emotionales Wohlergehen, außerdem über die Möglichkeit, aktiv zu leben und arbeiten zu können, definiert. Nur dieses Kriterium relativiert die eigene Aussicht auf eine Heilung. Es ist wichtig, auch ersten positiven Veränderungen in der Gefühlswelt des Patienten auf den Zahn zu fühlen. Sicherlich muss man als Arzt mehr arbeiten, um eine Genesung als Belohnung zu bekommen, aber kleinste Verbesserungen sollten als Erfolg gewertet werden.

Seit dem Abschluss der Medizinischen Akademie arbeite ich im Pawlodarer Gebietskrankenhaus. Die Abteilung der Blutkrankheiten existiert schon seit 20 Jahren. Monatlich behandeln wir, drei Ärzte und elf andere Mitarbeiter, im Durchschnitt 40 Patienten mit Blutkrebs.

Schon seit fast 15 Jahren sehe ich in die Augen meiner Patienten, für welche eine Welt zusammengebrochen zu sein scheint, unterhalte mich mit ihnen und mit ihren Verwandten, aber auch mit mir selbst. Denn in dieser Branche gibt es für die Patienten, aber auch für mich so viele Fragen, auf die sich keine eindeutigen Antworten finden lassen: Warum ich? Warum jetzt? Was ist jetzt mit den Angehörigen? Mit den Kindern? Mit den Verwandten? Wem kann man sich anvertrauen?

Vielleicht könnte man als Betroffener einfach allein zu Hause bleiben und auf das Schicksal warten. Aber was dann? „Die Diagnose verändert zwar das Leben radikal, bedeutet aber nicht automatisch das Ende“, so lautet die allgemeine Meinung der Mediziner. Und jeder geht durch Phasen des Zorns, der Depression und Demut, aber auch des Kampfes. Unsere Patienten durchleben dies mit verschiedenen Gefühlen oder manches Mal auch ganz ohne sie. Ich bin fest davon überzeugt, dass die wichtigste Aufgabe ist, sie kompetent und liebevoll durch alle diese Schwierigkeiten zu begleiten. Es ist unglaublich schwer, jeden Tag zu beobachten, wie Leute mit dem Schicksal „Krebs“ umgehen und den Kampf gegen die Krankheit zu meistern versuchen. Es ist ebenso schwierig, einen Patienten davon zu überzeugen, dass er vieles selbst kann, denn die Ärzte und die Arzneimittel stellen lediglich einen Teil der Behandlung dar. Es kommt vor, dass die Krankheit sogar den Patienten zu Geduld, Mitleid und zur Mobilisierung aller seelischen Kräfte erzieht. Mit solchen Patienten wachse ich zusammen. Diese Arbeit muss von allen Beteiligten gemeinsam geleistet werden. Wenn der Patient, der Arzt und die Familie harmonisch zusammen arbeiten, besteht die größte Chance auf einen Sieg.

Oft leisten auch Verwandte einen großen Beitrag dazu, manchmal erscheint es jedoch schwer, genügend Unterstützung zu finden: „Wir kämpfen gemeinsam!“, möchte ich dann den Angehörigen ab und zu zurufen. Die Tochter eines meiner Patienten hat mir einmal gesagt: „Vielen Dank! Nach der zweiten Chemotherapie liest Vati wieder Zeitungen und sieht fern!“ Ich war in diesem Moment einfach glücklich. Zwei Jahre sind vergangen und ich bin immer noch in Kontakt mit dieser Familie. Man kann also sagen: Krebs muss nicht unbedingt ein Schicksal sein!

Von Lena Kot

09/06/06

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